Die Impfstrategie in Israel zeigt Erfolge

Die Impfdosen wurden teurer eingekauft als unsere, Pharmakonzerne erhalten mehr Patientendaten – aber dafür geht in Israel die Corona-Impfkampagne mit unglaublicher Geschwindigkeit voran. Und jetzt gibt es offenbar die ersten greifbaren Ergebnisse.

Menschen warten in einem Gesundheitszentrum auf eine Covid-19-Impfung
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Israel ist Weltmeister – Impfweltmeister, um genau zu sein. Kein Land hat bisher einen so großen Anteil seiner Bevölkerung gegen den Sars-CoV-2-Erreger geimpft. Statistisch gesehen haben aktuell mehr als 600 von 1000 Bürgern bereits eine Spritze bekommen. Zum Vergleich: Bei uns liegt der Wert bei gut 34. Nun muss man wissen, dass Israel natürlich deutlich weniger Einwohner als Deutschland. Das heißt: Mit einer bestimmten Menge an Impfdosen kommt man dort auf eine deutlich höhere Impfquote.

Aber, und das ist wichtig: In Israel können wir sozusagen in die Zukunft sehen. Man sieht, wie sich die Corona-Pandemie entwickelt, wenn eine große Zahl der Bürger geimpft ist. Und da gibt es aktuell positive Nachrichten: Laut ersten Analysen sind die Infektionszahlen bei Risikogruppen zuletzt gesunken. Das ist ja das, worauf bei uns auch viele hoffen – auch wenn wir auf solch positive Effekte sicher noch einige Monate warten müssen.

Weniger Infektionen, weniger Krankenhauseinweisungen, weniger schwere Fälle

Benjamin Netanjahu (r), Ministerpräsident von Israel, wird im Schiba-Krankenhaus gegen Corona geimpft
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„Wir sagen mit Vorsicht, dass der Zauber begonnen hat“, berichtete dagegen der Bioinformatiker Eran Segal vom Weizmann-Institut für Wissenschaften im israelischen Rechovot auf Twitter. Der Forscher verwies auf Trends in der Gruppe der über 60-Jährigen, die als erste geimpft wurden. Dort seien in den vergangen Wochen 35 Prozent weniger Infektionsfälle registriert worden, 30 Prozent weniger Krankenhauseinweisungen und 20 Prozent weniger schwere Krankheitsfälle. Der Effekt bei den Senioren sei ausgeprägter als in den später geimpften jüngeren Altersgruppen und so in Lockdown-Zeiten noch nicht beobachtet worden.

Das spricht tatsächlich dafür, dass erste Erfolge der Impfkampagne zu sehen sind. Als Beleg dafür lieferte Segal auch Daten, wonach es in Orten mit unterschiedlichen Impf-Niveaus auch eine unterschiedliche Entwicklung der Fälle gibt. In Städten mit hoher Beteiligung gingen die Fälle zurück, in anderen Gemeinden gebe es den Effekt noch nicht. Die Wirkung des Impfstoffs sei also gravierend.

Impfstoff womöglich noch wirksamer als Zulassungsstudien herausgefunden haben

Eine israelische Kindergärtnerin erledigt Reinigungsarbeiten als Vorbereitung auf die Wiedereröffnung des Kindergartens.
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Interessant sind auch Datenauswertungen zu den Menschen, die bereits ihre zweite Impfung erhalten haben. Das israelische Gesundheitsministerium berichtete, dass von 428.000 Menschen, die ihre zweite Dosis erhalten hatten, eine Woche später nur 63 Personen, also rund 0,014 Prozent, an Corona erkrankt seien. Die beiden großen israelischen Gesundheitsdienste Clalit und Maccabi berichteten auch über positive Effekte der Impfung, wiesen jedoch gleichzeitig darauf hin, dass die Ergebnisse noch vorläufig seien.

Insgesamt scheinen die vorliegenden Zahlen aber die Ergebnisse der groß angelegten Zulassungsstudien des Biontech/Pfizer-Impfstoffs zu bestätigen. Danach hat das Präparat eine Wirksamkeit von 95 Prozent. Laut den ersten Daten aus Israel könnte es nun sogar noch effektiver sein.

Impfstoff kommt aus Werken in Europa

Ein junges Paar experimentiert damit, seine Zuneigung in der Öffentlichkeit mit obligatorischen Gesichtsmasken auszudrücken.
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Israel verfügt über ein stark digitalisiertes Gesundheitssystem. Das erleichtert die Impfkampagne und die Erfolgskontrolle. Genutzt wird der Impfstoff von Biontech/Pfizer, der auch bei uns zum Einsatz kommt. Er stammt auch aus denselben Werken in Deutschland und Belgien.

Deutschland hat das Präparat zusammen mit den anderen EU-Staaten eingekauft, Israel hat alleine verhandelt – und zahlt offenbar deutlich höhere Preise. Das Land hat außerdem zugesichert, dass die Pharmakonzerne im Gegenzug für ihre Lieferungen umfangreiche Gesundheitsdaten zu den Geimpften erhalten. Zudem übernimmt der Staat die Haftung im Fall von Problemen. Aber vielleicht ist es das ja alles auch durchaus wert, berücksichtigt man die wirtschaftlichen Gesamtschäden durch die Pandemie.

Omri Boehm: "Israel – eine Utopie"
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Wie bei uns gibt es auch in Israel derzeit einen weitgehenden Lockdown, es ist der insgesamt dritte. Und trotz der offensichtlich sichtbaren Effekte der Impfung wird das öffentliche Leben im Land sicher noch für einige Zeit eingeschränkt bleiben. Trotz der Impfkampagne gibt es nämlich noch immer viele Infektionen und Todesfälle. Im Januar starben mehr als 1000 Menschen, es war damit der Monat mit den meisten Opfern der gesamten Pandemie im Land.

Warnung vor zu schnellen Lockerungen

Forscher Segal warnte deswegen auch vor zu schnellen Lockerungen, etwa einer baldigen Wiedereröffnung von Schulen. Sonst drohe ein Anstieg der Infektionsrate den Einfluss der Impfstoffe „komplett zunichtemachen“. Auch bis zur Herdenimmunität – das ist das Phänomen, dass auch Ungeimpfte geschützt sind, weil sich das Virus in der Bevölkerung nicht mehr gut genug weiterverbreiten kann – ist es nach Ansicht des Forschers noch weit: „30 Prozent sind unter 16 und viele andere wollen sich nicht impfen lassen.“ So gibt es in ultraorthodoxe jüdische Gemeinschaften nach wie vor besonders viele Coronafälle.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP am Wochenende | 07. Februar 2021 | 17:40 Uhr

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