„Sputnik V“: Starke Testergebnisse für russischen Corona-Impfstoff

Erst spritzen, dann testen: Im vergangenen Jahr war Russland für die überhastete Einführung seines Corona-Impfstoffs kritisiert worden. Doch neue Studiendaten zeigen, dass „Sputnik V“ zu einem Hoffnungsträger in der Pandemie werden könnte.

Eine Krankenschwester hält eine Ampulle mit Sputnik V Impfstoff in den Händen.
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Erster sowjetischer Satellit Sputnik 1 (gestartet am 4. Oktober 1957), ausgestellt im Weltraumpavillon in der Ausstellung wirtschaftlicher Errungenschaften (VDNKh), Moskau.
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Sputnik – auf Russisch heißt das Weggefährte oder Begleiter. Und dieses Wort hat gerade auch bei uns in der Region einen ganz besonderen Klang. Klar, auch wegen des gleichnamigen Radiosenders. Vor allem aber wegen des berühmten sowjetischen Weltraumprogramms. Der erste von Menschen gebaute Satellit, er funkte im Oktober 1957 Signale aus dem All, hieß „Sputnik 1“. Auch anschließend trugen mehrere Sonden den Namen.

An diese Tradition hat man sich in der russischen Regierung im vergangenen Jahr wohl erinnert. Es ging darum, einen populären Namen für den Corona-Impfstoff zu finden, den die Experten am Gamaleja-Institut für Epidemiologie und Mikrobiologie in Moskau entwickelt hatten. Und so wurde das Präparat „Sputnik V“ getauft.

Zunächst war der Impfstoff von internationalen Experten eher kritisch bewertet worden – vor allem, weil die russischen Behörden ihm im August 2020 eine Notfallzulassung erteilt hatten, ohne dass es Ergebnisse aus den üblicherweise bei der Medikamentenentwicklung zu absolvierenden Testreihen gab. Diese Versuche wurden erst nachgeschoben. Und trotzdem wurde schon mal fleißig für die Fernsehkameras geimpft, unter anderem die Tochter von Präsident Wladimir Putin.

Teils höhere Wirksamkeit als Konkurrenzprodukte

Nun haben die beteiligten Wissenschaftler die Ergebnisse der nachgeschobenen Versuche aber im international renommierten Fachmagazin „The Lancet“ veröffentlicht – und die lassen aufhorchen: Demnach hat „Sputnik V“ bei Tests mit mehr als 20.000 Freiwilligen eine Wirksamkeit von 91,6 Prozent gezeigt. Dabei erhielten gut 16.000 Probanden den Impfstoff und rund 50000 ein wirkungsloses Scheinmedikament.

Impfstoff Astrazeneca
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Die vermeldete Wirksamkeit des russischen Impfstoffs liegt im Bereich der Konkurrenzprodukte von Biontech/Pfizer und Moderna - sowie über jener von Astra Zeneca und anderen Herstellern, deren Impfstoffe noch auf die Zulassung hoffen.

Die Ergebnisse sind von unabhängigen Fachleuten begutachtet. Zu ihnen zählen Ian Jones von der britischen University of Reading und Polly Roy von der London School of Hygiene & Tropical Medicine. Beide schreiben in einem Kommentar: „Die hier berichteten Ergebnisse sind klar und das wissenschaftliche Prinzip der Impfung wird demonstriert“.

Vergleichsweise wenig Antikörper

Trotzdem stellen einige Beobachter die Frage, wie sehr den Angaben der russischen Mediziner zu trauen ist. Dazu kommen einige Details in der Ausgestaltung des Impfstofftests: So wurden Corona-Infektionen unter den Studienteilnehmern nur dann entdeckt, wenn die Teilnehmer selbst Symptome meldeten. Erst dann wurde ein PCR-Test durchgeführt. In Wahrheit könnte die Zahl der Infektionen also höher gelegen haben.

Außerdem weisen Experten wie der Impfstoffforscher Leif-Erik Sander von der Charité in Berlin darauf hin, dass bisher kein Studienprotokoll publiziert wurde. So sei unklar, ob die Teilnehmer nach Nebenwirkungen gefragt wurden. Das wäre aber wichtig zu wissen, wenn man die Verträglichkeit der Impfung beurteilen will.

