Corona-Impfung und Herdenimmunität – Wann ist die erreicht und wie sicher sind wir dann?

Die Idee klingt verlockend: Wenn genügend viele Menschen gegen Corona geimpft oder von der Krankheit genesen sind, läuft sich die Pandemie sozusagen tot. Das Konzept hat leider einige Haken, bietet aber selbst bei nur teilweiser Umsetzung interessante Möglichkeiten.

Eine Person bekommt eine Impfung mit einer Impfspritze, in der sich der Impfstoff Comirnaty ( BNT162b2, Biontech / Pfizer ) befindet, in den Oberarm gespritzt.
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Man kann das Problem beschreiben wie zuletzt Sachsens Gesundheitsministerin Petra Köpping. Die SPD-Politikerin hat in dieser Woche eine teils mangelnde Impfbereitschaft im Land festgestellt. Außerdem hätten 5000 Sachsen ihre Zweitimpfung ausfallen lassen, womöglich wegen „heftiger Nebenwirkungen“ bei der Erstimpfung. Köpping warnte vor unvollständigem Impfschutz - und erklärte, die Herdenimmunität im Land sei „noch ein ganzes Stück weg“.

Man kann die Sache auch formulieren wie Frank Ulrich Montgomery, der Vorsitzende des Weltärztebundes. Der Mediziner hat vor einigen Tagen erst gefordert, stärker auf „Impfskeptiker und Impfleugner“ zuzugehen. „Wenn wir nicht auch einen Teil dieser Gruppe vom Sinn der Impfung überzeugen, werden wir die Herdenimmunität nicht erreichen“, warnte Montgomery. Denn, dafür sorgt die hochansteckendere Delta-Variante des Erregers: „Wer sich nicht impfen lässt, wird sich früher oder später mit dem Coronavirus infizieren.“

Vielleicht aber nochmal zur Erklärung: Vom Begriff der Herdenimmunität ist ja gerade auch in diesen Tagen immer wieder einmal die Rede – aber was ist damit überhaupt gemeint? Das Konzept kommt eigentlich aus der Tiermedizin und es geht dabei eigentlich um den Schutz von Tierbeständen. Im Corona-Kontext und bei anderen Krankheiten wird die Idee auf den Menschen übertragen. Dabei geht es vor allem darum, dass genügend viele Menschen – entweder durch eine Impfung oder durch eine durchgemachte Infektion - immun gegen ein bestimmtes Virus geworden sind.

Denn das würde die Ausbreitung des Erregers abbremsen – und zwar so stark, dass auch noch Ungeimpfte im Idealfall kaum mehr krank werden. Das Corona-Virus kann zwar vermutlich nicht mehr ganz ausgerottet werden, aber in diesem Szenario hätte es seinen Schrecken verloren.

Konzept lässt sich nur bedingt auf Menschen übertragen

Das Problem ist: Das tiermedizinische Konzept lässt sich eben nur mit Abstrichen auf uns übertragen: Menschen leben nicht in abgeschlossenen Gruppen, sie sind mobil, teils auch über Landesgrenzen. So kann auch der Erreger immer wieder neu in eine Gesellschaft eingeschleppt und in ihr weitergegeben werden. Außerdem kommen immune Menschen nicht völlig gleichmäßig über die Bevölkerung verteilt vor. In ungeschützten Bereichen, etwa in Schulen, kann es also durchaus weiter Ausbrüche geben.

Dazu kommt die Frage, wie lange Genesene eigentlich geschützt sind – und auch, wie lange die Wirkung der Impfungen vorhält. Wenn man all diese Einschränkungen kennt, kann man sich natürlich trotzdem die Frage stellen, wie viel immune Menschen es für die Herdenimmunität brauchen würde. Klar ist: Das hängt bei jeder Infektionskrankheit davon ab, wie ansteckend der Erreger jeweils ist. Deswegen liegt die Schwelle zum Beispiel bei den Masern besonders hoch, hier sind 95 Prozent nötig.

Delta macht uns die Sache schwer

Bei Corona sollte der Wert auf jeden Fall niedriger liegen. Im vergangenen Jahr hatten Forscher geschätzt, dass so in etwa zwei Drittel der Bevölkerung immun sein müssten, um den Effekt zu erzielen. Doch seitdem ist einiges passiert, vor allem ist der Erreger durch Mutationen viel ansteckender geworden. Da kommt die berühmt-berüchtigte Delta-Variante ins Spiel, die auch in Deutschland immer verbreiteter wird. Laut der jüngsten Statistik machte sie immerhin schon 15 Prozent der Infektionen aus. Mittlerweile dürften die Werte sogar noch höher liegen. Die Delta-Variante ist viel ansteckender als der sogenannte Wildtyp des Virus, der uns im vergangenen Jahr beschäftigt hat.

„Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Delta-Variante während des Sommers erheblich zirkulieren wird, besonders unter jüngeren Menschen, die nicht geimpft werden", warnt Andrea Ammon, Leiterin des Europäischen Zentrums für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC). Ihre Behörde schätzt konkret, dass die Delta-Variante 40 bis 60 Prozent ansteckender ist als die Alpha-Variante, die derzeit die häufigste Virusvariante in der EU ist. Und die war schon deutlich ansteckender als der ursprüngliche Erreger.

Der Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, hat zuletzt das Ziel von über 80 Prozent Geimpften und Genesenen gesetzt, um weitgehend auf Maßnahmen und Regeln verzichten zu können - und die Pandemie trotzdem nicht wieder Fahrt aufnehmen zu lassen. Doch angesichts der Bedrohung durch die Delta-Variante zweifeln manche Experten sogar daran, ob das ausreicht. Der Mediziner Carsten Watzl, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, geht mittlerweile von einer Schwelle von wohl rund 85 Prozent aus.

Problem: Fehlende Kinderimpfung

Und so ein Wert wäre kaum erreichbar, solange es für Kinder unter 12 Jahren keinen zugelassenen Impfstoff und für Minderjährige keine allgemeine Impfempfehlung gebe. Zur Erinnerung: Kinder machen 17 bis 18 Prozent der Bevölkerung aus.  „Es kann sein, dass Herdenimmunität nur für einzelne Einrichtungen wie Pflegeheime erreicht werden kann, aber nicht für das Gros der Bevölkerung“, lautet daher Watzls Fazit.

Allerdings wäre aus Sicht des Immunologen auch das Erreichen einer Impfquote von 60 bis 70 Prozent schon eine große Hilfe bei der Pandemiebekämpfung: „Die Hoffnung ist, dass es dann nur noch zu kleineren Ausbrüchen kommt, die keine Lockdownmaßnahmen mehr erfordern.“

Dieses Thema im Programm MDR JUMP am Wochenende | 26. Juni 2021 | 17:45 Uhr

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