Wie wirksam ist der Impfstoff von AstraZeneca wirklich?

Berichte über Impfreaktionen wie Fieber, Schüttelfrost und Schmerzen – und Diskussionen um die Wirksamkeit: Derzeit ist der Corona-Impfstoff von AstraZeneca in den Schlagzeilen. Doch Experten sehen das Präparat zu Unrecht kritisiert. Sie raten zur Impfung, aus einem plausiblen Grund.

AstraZeneca-Impfstoff liegt in einer Dose.
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Es ist eine ziemlich eigenartige Situation. Aus der Corona-Pandemie werden uns nur Impfungen herausbringen, doch die gehen nur schleppend voran. Einerseits. Doch andererseits lagern in Deutschlands Impfzentren offenbar gerade viele tausend Ampullen eines Impfstoffs, gegen den viele Menschen Vorbehalte haben und ihn deswegen nicht wollen. Die Rede ist vom Präparat des britisch-schwedischen Herstellers AstraZeneca.

Der Impfstoff hatte von sich Reden gemacht, weil er in Studien eine schlechtere Wirksamkeit als Konkurrenzprodukte gezeigt hatte. Außerdem gibt es immer wieder Berichte über starke Impfreaktionen – wie etwa aus Halle, wo einige Mitarbeiter des Elisabeth-Krankenhauses, des Bergmannstrosts und der Uniklinik nach der Impfung nicht zum Dienst antreten konnten. Sie hatten über erhöhte Temperatur, Schüttelfrost und Muskel- beziehungsweise Gelenkschmerzen geklagt.

Um es klar zu sagen, solche Impfreaktionen sind nicht unnormal, klingen schnell ab und sollten eigentlich kein Grund zur Sorge sein. „Die aufgeführten Nebenwirkungen entsprechen den in den Studien publizierten Ergebnissen und sind daher nicht überraschend“, hieß es denn auch von der Uniklinik Halle. Der Erlanger Infektionsimmunologe Christian Bogdan erklärte ebenfalls, die Symptome seien „Ausdruck der Immunantwort, die zeigt, dass im Körper tatsächlich etwas nach der Impfung passiert.“

Daten für Über-65-Jährige fehlen

Doch die möglichen Begleiterscheinungen sind lästig und obwohl sie bei allen Impfstoffen auftreten können, verschaffen sie dem von AstraZeneca gerade zusätzliche Negativschlagzeilen. Und das, wo das Präparat in Deutschland aktuell ohnehin nur für Menschen unter 65 Jahren empfohlen wird. Grund hier ist aber auch nur, dass es bisher einfach noch nicht genug Daten zur Wirksamkeit gibt.

Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Charité in Berlin
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Virologe Alexander Kekulé sagte MDR JUMP: "AstraZeneca ist ein Impfstoff zweiter Klasse." Doch andere Experten warnen genau vor dieser Einschätzung. So sagte der Virologe Christian Drosten von der Charité in Berlin auf die Frage, ob der Impfstoff von AstraZeneca besser sei als sein Ruf? „Ja, das kann ich ohne Zögern sagen.“ Das Präparat sei ein wichtiger Baustein im Kampf gegen die Corona-Pandemie. „Wir haben in Deutschland die Chance, frühzeitig aus dieser Pandemie herauszukommen. Das kann im zweiten Quartal plötzlich Schlag auf Schlag gehen“, so Drosten. Aber das könne nur gelingen, wenn die Politik bei ihrer Impf-Strategie auch auf den Impfstoff von AstraZeneca baue - und nicht nur auf den von Biontech/Pfizer.

Virologe Kekulé bestätigt MDR JUMP, dass es sinnvoll ist, den Impfstoff einzusetzen:

Wenn Sie nichts anders zur Verfügung haben, dann ist es besser, den AstraZeneca-Impfstoff zu haben, als gar nichts.

Alexander Kekulé, Virologe

„Wenn ein Impfstoff zugelassen wird, dann ist er sicher und wirksam“, sagt auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn. Alle drei bisher zugelassenen Impfstoffe schützten. Es sei ein „Gebot der Vernunft“, sich impfen zu lassen – und er würde das, wenn er an der Reihe sei, auch mit dem Impfstoff von AstraZeneca tun, so Spahn.

