Schützt die Grippeschutz-Impfung auch vor Corona?

Bisher ist es nur ein Verdacht, den einige Wissenschaftler haben: Hilft eine Grippeimpfung womöglich auch, um sich vor Corona zu schützen? Hier die Fakten.

Grippeimpfung
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Im vergangenen Winter haben sich rund 14 Millionen Menschen in Deutschland gegen die Grippe impfen lassen. Nach den Statistiken des Robert Koch-Instituts hatte die Impfung dabei eine Wirksamkeit von 62 Prozent. Die Zahl ist übrigens besser als sie beim ersten Hinhören klingt.

Empfohlen wird die Impfung für Schwangere, für Menschen über 60 und Leute mit Vorerkrankungen wie Diabetes, HIV oder Asthma. Allerdings zögern offenbar beachtliche Teile dieser Risikogruppe, sich impfen zu lassen. Auch für Personal in Krankenhäusern, Pflege- und Seniorenheimen sowie die Bewohner dort gibt es eine Impfempfehlung.

Mehr Impfdosen als in den Vorjahren bestellt

Spritze mit Aufschrift 'Influenza-Impfstoff'
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Aber auch sonst kann sich die Impfung holen, wer das möchte. Und in diesem Jahr dürften sich deutlich mehr Menschen als sonst für diesen Grippeschutz-Pieks interessieren. Hintergrund ist der Ratschlag, dass sich in Zeiten der Corona-Pandemie so einerseits das Gesundheitssystem entlasten lässt, andererseits sinkt für jeden Geimpften persönlich das Risiko einer möglicherweise gefährlichen Doppelinfektion mit Influenza und Sars-CoV-2.

Das Bundesgesundheitsministerium hat erklärt, dass für die aktuelle Grippesaison insgesamt 26 Millionen Impfdosen beschafft worden sind. Das sind einerseits also deutlich mehr als sonst, andererseits kann sich damit trotzdem längst nicht jeder impfen lassen. Mancherorts sind die Impfdosen schon knapp. So sind etwa in Thüringen alle Vorräte ausgeliefert worden, erst im November sollen noch einmal Reserven mobilisiert werden.

Grippeimpfung macht nicht anfälliger für Corona

Ein junger Mann liegt im Bett und hält sich ein Taschentuch vor den Mund
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Man kann jetzt darauf schimpfen, dass die Politik nicht genug Impfdosen beschafft habe, aber das ist nicht wirklich fair – zumal in den Vorjahren auch immer viele übriggeblieben sind. Nach dem vergangenen Winter wurden zum Beispiel in Deutschland sechs Millionen ungenutzte Impfstoffdosen vernichtet. Das sind auch Kosten, die der Steuerzahler tragen muss. 

Im Netz kursierten immer wieder einmal Gerüchte, eine Grippeschutzimpfung mache anfälliger für Corona. Das ist aber nicht der Fall. Das Robert Koch-Institut erklärt, es sei „kein physiologischer Mechanismus bekannt, der einen solchen Einfluss plausibel erklären könnte“. Die Immunisierung gegen Grippeviren habe keine Auswirkung auf die Anfälligkeit für andere Atemwegserkrankungen. Das betrifft auch Covid-19.

Möglicherweise zusätzlicher Nutzen

Allerdings legen jetzt einige wissenschaftliche Studien nahe, dass es womöglich einen umgekehrten Effekt geben könnte. Womöglich, und man muss das sehr vorsichtig formulieren, könnte eine Grippeschutzimpfung nämlich das Risiko senken, an Covid-19 zu erkranken. Entsprechende Erkenntnisse hat zum Beispiel ein Team um den Immunologen Mihai Netea vom Radboud University Medical Center in den Niederlanden gerade veröffentlicht. Die Ergebnisse sind noch nicht von unabhängigen Fachkollegen begutachtet worden. In Zeiten der Pandemie ist es aber nicht ungewöhnlich, dass solch ein Fachaufsatz trotzdem schon veröffentlicht wird – als wie tragfähig sich die Ergebnisse erweisen, wird man sehen müssen.

Grippe- und Coronavirus 3D
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Netea und Kollegen hatten sich die Krankenstatistiken von Pflegepersonal angesehen. Sie hatten dabei folgende Frage im Kopf: Gab es womöglich unter den Leuten, die im vergangenen Winter eine Grippeschutzimpfung bekommen hatten, in diesem Jahr weniger Covid-19-Fälle? Und tatsächlich: Das Risiko für einen Geimpften, an Corona zu erkranken lag demnach 39 Prozent niedriger.

Das ist natürlich kein definitiver Beweis, dass eine Grippeimpfung tatsächlich auch ein Stück weit vor Covid-19 schützt. Vielleicht gibt es andere Erklärungen für den beobachteten Zusammenhang. Zum Beispiel könnte es sein, dass die Geimpften sich generell mehr um ihre Gesundheit sorgen – und deswegen zum Beispiel auch Corona-Regeln besser einhalten. Dann wäre das – und nicht die Impfung – der Grund für die niedrigeren Fallzahlen.

Allerdings hatten auch zwei weitere Studien aus Italien zuvor einen möglichen Zusammenhang zwischen einer Grippeimpfung und einem niedrigeren Corona-Risiko nahegelegt. Und selbst wenn sich am Ende herausstellen sollte, dass die Impfung doch nicht vor Covid-19 schützt – dann schützt sie im Idealfall doch zumindest vor der Grippe. Und mit der ist ja auch nicht zu spaßen.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP Nachrichten | 28. Oktober 2020 | 15:00 Uhr

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