Umwelt vs. Wirtschaft: Heizpilze für Gastronomen?

Gastro-Retter in Coronazeiten – oder weiterhin vor allem eine Klimasauerei? Mit dem aufziehenden Herbst beginnt die Debatte um Heizpilze den Restaurants und Kneipen unserer Region.

Mitarbeiter eines Cafes regelt einen Heizpilz
Bildrechte: imago images / Christian Schroth

Ob auf dem Karli in Leipzig, der Kleinen Uli in Halle oder der Michaelisstraße in Erfurt: Ein Bierchen oder ein Aperol Spritz auf dem Freisitz der Lieblingskneipe – so ließ sich der Sommer genießen. Doch so langsam ist die schöne Zeit wohl erstmal vorbei. Mit dem mehr oder weniger schnell aufziehenden Herbst sinken auch die Temperaturen - und damit auch das Spaßlevel beim Draußensitzen.

Deswegen diskutiert unsere Region gerade wieder über ein Gerät, das schon seit Jahren immer wieder Gegenstand teils emotional geführter Debatten ist: den Heizpilz. 

Für die einen sind die einen ein bequemer und effektiver Weg, um es trotz Kälte draußen nett zu haben. Für die anderen wiederum sind sie eine Klimasauerei erster Güte. In einigen deutschen Städten wie Berlin, Hamburg, München oder Hannover gibt es deswegen bereits Beschränkungen oder Verbote. Bei uns in der Region wird auch immer wieder emotional darüber debattiert, etwa in Leipzig oder Magdeburg.

Unterstützung von ungewöhnlicher Seite

In diesem Jahr kommt neben dem Umweltaspekt ein neues Argument in die Diskussion: Die Infektionsgefahr mit dem Coronavirus ist draußen deutlich niedriger als drinnen. Um Gastronomen und Gästen in der Pandemie zumindest ein Stück weit eine Rückkehr in die Normalität zu erlauben, könnten Heizpilze da ja womöglich ganz nützlich sein - weil sie es erlauben, Gäste draußen zu bewirten, ohne dass die sich währenddessen Erfrierungen zweiten Grades zuziehen.

Unterstützung bekommt diese Idee von - zumindest im ersten Moment - ziemlich ungewöhnlicher Stelle: „Aus klima- und umweltpolitischen Gründen lehnen wir in Zeiten, in denen man im Restaurant oder Café im Winter ganz normal drinnen sitzen kann, den Betrieb von Heizpilzen im Außenbereich ab", so Grünen-Bundestagsfraktionschef Anton Hofreiter. Aber jetzt wird’s spannend: „In diesem Winter ist das alles anders und daher wäre ich in dieser speziellen Ausnahmesituation und mit Blick auf den Gesundheitsschutz dafür, Verbote zeitlich befristet auszusetzen.“

Ein Tauchsieder-Vergleich

Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) sieht das natürlich ganz ähnlich: „Wirte, die keine andere Möglichkeit haben, sollten in diesem Winter Gas-Heizpilze und Elektro-Wärmestrahler verwenden dürfen“, so Dehoga-Hauptgeschäftsführerin Ingrid Hartges. „Die Kommunen, die derzeit ein Verbot von Heizpilzen haben, sollten es in diesem Herbst und Winter aussetzen.“ Der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebundes, Gerd Landsberg, hat sich ebenfalls dafür ausgesprochen, eventuelle Verbote temporär auszusetzen.

Umweltschützer, etwa vom BUND, finden das allerdings einen ziemlich doofen Vorschlag. Heizpilze seien eine „Klimasauerei“, so BUND-Energieexpertin Irmela Colaço. Eine „Heizung, die auf der Straße steht und die Luft beheizt, ist der ineffizienteste Einsatz von Energie“. Wer draußen sitzen wollen, solle sich lieber eine Decke umlegen. Denn, so die Umweltschützerin: „Die Klimakrise macht keine Pause“.

Und ihre Kollegin Lisa Göldner von Greenpeace ätzt: „Wenn Gastronomen fordern, die Saison durch Heizpilze auszudehnen, klingt das so, als würden die Küstenregionen verlangen, mit Tauchsiedern die Badesaison an Nord- und Ostsee zu verlängern.“

Private Nutzung bleibt erlaubt

Was ist nun also von den Heizpilzen und der Debatten darum zu halten? Nun, am Ende muss sich jeder selbst eine Meinung bilden. Aber dabei helfen vielleicht zwei Rechnungen: Experten gehen davon aus, dass die Infektionsgefahr mit dem Coronavirus in Innenräumen etwa 20 mal so hoch ist wie draußen. Insofern ist das mit dem Draußensitzen aus Infektionsschutzgesichtspunkten sicher wirklich eine gute Idee.

Zumal jede verhinderte Infektion ja dabei hilft, dass die Lokale nicht doch wieder zumachen müssen. Und das wäre ganz ohne Zweifel eine Katastrophe für die ohnehin wirtschaftlich gebeutelten Gastronomen.

Die zweite Rechnung befasst sich mit den Klimafolgen der Heizpilze. Dass sie „Energie nur sehr ineffizient nutzen“ hat das Umweltbundesamt schon vor Jahren festgestellt. Im Detail ist es so, dass sie bei maximaler Leistung pro Stunde bis zu 3,5 Kilogramm Kohlendioxid freisetzen. Und wenn man mit dieser Information jetzt noch nicht so viel anfangen kann: Über das Jahr würde ein Heizpilz damit ungefähr so klimaschädlich sein wie ein Auto mit einer Fahrleistung von 12.000 Kilometern.

Ach, und was man auch noch sagen muss: Die Debatten um Heizpilze drehen sich nur um den öffentlichen Raum. Privat sind die Dinger auf jeden Fall erlaubt. Ob sie gerade da sinnvoll sind, muss auch jeder für sich beantworten.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP am Wochenende | 06. September 2020 | 11:40 Uhr

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