Impfstau: Warum liegt so viel Impfstoff im Kühlschrank?

Was ist dran am angeblichen „Impfstau“? Warum wird so viel Impfstoff aktuell nicht genutzt? Und brauchen wir nicht vielleicht eine andere Impfstrategie? Hier ein paar Antworten.

Ampullen mit dem Corona-Impfstoff des Herstellers AstraZeneca stehen in kleine Kartons verpackt in einem Kühlschrank.
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Man kann die Sache positiv sehen. Denn statistisch wird in Deutschland etwa alle 0,7 Sekunden eine Corona-Impfung durchgeführt. Pro Tag macht das in der Summe etwa 130.000 Impfungen. An Arbeitstagen sind es traditionell etwas mehr, an Wochenenden etwas weniger. So sind aktuell bundesweit immerhin schon rund 5,5 Millionen Impfungen zusammengekommen. Wobei – das nur als Erinnerung – für einen vollständigen Schutz durch die bisher zugelassenen Präparate von Biontech/Pfizer, Moderna und AstraZeneca jeweils zwei Spritzen pro Person nötig sind.

Ein Arzt impft eine Person gegen Grippe.
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Wenn man es nicht ganz so positiv sehen will, kann man folgende Rechnung aufmachen: Bis Mitte dieser Woche hat Deutschland rund 8,5 Millionen Dosen an Impfstoff von den drei Herstellerfirmen erhalten. Verimpft waren, wie gesagt, davon zu diesem Zeitpunkt nur 5,5 Millionen. Der Rest liegt also, wenn man es etwas überspitzt formulieren will, im Kühlschrank herum. Warum ist das so?

Dafür gibt es mehrere Gründe. Zum einen halten die Verantwortlichen in den unter der Regie der Bundesländer betriebenen Impfzentren jeweils einen Teil zurück. So soll sichergestellt werden, dass immer genug Impfstoff für die Menschen zur Verfügung steht, die zu ihrer Zweitimpfung kommen. So soll verhindert werden, dass vereinbarte Termine gecancelt werden müssen, wenn sich Impfstofflieferungen von den Herstellern, wie bisher bereits immer wieder einmal passiert, verzögern sollten oder kleiner ausfallen.

Doch diese Sicherheitsmarge allein reicht nicht aus, um die hohe Zahl an ungenutzten Impfdosen zu erklären.

Ein Impfstoff steht im Mittelpunkt des Interesses

Obwohl rund 90 Prozent der bisherigen Impfungen mit dem Präparat von Biontech/Pfizer erfolgt sind, steht aktuell ein anderes Präparat im Blickpunkt der Öffentlichkeit. Es handelt sich um das Mittel von AstraZeneca. Das ist in Deutschland wegen fehlender Daten von der Ständigen Impfkommission (Stiko) zunächst nur für Menschen unter 65 Jahren zugelassen.

Bei vielen Jüngeren hat dieser Impfstoff außerdem ein Imageproblem – wenngleich es dafür keinen echten Grund gibt. Berichte über starke Impfreaktionen sind – obwohl das völlig normal ist und solche Reaktionen auch bei Biontech/Pfizer und Moderna auftreten können – auch nicht akzeptanzfördernd.

Fläschchen mit Corona-Impfstoffen
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Tatsache ist: Stand Mittwoch wurden in drei Lieferungen bislang rund 1,4 Millionen Dosen des AstraZeneca-Impfstoffs an die Bundesländer ausgegeben, aber nur 238.500 waren zu diesem Zeitpunkt tatsächlich verimpft. Einige Bundesländer hatten an diesem Punkt noch nicht einmal die erste Lieferung an die Frau oder den Mann gebracht. In Baden-Württemberg, Hessen und Sachsen waren lediglich knapp ein Viertel davon gespritzt worden, in Thüringen etwa ein Drittel. Nordrhein-Westfalen, Sachsen-Anhalt und das Saarland haben dagegen bereits größere Teile der bisherigen Lieferungen verimpft.

Das Ganze ist nicht nur ein Image-Problem

Wie lässt sich der - wie Andreas Gassen, Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), ihn nennt - „Impfstau“ nun erklären? Liegt es tatsächlich am schlechten Image von AstraZeneca? Womöglich – aber wenn, dann wohl nur ein bisschen.

Zwar heißt es etwa aus Rheinland-Pfalz, dass der Anteil der nicht wahrgenommenen Termine in den Impfzentren bei AstraZeneca höher sei als bei Biontech. In Sachsen sei der Impfstoff in 50 von 1000 Fällen abgelehnt worden, hieß es. Aus Nordrhein-Westfalen war dagegen zu hören, Hinweise auf eine verhaltene Impfbereitschaft mit Blick auf AstraZeneca könne man nicht bestätigen.

Einen womöglich größeren Teil der Erklärung macht die Altersbeschränkung aus. Geimpft wird ja nach Prioritätsgruppen. Und einen großen Teil der aktuell vorgesehenen Gruppe Eins machen Über-80-Jährige und Bewohner von Pflegeheimen aus – und für die kann das Mittel von AstraZeneca einsteilen nicht eingesetzt werden. Vom medizinischen und pflegenden Personal aus der ersten Gruppe haben viele schon Biontech/Pfizer erhalten - oder haben generell kein Interesse an einer Impfung.

Jetzt auch Impfungen in der Prioritätsgruppe Zwei

Deswegen bieten mehrere Länder nun auch Menschen mit zweithöchster Priorität einen Termin an, wenngleich auch hier die 70 bis 80-Jährigen kein AstraZeneca bekommen können – und das Problem womöglich fortbestehen bleibt. Zumal in den kommenden Wochen weiterhing deutlich mehr Impfstoff geliefert werden soll als bisher in einer Woche jeweils verimpft wurde.

Sputnik V Impfstoff Russland
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Nun sollen zum Beispiel niedergelassene Ärzte und Zahnärzte, Praxispersonal oder Polizisten den verstärkt den Impfstoff bekommen – oder etwa Menschen mit schweren chronischen Lungenerkrankungen oder schwerer Diabetes. „Die Öffnung der Priorität zwei ist eine wichtige Nachricht für viele Menschen mit Behinderungen, Vorerkrankungen oder Beschäftigte in medizinischen Bereichen, die bis jetzt noch keine Termine vereinbaren konnten und die sehr dringend auf eine Impfung hoffen“, sagt etwa Sachsen-Anhalts Gesundheitsministerin Petra Grimm-Benne.

An den Impfgruppen selbst dürfte einstweilen kaum etwas geändert werden – bis auf ein bereits beschlossenes und angesichts der Schul- und Kitaöffnungen sehr wichtiges Detail: Durch die Änderung der Impfreihenfolge sollen bald auch Lehrkräfte an Grund- und Förderschulen sowie Kita-Erzieher geimpft werden können. Allein dafür legt zum Beispiel Sachsen-Anhalt ein Viertel der 107.000 Impfstoffdosen AstraZeneca zur Seite, die dem Land bis Ende März angekündigt sind.

Das Risiko, dass der Impfstoff von AstraZeneca verfällt und unbrauchbar wird, gibt es jedenfalls erst einmal nicht. Er kann laut Hersteller bei Kühlschrank-Temperaturen sechs Monate lang gelagert werden.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP Nachrichten | 23. Februar 2021 | 15:00 Uhr

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Ist die Ampulle von Biontech einmal geöffnet, muss der Impfstoff innerhalb weniger Stunden verimpft werden. Mal eben eine Corona-Impfung im Praxisalltag dazwischenschieben, geht damit kaum. Bildrechte: MDR/Martin Kliemank