Sollten die Jüngeren zuerst geimpft werden?

Im Moment sollen durch die knappen Corona-Impfungen die Risikogruppen vor allem geschützt werden. Aber wäre es nicht sinnvoller jüngere Menschen mit mehr Kontakten zu immunisieren?

Eine Person bekommt eine Impfung mit einer Impfspritze, in der sich der Impfstoff Comirnaty ( BNT162b2, Biontech / Pfizer ) befindet, in den Oberarm gespritzt.
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Viele von uns müssen noch lange auf die Corona-Impfung warten. Wer wissen will, wie lange es – so in etwa – noch dauert, kann Tools wie den von zwei Absolventen der Uni Wien entwickelten „Omni Calculator“ nutzen. Hintergrund der Wartezeit ist die Impfstrategie. Weil monatelang nicht genug Impfdosen für alle da sind, braucht es einen Plan, wer wann drankommt. Und da gilt in Deutschland wie in vielen, vielen anderen Ländern: Alte Menschen werden zuerst geimpft.

Der entscheidende Grund für diese Priorisierung: Vor allem unter Älteren fordert Corona überdurchschnittlich viele Todesopfer. Wer die Senioren als erstes impft, rettet die meisten Lebensjahre. Infektionen zu vermeiden, das klappt dagegen zumindest am Anfang noch nicht so richtig. „Bei allem Optimismus muss uns klar sein, dass durch die Impfung zumindest in den ersten drei Monaten des neuen Jahres kaum Entlastung für das Infektionsgeschehen zu erwarten ist", sagt etwa die Vorsitzende der Ärztegewerkschaft Marburger Bund, Susanne Johna.

Särge mit den Leichen von Menschen, die am Coronavirus gestorben sind, liegen auf dem Boden eines Parkplatzes in der Leichenhaus von Collserola in Barcelona.
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Klar ist aber: Insgesamt stehen in Deutschland rund 50.000 Todesfälle im Zusammenhang mit der Pandemie. Wer die Gruppe der gefährdeten Senioren schützt, löst ein entscheidendes Problem der Pandemie. Unsere aktuelle Impfstrategie versucht genau das.

Jüngere tragen das Virus weiter – auch zu Älteren

Nun kann man sich allerdings fragen, ob diese Strategie auch angemessen ist. Die deutlich ansteckenderen Virusmutanten, die zuerst in Großbritannien und Südafrika bekannt geworden sind, könnten uns in den kommenden Wochen womöglich eine Welle von Infektionen bescheren – trotz weitgehendem Shutdown. Darauf deuten jedenfalls die aktuellen Nachrichten aus Großbritannien hin, wo das Gesundheitssystem stellenweise in die Knie gegangen ist.

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Womöglich wäre es vor diesem Hintergrund schlauer, Infektionen unter den jüngeren, mobileren Menschen im Berufsleben zu verhindern. Sie haben die meisten Kontakte, sie tragen das Virus weiter – auch zu Senioren.

Wenn der Erreger unter den Jüngeren zirkuliert, ist es bisher leider nicht wirklich gelungen, die Alten zu schützen. Und auch unabhängig von den bedrohlichen Mutationen gilt im Prinzip: Womöglich wäre es besser, einen 25-Jährigen zu impfen, der womöglich zehn Menschen angesteckt hätte, von denen zwei schwer erkrankt wären - und nicht einen 80-Jährigen, der nur eine oder zwei weitere Personen ansteckt, von denen keine erkrankt.

Allerdings sagen Forscher auch: Solche Planspiele machen nur unter zwei Bedingungen überhaupt Sinn. Zum einen braucht man einen Impfstoff mit hoher Wirksamkeit, zum anderen muss dieser in ausreichendem Maße zur Verfügung stehen. Die magische Grenze wäre demnach, wenn man etwas die Hälfte der Bevölkerung impfen kann. Da sind wir noch nicht ansatzweise.

Indonesien probiert einen anderen Weg

Auf eine Änderung der Impfstrategie in Deutschland gibt es aktuell auch noch keine Hinweise. Aber zumindest ein Land sorgt international derzeit für Schlagzeilen, weil dort tatsächlich die Jüngeren zuerst geimpft werden. Indonesien hat einen entsprechenden Beschluss gefasst. Und das ist immerhin der Staat mit der viertgrößten Einwohnerzahl der Welt. Von den 270 Millionen Bewohnern sollen neben medizinischem Personal, Beamten und religiösen Führern auch die 18- bis 59-Jährigen als erstes die Spritze bekommen.

Eine Mitarbeiterin gibt einer Freiwilligen während einer Impfübung eine Injektion.
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Dafür gibt es mehrere Gründe. Einer hat mit dem chinesischen Impfstoff zu tun, der zum Einsatz kommt. Der wurde in Indonesien nicht an Älteren getestet – und man will deswegen abwarten. Allerdings spielt auch etwas anderes eine Rolle: „Es wird helfen, die Wirtschaft wieder anzukurbeln“, hofft Indonesiens Präsident Joko Widodo. Man will, dass die arbeitende Bevölkerung möglichst schnell wieder ihren Jobs nachgehen kann – ohne die Krankheit mit nach Hause zu bringen, wo oft auch die Mitglieder der älteren Generation leben.

"Manche sagen, wenn man die öffentliche Gesundheit fördert, wird die Wirtschaft leiden und umgekehrt. Aber wir können die öffentliche Gesundheit nicht wiederherstellen, wenn wir die Wirtschaft nicht wieder ankurbeln. In diesem Sinne versucht die Regierung also, beides zu tun“, wirbt Faisal Hastiadi, der Sprecher des indonesischen Handelsministeriums.

Es wird weitere Diskussionen geben

Die Frage ist: Wird womöglich die wirtschaftliche Genesung mit Menschenleben bezahlt? Das kann aktuell niemand sagen. Aber die Gefahr besteht in Indonesien mit seiner Impfstrategie auf jeden Fall. Denn nach wie vor ist nicht klar, ob Geimpfte trotzdem weiter ansteckend sind. Wäre das aber der Fall und würde sie nach den Spritzen unvorsichtiger bei den Corona-Regeln werden, dann würden sie für die Älteren eine noch größere Gefahr darstellen.

Das gilt im Übrigen nicht nur in Indonesien, das würde auch bei uns gelten.

Über die richtige Strategie wird in den kommenden Monaten bei uns noch viel diskutiert werden. In Meinungsumfragen sagen etwa 40 Prozent der Befragten in Deutschland, dass sie mit dem aktuellen Impfplan der Regierung nicht zufrieden sind.

Wie wird es also weitergehen? „Wir werden in eine Situation kommen, wo wir große Teile der Risikogruppen geimpft haben und es dann Kräfte geben wird, die sagen, dass es jetzt keinen Grund mehr gibt für Einschränkungen“, prognostiziert der Virologe Christian Drosten von der Charité in Berlin. „Letzteres wird allerdings eine Fehleinschätzung sein, denn wir dürfen grundsätzlich keine sehr hohe Inzidenzen zulassen. Auch nicht bei den Jüngeren.“

Dieses Thema im Programm MDR JUMP am Wochenende | 24. Januar 2021 | 14:40 Uhr

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