Gefährliche Corona-Mutation in Mitteldeutschland: Kommt die dritte Welle?

Mediziner sind besorgt über die britische Corona-Virusmutation. Die deutlich ansteckendere Variante B.1.1.7 breitet sich in Deutschland schnell aus. Wie ist die Situation in Mitteldeutschland?

Mädchen mit Mundschutz wartet in einer Haltestelle
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Nach der extremen Belastung vor allem im Dezember entspannt sich nach Einschätzung des Jenaer Intensivmediziners Michael Bauer allmählich die Situation bei der Behandlung von Covid-19-Patienten auf der Klinik-Intensivstationen.

"Aktuell stehen wir vor einer gewissen Verschnaufpause", sagte der Direktor der Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin am Universitätsklinikum Jena. Im Vergleich zur besonders kritischen Zeit um Weihnachten und den Jahreswechsel würden derzeit 30 Prozent weniger Covid-19-Kranke landesweit intensivmedizinisch behandelt.

Trotzdem ist Bauer alles anderen als entspannt. Hinter sinkenden Fallzahlen könne sich dennoch ein Anstieg der Mutationsfälle zeigen, sagte der Jenaer Mediziner. Dies könne bei nicht ausreichenden Schutzvorkehrungen wieder zu einem drastischen Anstieg der Infektionszahlen bis hin zu einer dritten Pandemiewelle führen.

Gefährliche Virusmutation in Deutschland auf dem Vormarsch

Fakt ist: Neue ansteckendere Varianten des Coronavirus breiten sich in Deutschland schnell aus - und könnten die Hoffnung auf größere Lockerungen von Alltagsbeschränkungen dämpfen. Nach Daten des Robert Koch-Instituts (RKI) stieg der Anteil des zuerst in Großbritannien entdeckten Typs binnen zwei Wochen von knapp 6 auf mehr als 22 Prozent. Bundesgesundheitsminister Spahn sagte:

Jens Spahn
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Wir müssen mit Blick auf die Mutationen sehr vorsichtig sein, wenn wir jetzt langsam den Lockdown verlassen. Wir müssen damit rechnen, dass die Variante bald auch bei uns die dominierende werden könnte.

Der Minister dämpfte denn auch Erwartungen an rasche Lockerungen anhand eines festen Plans. Es sei richtig, als erstes Kitas und Schulen stärker zu öffnen. Die Wirkung auf die Virus-Verbreitung sei aber abzuwarten. Alle zwei Wochen sei zu überprüfen, "wo wir stehen". Er rief dazu auf, weiter Abstand zu halten und Masken zu tragen.

Wie verbreitet ist die Virusmutation in Mitteldeutschland?

Nach Angaben von Sachsen Gesundheitsministerin Köpping sind in Sachsen bislang 82 Fälle einer Virus-Mutation nachgewiesen (Stand: 16.02.). 63 Mal handele es sich dabei um die britische Variante, in 5 Fällen um die südafrikanische. Der Rest sei bisher nicht eindeutig bestimmt. Schwerpunkt der Mutationen in Sachsen ist das Vogtland, wo 29 Fälle auftraten. Im Freistaat werden alle positiven Corona-Tests auf Virus-Mutationen untersucht.

Viele Fälle in Thüringen

In Thüringen sind inzwischen 71 Infektionen mit der gefährlichen britischen Virusmutation bekannt (Stand: 12.02.). Im Freistaat ist der Corona-Inzidenzwert erneut gestiegen. Am Mittwoch meldeten Staatskanzlei und Robert-Koch-Institut 111,6 Neuinfektionen je 100 000 Einwohner binnen sieben Tagen. Das ist fast doppelt so hoch wie der Bundeswert, den das RKI am Mittwochmorgen mit 57 angab. Thüringen bleibt also das am schwersten von der Pandemie betroffene Bundesland.

Am vergangenen Wochenende hatte der Sieben-Tage-Wert je 100 000 Einwohner in Thüringen erstmals seit vielen Wochen wieder unter 100 gelegen, seit Wochenbeginn geht die Zahl erneut nach oben - bei regionalen Unterschieden. Während der Landkreis Nordhausen am Mittwoch einen Inzidenzwert von 27,6 aufwies, lag er im Kreis Schmalkalden-Meiningen bei 201,7.

Bislang wenige Corona-Mutationen in Sachsen-Anhalt

Zuletzt ist in Halle bei einem "zugereisten" Menschen die britische Variante des Coronavirus festgestellt worden. Die infizierte Person sei bei ihrer Anreise getestet worden, sagte Amtsärztin Christine Gröger. In Sachsen-Anhalt wurden bereits mehrere Fälle der britischen Mutation dokumentiert - bislang auf einem niedrigen Niveau: 13 Fälle insgesamt (Stand: 12.02.).

Warnungen vor dritter Welle werden lauter

Fakt ist: Seit Tagen stagnierende Corona-Zahlen in Deutschland und immer mehr Infizierte in einzelnen Regionen lassen die Furcht vor einer dritten Welle wachsen. Im besonders stark betroffenen Thüringen stieg der Wert der Neuinfektionen pro 100 000 Einwohnern und sieben Tagen binnen 24 Stunden von 111,6 auf 119,5.

Die Stagnation ist aus Expertensicht auf neue Virusvarianten wie der aus Großbritannien zurückzuführen. RKI-Chef Wieler sagte, die Sieben-Tage-Inzidenz stagniere derzeit leicht.

Lothar Wieler, Präsident Robert Koch-Institut (RKI), gibt eine Pressekonferenz zur aktuellen Lage in der Corona-Pandemie in der Bundespressekonferenz.
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Ich glaube, wir können innerhalb der nächsten Woche sagen, ob es weiter nach unten geht, oder ob wir durch die Varianten wieder einen leichten Anstieg haben werden.

Nach RKI-Angaben ist der Anteil der ansteckenderen britischen Variante binnen zwei Wochen von knapp 6 auf mehr als 22 Prozent gestiegen. Wissenschaftler bezweifelten bereits, dass die Inzidenz absehbar unter 35 sinkt.

Über die britische Variante B.1.1.7 hieß es zunächst, sie steigere die Übertragbarkeit um 50 bis 70 Prozent im Vergleich zu früheren Formen. Mittlerweile sei anhand einer robusteren Datenbasis davon auszugehen, dass der Wert eher bei circa 22 bis 35 Prozent liege, sagte der Berliner Virologe Christian Drosten kürzlich. Auch dieser Prozentsatz dürfte eine erheblich erschwerte Eindämmung der Pandemie bedeuten. Ob die Variante tatsächlich mit einer erhöhten Sterblichkeit einhergeht, wie jüngst vom britischen Premierminister Boris Johnson verkündet, gilt aber noch als fraglich. Die Mutation werfen darüber hinaus Fragen zur künftigen Wirksamkeit von Impfstoffen auf.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP Nachrichten | 17. Februar 2021 | 16:00 Uhr

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