Geisterspiele - Heimvorteil gibt es auch ohne Zuschauer

Niemand mag Geisterspiele im Fußball. Und trotzdem müssen wir damit in der Pandemie klarkommen. Interessant ist: Der Vorteil für das Heimteam bleibt bestehen, auch wenn keine Fans im Stadion sind.

Leipzigs Angelino läuft zum Eckstoß vor leeren Zuschauerrängen an.
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Egal ob die Red Bull Arena in Leipzig, der Erdgas Sportpark in Halle, das Ernst-Abbe-Sportfeld in Jena oder das Erzgebirgsstadion in Aue – in den Fußballtempeln Mitteldeutschlands ist derzeit ziemlich tote Hose, egal in welcher Liga der betreffende Club gerade spielt. Wegen der Corona-Pandemie können die Fans seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr zu den Spielen ihrer Mannschaften. Die Geisterspiele sind ziemlich schlecht für die Stimmung.

Eine Frage haben da viele Fußball-Enthusiasten: Gibt es ohne laute Fans auf den Tribünen eigentlich überhaupt noch so etwas wie einen Heimvorteil? Die Schiris können bei Geisterspielen schließlich ohne Druck durch das Publikum entscheiden. Und die gastgebenden Mannschaft wird nicht mehr durch Gesänge und Sprechchöre zu einer offensiveren Spielweise gepeitscht.

Eine neue Studie der Deutschen Sporthochschule Köln und der Universität Paderborn zeigt nun aber überraschenderweise: Ja, der Heimvorteil existiert nach wie vor. Auch bei Spielen ohne Zuschauer.

Mehr als 40.000 Spiele analysiert

Vielleicht vorab noch mal zur Klarstellung: Der Vorteil existiert wirklich. Das ist nicht nur ein urbaner Mythos. Im Profifußball gewinnt die Heimmannschaft häufiger als die Auswärtsmannschaft, ist einfach so. Das sei für allen Ligen der Welt zu belegen, so die Forscher. Nur seien die Prozente jeweils etwas unterschiedlich: Je nach europäischer Liga liegt das Verhältnis von Heimsieg, Unentschieden und Auswärtssieg in etwa bei 50:25:25. In der Bundesliga ist der Heimvorteil etwas geringer. Hier lautet das Verhältnis 47:25:28. Das bedeutet: In 47 von 100 Spielen gewinnt die Heimmannschaft. Aber nur in 28 von 100 Spielen geht die Auswärtsmannschaft als Sieger vom Platz.

„Wir haben mehr als 40.000 Spiele vor und während der Pandemie analysiert“, sagt Daniel Memmert. Er ist einer der beiden Studienautoren. „Das waren alle Spiele aus zehn Saisons in zehn Ligen aus sechs europäischen Ländern.“ Darunter waren mehr als 1.000 Profispiele ohne Zuschauer in den wichtigsten europäischen Fußballligen.

Außerdem haben sich die Wissenschaftler auch Wettquoten angesehen. Aus denen könne direkt die Markteinschätzung für den Heimvorteil in Spielen mit und ohne Zuschauer abgelesen werden, argumentieren sie. „Wir wissen aus zahlreichen Studien, dass der Wettmarkt sich selten irrt und zudem haben Wettquoten den Vorteil, dass sie im Gegensatz zu den echten Ergebnissen weniger anfällig für zufällige Einflüsse sind“, erklärt Co-Autor Fabian Wunderlich.

Heimvorteil auch bei Freizeitkickern – trotz leerer Ränge

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass sich zwar die spielrelevanten Parameter, wie Torschüsse sowie gelbe und rote Karten, ohne Zuschauer angleichen, sich dies aber nur begrenzt auf den eigentlichen Heimvorteil im direkten Vergleich zwischen den Spielen vor Covid-19 mit Zuschauern und den Geisterspielen während der Pandemie auswirkt“, sagt Memmert. Denn: Obwohl Schiedsrichter nicht mehr die Heimmannschaft favorisierten und beide Teams ähnlich offensivstark spielten, bestand auch in Geisterspielen eindeutig ein Heimvorteil. 

Wenn dem aber so ist, müssten dann nicht auch im Amateurbereich öfter die Heimteams gewinnen? „Eindeutig ja“, sagt Matthias Weigelt, ein weiterer Co-Autor der Studie, „denn wir haben auch fast 6.000 Spiele aus der Kreisliga A miteinbezogen und können zeigen, dass der Heimvorteil nicht nur bei Profis sondern auch bei Freizeitkickern existiert. Und die spielen eben längst nicht immer vor vollen Rängen.

Wie lässt sich dann aber der Heimvorteil erklären, wenn nicht die Unterstützung durch die Fans den entscheidenden Unterschied macht? Wichtig könnte zum Beispiel die heimische Umgebung sein, do die Forscher. Die beflügelt dann einfach zu etwas besseren Leistungen. Denn: Entscheidend ist auf'm Platz.

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