UPDATE: Kommt ein Corona-Impfstoff noch in diesem Jahr?

Die Lage in der Corona-Pandemie könnte sich durch einen einsatzfähigen Impfstoff deutlich entspannen. Bisher ist offen, wann genau der Markt kommt. Ein neues Netzwerk der Uni-Kliniken soll jetzt Fortschritte bringen.

Ärztin, der einen Impfstoff für einen Patienten vorbereitet
In vielen Einrichtungen wird derzeit an einem Impfstoff geforscht. Bildrechte: imago images / Westend61

Ein Pieks – dann ist die Pandemie vorbei. Wer nicht gerade radikaler Impfgegner ist, wartet gerade mehr oder weniger sehnsüchtig auf einen Impfstoff gegen das neuartige Coronavirus. Doch wann kommt die Arznei? Und wer bekommt sie dann zuerst?

Der Chef der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Tedros Adhanom Ghebreyesus ist zumindest bei der Frage nach der Zeitdauer ziemlich optimistisch: Vor zwei Monaten sei man noch von zwölf bis 18 Monaten ausgegangen, bis es einen Impfstoff gibt, so der oberste Gesundheitsschützer der Vereinten Nationen. Inzwischen seien die Aktivitäten aber beschleunigt worden. "Wir haben jetzt gute Kandidaten", so Tedros.

Deutschland will mit Netzwerk aus Unikliniken schneller Mittel gegen Virus finden

Anja Karliczek (CDU), Bundesministerin für Bildung und Forschung, äußert sich zusammen dem per Video zugeschalteten Mediziner Michael Albrecht, Medizinischer Vorstand des Universitätsklinikums Carl Gustav Carus Dresden
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Bundesforschungsministerin Anja Karliczek (CDU) hat am Dienstag eine erste positive Zwischenbilanz bei der Zusammenarbeit der Universitätskliniken gezogen. Das gemeinsame Netzwerk soll dafür sorgen, dass Corona-Erkrankte die bestmögliche Behandlung erhalten. Zudem sollen zeitgleich weitere Therapiemöglichkeiten entwickelt werden. Das ist notwendig, weil bisher noch kein Impfstoff und keine Medikamente für das Corona-Virus auf dem Markt sind. Karliczek sagte, dass man noch immer am Anfang der Pandemie stehe. Das Netzwerk soll alle möglichen Informationen zusammentragen, um besser aufgestellt zu sein. Wann genau die Forschung zu einem entwickelten Impfstoff beitragen, ist derzeit noch unklar. Die Zusammenarbeit der Unikliniken treibt aber nicht nur die Forschung voran, sie ist auch ein wesentlicher Beitrag, um einer möglichen zweiten Corona-Welle gewappnet zu sein, erklärt Heyo Kroemer, Vorstandschef der Berliner Charité. Die koordiniert das Netzwerk.

Milliarden für die Forschung

Eine Geberkonferenz der Europäischen Union hatte 7,4 Milliarden Euro für die Impfstoffentwicklung eingesammelt. Deutschland zahlt davon 525 Millionen Euro. Laut Experten decken die gut sieben Milliarden Euro aber nur die Anschubfinanzierung ab.

Konkret gebe es aktuell "etwa sieben oder acht" Top-Kandidaten für den Impfstoff, so Tedros. Namen nannte der WHO-Chef keine. Insgesamt befinden sich weltweit derzeit mehr als 100 Impfstoffe gegen den Sars-CoV-2-Erreger in der Entwicklung.

Welcher Impfstoff kann helfen?

Im Grundsatz gibt es mehrere Typen von Impfstoffen, die beim Kampf gegen Corona in Frage kommen könnten. Neben klassischen Lebend- oder Totimpfstoffen, die das Virus in abgeschwächter oder zerstörter Form enthalten, werden auch ganz neue Ansätze diskutiert.

Bei sogenannten RNA-Impfungen bekommt der Körper den genetischen Bauplan für bestimmte, ungefährliche Teile der Virenstruktur gespritzt. So kann das Immunsystem auf ungefährliche Art den Kampf gegen den Eindringling trainieren. Allerdings arbeiten Forscher schon seit rund 20 Jahren an solchen Impfungen gegen andere Arten von Viren. Und noch kein Produkt hat es bisher zur Marktreife gebracht.

Symbolfoto: Impfstoff
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Impfstoff in Rekordzeit?

Corona macht aber vieles anders. Vielleicht klappt es ja diesmal. “So schnell ist es noch nie gegangen”, sagt etwa die Seuchenexpertin Marylyn Addo vom Universitätsklinikum Eppendorf in Hamburg. Erste Tests mit möglichen Impfstoffen laufen auch bereits, auch in Deutschland. 

Dabei wurden aus Zeitgründen teilweise die üblichen Tierversuche übersprungen. Forscher diskutieren auch darüber, ob eventuell sogar gesunde Probanden mit Sars-CoV-2 infiziert werden, um die Impfstoffentwicklung zu beschleunigen.

Wichtig ist, bei aller Eile, dass am Ende ein oder mehrere Impfstoffe herauskommen, die erstens verträglich sind und zweitens wirklich einen medizinischen Effekt haben.

In vielen Ländern wird geforscht

US-Präsident Donald Trump hat ein Projekt namens "Operation Warp-Geschwindigkeit" ins Leben gerufen. Der Name spielt auf den "Warp-Antrieb" in der Serie "Raumschiff Enterprise" an, mit dem das Raumschiff schneller als Lichtgeschwindigkeit fliegen kann. Trump hofft nach eigenem Bekunden, dass ungefähr bis zum Jahresende ein Impfstoff bereitsteht. 

In Deutschland geht Klaus Cichutek, Präsident des für Impfstoffe zuständigen Paul-Ehrlich-Institutes, nach eigenem Bekunden davon aus, dass Ende 2020 zumindest konkret über die Zulassung eines Impfstoffs gesprochen wird. Und die Europäische Arzneimitteagentur (EMA) rechnet im Optimalfall mit einer Zulassung im Frühjahr 2021.

Präsident Trump hat bei einer Pressekonferenz versprochen, sein Land werde bei der Impfstoffentwicklung eng mit anderen Ländern zusammenarbeiten. "Wir haben in dieser Hinsicht keinerlei Ego." Wenn die USA als erstes ein Präparat fänden, würden sie es mit anderen teilen. Doch in der Realität ist die Sache wohl nicht so einfach. 

Verhandlungen in den USA

Da ist zum Beispiel ein Deal, den das Weiße Haus mit dem Pharmakonzern Sanofi gemacht haben soll. Demnach würden die USA für eine Milliardenzahlung angeblich eine bevorzugte Lieferung bekommen. Inzwischen ist Sanofi öffentlichkeitswirksam zurückgerudert.

Zuvor hatte es bereits Berichte gegeben, die Amerikaner wollten sich den Zugriff auf das deutsche Impfstoff-Unternehmen Curevac in Tübingen sichern. Auch hier gab es anschließend ein Dementi von der Firma.

Die EU-Kommission hat erklärt, bei einem Coronavirus-Impfstoff dürfe es keine Unterschiede zwischen einzelnen Ländern geben. Der Zugang müsse "gerecht und allgemein" sein.

Kommt eine Impfpflicht?

Wann auch immer der Impfstoff dann hier für uns in Deutschland verfügbar ist, Kanzleramtschef Helge Braun hat schon mal sicherheitshalber klargestellt: Eine Impfpflicht soll es nicht geben. Jede und jeder kann selbst entscheiden, ob er ihn will, den kleinen Pieks.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP bei der Arbeit | 15. Mai 2020 | 12:45 Uhr

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