Die Direktorin des Instituts für Virologie an der Technischen Universität München, Ulrike Protzer, im Porträt.
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Ulrike Protzer, Chefin der Virologie an der TU München, verweist darauf, dass die bei den Testreihen mit „Sputnik V“ gemessene Konzentration der sogenannten neutralisierenden Antikörper relativ gering ist. Das gelte sowohl im Vergleich zu Patienten, die bereits eine Infektion durchgemacht haben wie auch im Vergleich zu den mRNA-Impfstoffen. „Es bleibt die Frage, wie lange die Immunität anhält“, sagte Protzer.

Die russische Regierung sprach dagegen von einer „sehr wichtigen Veröffentlichung, die die Zuverlässigkeit und Wirksamkeit des russischen Impfstoffes gezeigt“ habe.

Technik ist lange erprobt

Impfvirus und Transportmittel in einem: Am Computer eingefärbte, elektronenmikroskopische Aufnahme eines Masernimpfvirus als Vektorimpfstoff.
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Bei „Sputnik V“ handelt es sich um einen sogenannten Vektorimpfstoff. Das bedeutet: Harmlose Viren werden sozusagen als Transporthülle genutzt. Dieses Verfahren wird zum Beispiel auch beim in der Entwicklung befindlichen Impfstoff der Pharmafirma Johnson & Johnson und beim Produkt von Astra Zeneca genutzt. Die, wie gesagt harmlosen, Impfviren tragen auch Erbgutstücke des Sars-CoV-2-Erregers in sich, um so das Immunsystem zu trainieren. Die Technik ist lange erprobt, allerdings kann der Körper gegen die Transporthülle immun werden. Daher werden beim russischen Präparat zwei unterschiedliche Vektoren für die beiden Impfdosen genutzt.

Der russische Impfstoff soll bei minus 18 Grad gelagert werden, allerdings hat das Gesundheitsministerium in Moskau auch Temperaturen von bis zu acht Grad genehmigt. Je geringer die Kühlanforderungen sind, desto einfacher kann der Impfstoff verteilt werden. Gerade in weniger gut entwickelten Ländern der Welt wäre das wichtig.

Möglicherweise Produktion in Dessau-Roßlau

Bisher verfügt der russische Impfstoff noch nicht über eine Zulassung in Europa, als einziges EU-Land hat Ungarn eine Notfallzulassung erteilt. In anderen Ländern wie Serbien, dem Iran oder Mexiko wird „Sputnik V“ aber bereits eingesetzt – und natürlich in Russland. Mindestens 1,5 Millionen Impfdosen sollen insgesamt bereits ausgeliefert worden sein. Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach geht nach eigenen Angaben davon aus, dass es auch bei uns zu einer Zulassung kommen wird. Das Verfahren bei der Europäischen Arzneimittelagentur Ema läuft gerade.

Zwei Personen in Schutzanzügen in Labor
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Der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission (Stiko) am Robert Koch-Institut, Thomas Mertens, sagte, er gehe davon aus, dass die russische Seite der Ema die notwendigen Originaldaten vorgelegt habe. „Ich wäre sehr glücklich, wenn wir über diesen Impfstoff die Möglichkeit hätten, unser Impfstoff-Portfolio zu erweitern“, so Mertens.

Womöglich könnte „Sputnik V“ nach einer Zulassung in Europa sogar bei uns in der Region produziert werden. Die russische Regierung hatte ja erklärt, „in naher Zukunft“ sei geplant, „die Produktion des Impfstoffs auch im Ausland aufzubauen“. Und nun gibt es seit kurzem eine Anfrage der Entwickler beim Pharmaunternehmen IDT Biologika in Dessau-Roßlau. Das hat Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff bestätigt. Bei IDT Biologika wird auch der Impfstoff von Astra Zeneca teilweise produziert, abgefüllt und verpackt. Außerdem arbeitet man zusammen mit anderen Forschungseinrichtungen an einem eigenen Impfstoff. Nach wenig ermutigenden Testergebnissen wurde das Präparat zuletzt nachgebessert.

Bevor die Produktion von „Sputnik V“ in Dessau-Roßlau starten könnte, würden laut IDT-Chef Jürgen Betzing aber noch mindestens vier bis fünf Monate vergehen. „Das wäre sehr ambitioniert, aber wir trauen uns das zu.“

Dieses Thema im Programm MDR JUMP am Wochenende | 07. Februar 2021 | 11:40 Uhr

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