Der Vorsitzende des Weltärztebundes, Frank Ulrich Montgomery, sprach sich im Gegensatz dazu wegen der geringeren Wirksamkeit gegen eine AstraZeneca-Impfung bei medizinischem Personal aus – die Probleme ließen sich nicht „wegdiskutieren“.

Wichtig ist, überhaupt eine Impfung zu bekommen

Doch was hat es denn nun mit der geringeren Wirksamkeit auf sich, die der AstraZeneca-Impfstoff laut den Zulassungsstudien hat? Erstens gibt es in neueren Untersuchungen Hinweise darauf, dass die Zahlen deutlich besser sind, wenn zwischen Erst- und Zweitimpfung zwölf Wochen Pause liegen. Und zweitens muss man sich klar machen, was die Angabe zur Wirksamkeit eigentlich in der Praxis bedeutet. Eine Wirksamkeit von 60 Prozent heißt nämlich nicht, dass vier von zehn Menschen dann trotzdem Corona bekommen. Es bedeutet stattdessen: In der Gruppe der Geimpften gibt es 60 Prozent weniger Fälle wie unter nicht Geimpften. Das ist etwas anderes. Die Zahl der Corona-Erkrankungen liegt in diesem Fall deutlich niedriger.

„Im Alltag wird es für die meisten Menschen keinen nennenswerten Unterschied machen, welchen Impfstoff sie bekommen haben“, sagt daher auch der Impfstoffforscher Leif Erik Sander von der Charité Berlin. Wichtig sei, dass sie überhaupt eine Impfung erhalten hätten.

Denn egal bei welchem Präparat, egal ob bei BioNTech/Pfizer, Moderna, AstraZeneca – oder auch bei den noch nicht bei uns zugelassenen Impfstoffen von Johnson & Johnson oder Novavax – gilt: Die Impfungen scheinen extrem gut vor schweren Verläufen von Covid-19 zu schützen. Keine der in allen diesen Zulassungsstudien erfasste Person, und das waren viele, viele tausend Menschen, musste wegen Corona ins Krankenhaus, wenn sie vollständig geimpft war. Das gleiche gilt übrigens auch für den russischen Impfstoff Sputnik V und den der Firma Sinovac aus China.

Doch Virologe Alexander Kekulé sagte MDR JUMP, dass der AstraZeneca-Impfstoff allein die Corona-Krise nicht beenden könnte: "Der AstraZeneca-Impfstoff ist weniger wirksam. Und weniger wirksam heißt natürlich, dass man in dieser Größenordnung die Epidemie gar nicht kontrollieren kann." Daher sei es gut, auch andere Präparate nutzen zu können.

Drosten sieht keine Notwendigkeit, die Impfstoffe upzudaten

„Lassen Sie sich impfen“, lautet deswegen der Aufruf von Charité-Forscher Sander. Egal, mit welchem Impfstoff. Wenn man ganz großes Pech habe, infizieren man sich danach vielleicht trotzdem und bekomme leichte Symptome. Ein schwerer Verlauf der Erkrankung sei dann aber so gut wie ausgeschlossen. Und darauf kommt es ja an.

Und was ist mit den gefährlichen Virusvarianten? War nicht zu lesen, dass der Impfstoff von AstraZeneca zumindest gegen eine von ihnen, die ursprünglich in Südafrika aufgetreten ist, gar nicht wirkt? Braucht es da nicht einen neuen Impfstoff? Christian Drosten jedenfalls sagt: „Für Deutschland würde ich im Moment bei der derzeitigen Verteilung von Mutanten gar nicht davon ausgehen, dass man in allzu naher Zukunft so ein Update bei den Impfstoffen bräuchte. Wir werden sehr gut mit den jetzt verfügbaren Impfstoffen klarkommen.“

Dieses Thema im Programm MDR JUMP am Abend - Die Themen des Tages | 18. Februar 2021 | 19:20 Uhr

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