Erzgebirgskreis deutschlandweit mit den meisten Corona-Neuinfektionen - Warum eigentlich?

Weltkulturerbe, Bergbau- und Wintersport-Tradition – dafür steht das Erzgebirge. Allerdings auch für die meisten Corona-Neuinfektionen deutschlandweit. Warum ist das so?

Es ist ein trauriger Rekord, mit dem der Erzgebirgskreis in Sachsen die Statistiken anführt: Nirgendwo in Deutschland haben sich in den letzten sieben Tagen mehr Menschen mit Corona infiziert. Insgesamt haben sich in der letzten Woche 456 Menschen pro 100.000 Einwohner angesteckt (Datenstand: 08. November). Landrat Frank Vogel spricht zudem von einer "hohen Zahl an Sterbefällen", die ihn betrübe. 

Schon Ende Oktober warnte Sachsen Sozialministerin Köpping vor einem "hohen Ausbruchsgeschehen in ländlichen Bereichen". Nicht zuletzt deshalb hat die Regierung in Dresden entschieden, die Corona-Schutzverordnung nachzubessern.

Wir haben ein Stückchen ausgemacht, wo denn die eigentlichen Infektionsherde sind. Also, wo die Infektionen herstammen könnten. Das ist nach wie vor das private Umfeld.

Für Köpping ist dass der Grund, warum die Zahlen auch im Erzgebirge so stark ansteigen. Schließlich seien die Sachsen bekannt für ihre enge Familien- und Freundesbande:

Es ist schön für uns in Sachsen, das wir gerade in den ländlichen Regionen so ein enges Familien- und Freundesleben durchführen. Das macht uns aus. Aber genau diese enge freundschaftliche Bande, diese enge Familienfeiern, vielleicht auch im Dorf, dass man sich trifft, die führen dazu, dass man in diesen Kreisen sehr leichtsinnig wird.

Dass die hohen Fallzahlen im Erzgebirgskreis durch Ansteckungen familiären Umfeld zu erklären sind, meint auch Landrat Vogel im MDR JUMP-Interview:

Diese hohe Fallzahl hat sich ganz sukzessive aufgebaut im ganzen Landkreis. Also betrifft auch die ganze Fläche des Landkreises und ist nach unseren Erkenntnissen vorwiegend durch Verhalten im privaten Bereich entstanden.

Aber nicht nur die relative Enge der Region ist für die hohe Zahl an Neuinfektionen verantwortlich. Bei einigen Bewohnern fehlt offenbar die Einsicht, dass die Hygienemaßnahmen die Ausbreitung des Virus verhindern helfen. In einem Interview sagt Landrat Vogel:

Landrat Frank Vogel während einer Rede.
Bildrechte: imago/Picture Point LE

Der Erzgebirger hat auch sicherlich lange Zeit ein Problem gehabt, dem Anderen nicht mehr die Hand geben zu dürfen. Das sind für mich im Übrigen auch gewisse Werte, die wir in dieser Gesellschaft hatten, die wir jetzt aufgeben müssen.

Nicht nur im Erzgebirgskreis, auch in der Landeshauptstadt wurde zuletzt spekuliert, dass der Grenzverkehr nach Tschechien entscheidend sein könnte. Landrat Vogel möchte davon aber nichts wissen: „Die Grenzlage hat eine gewisse Auswirkung. Ich würde sie aber nicht als Ursache bezeichnen.“ Ansonsten müsste es in den benachbarten Kreisen entlang der Grenze ähnliche Phänomen geben – die finden sich aber nicht. Sowieso seien die Erzgebirger nicht unschuldig, sagt Vogel: „Ich habe schon im September nicht mehr verstanden, dass man zum Sonntagnachmittag zum Kaffeetrinken nach Prag fahren musste, wo die Zahlen schon unheimlich hoch waren.“

Fakt ist, die hohe Zahl an Neuinfektionen im Erzgebirgskreis setzt die Behörden massiv unter Druck. Inzwischen sei es nur schwer möglich, nachzuverfolgen wo sich die Menschen mit dem Virus angesteckt haben. Landrat Frank Vogel im Gespräch mit MDR JUMP:

Wir haben im Schnitt in der vergangenen Woche rund 150 positiv getestete Fälle am Tag gehabt. Wenn man annimmt, dass davon jede Person im Durchschnitt mit 30 anderen Personen Kontakt hatte, dann müsste ich täglich über 4000 Kontakte nachverfolgen. Gegenwärtig sind wir also nicht tagaktuell mit der Kontaktnachverfolgung. Wir sind teilweise zwei bis drei Tage im Rückstand.

Mit Material der dpa.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP - Die Themen des Tages | 09. November 2020 | 19:20 Uhr

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