Kommt die dritte Corona-Welle?

Länder wie Spanien und Portugal ächzen bereits unter einer neuen Welle der Pandemie. Steht so etwas bei uns auch an? Wichtigster Faktor sind die Mutationen des Erregers – und wie schnell sie sich ausbreiten.

Passanten in der Innenstadt während der Corona-Pandemie
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Es ist ja immer so eine Sache mit den einfachen Fragen. Auf die gibt es ja meistens keine einfachen Antworten. So ist es auch mit der möglichen dritten Corona-Welle. Droht sie tatsächlich? Und wie schwer könnte sie ausfallen? Zurzeit gehen die Infektionszahlen in vielen Teilen Deutschlands ja nach unten. Auch in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen gibt es in den allermeisten Kreisen eine positive Entwicklung. Das heißt: Der weitgehende Shutdown, der uns ja alle nervt, zeigt zumindest ein Stück weit Wirkung.

Eine Hand in Gummihandschuh hält eine Einwegspritze mit Impfstoff zur Injektion mit einer Kanüle.
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Womit sich aber die Frage stellt: Kann wegen der guten Entwicklung nicht bald mal ein Teil der Corona-Einschränkungen fallen? Oder droht genau dann wieder ein schneller Anstieg der Fallzahlen - und dann gleich die nächste Shutdown-Runde beziehungsweise eine dritte Welle? In der Politik gibt es zahlreiche mahnende Stimmen. „Wir müssen unbedingt verhindern, dass es zu einer dritten Welle kommt“, sagt etwa NRW-Ministerpräsident Armin Laschet. Und Sachsens Ministerpräsident hat bereits vor einiger Zeit gewarnt: „Wir wissen, dass wir eine dritte Welle vor uns haben.“

Die Angst vor einer dritten Welle hat vor allem mit mehreren, seit einigen Wochen bekannten Mutationen des Corona-Virus zu tun. Sie sind deutlich ansteckender als die bisherigen Versionen. Das heißt: Wenn sie sich ausbreiten, können noch viel mehr Menschen als bisher infiziert werden – weil die bisherigen Schutzmaßnahmen, Abstandsregeln zum Beispiel, längst nicht mehr so gut wirken.

„Wir dürfen nicht warten“

Angela Merkel bei einer Pressekonferenz
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Vor diesem Hintergrund ist es schwer, an Lockerungen der Corona-Einschränkungen zu denken. „Wir müssen die Ausbreitung dieser Mutation so weit wie möglich verlangsamen“, sagt auch Bundeskanzlerin Angela Merkel. „Wir dürfen nicht warten.“ Sonst, so die Kanzlerin, wäre es zu spät, um eine dritte Welle der Pandemie – „und eine noch heftigere als jemals zuvor“ – zu verhindern. Auch der Intensivmediziner Uwe Janssens warnt im Zusammenhang mit den Mutationen, wenn diese sich bei uns merklich ausbreiteten, werde es schnell wieder eng: „Dann haben wir eine furchtbare dritte Welle.“

Das genau ist der Punkt: Forscher sagen, dass die aktuellen Eindämmungsmaßnahmen nicht mehr ausreichen, sobald sich ein ansteckenderer Erreger bei uns ausbreitet. Doch dummerweise scheint diese Ausbreitung mittlerweile eben leider doch stattzufinden: Zahlreiche größere Fälle sind etwa aus Krankenhäusern bekannt, die teils aber noch weiter untersucht werden müssen - etwa aus Berlin, Lübeck oder Bayreuth. Auch eine Kita in Freiburg in Baden-Württemberg geriet zuletzt in die Schlagzeilen. „Das heißt, das ist bei uns im Land angekommen, und deshalb wird sie irgendwann so wie in anderen Ländern auch dann die Führung übernehmen und wird Probleme machen“, sagt auch Kanzleramtschef Helge Braun.

Labor weist immer mehr Mutationen nach

Nur wann? Und was hat das für Folgen? Wieder einfache Fragen, wieder ist es nicht leicht, einfache Antworten darauf zu finden. Das Problem ist, dass wir nach wie vor noch wenig über die Verbreitung der Mutationen wissen – weil in Deutschland nach wie vor zu selten das Erbgut der nachgewiesenen Viren komplett untersucht wird, wie es etwa in Ländern wie Großbritannien oder Dänemark deutlich häufiger passiert.

Medizintechniker bereiten im Institut für Infektionskrankheiten des Universitätsklinikums Proben vor, um sie auf eine hochansteckende Corona-Mutation zu untersuchen.
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Eine Idee vom Voranschreiten der Mutationen bekommt man aber, wenn man sich die Daten eines Laborverbunds in Bayern ansieht. Das Labor Becker & Kollegen hatte rund um München bis Anfang Januar nur in 0,2 Prozent der untersuchten Proben eine entsprechende Genveränderung nachgewiesen, am 20. Januar fand sie sich in 4,7 Prozent der Proben - und zuletzt lag der Anteil bei sieben Prozent. Das Wachstum ist beeindruckend, wenn es so weiter geht.

Länder wie Portugal und Spanien kämpfen derzeit mit einer dritten Welle. Ob es bei uns dazu kommt, wird – wie so oft schon in der Pandemie – nicht nur von den Entscheidungen der „großen Politik“, sondern auch vom Verhalten jedes Einzelnen abhängen. Wie halten wir die Regeln ein? Schaffen wir es, wirklich keine Risikobegegnungen zuzulassen?

Impfstoffe sollten wirken – aber das löst das Problem nicht

Drei Ampullen mit Impfstoff, davor eine Spritze
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Die gute Nachricht: Die aktuell zugelassenen Impfstoffe sollten nach Angaben der Hersteller auch bei den mutierten Viren noch wirken. Bleibt nur zu hoffen, dass endlich auch mehr Menschen geimpft werden können. Aber selbst das löst das Problem wohl erstmal nicht.

„Wenn die alten Menschen und vielleicht auch ein Teil der Risikogruppen geimpft sein werden, wird ein riesiger wirtschaftlicher, gesellschaftlicher, politischer und vielleicht auch rechtlicher Druck entstehen, die Corona-Maßnahmen zu beenden“, warnt etwa der Virologe Christian Drosten von der Charité in Berlin. „Und dann werden sich innerhalb kurzer Zeit noch viel mehr Leute infizieren, als wir uns das jetzt überhaupt vorstellen können. Dann haben wir Fallzahlen nicht mehr von 20.000 oder 30.000, sondern im schlimmsten Fall von 100.000 pro Tag.“ Das seien dann zwar eher jüngere Leute, so Drosten, die seltener schwere Verläufe hätten. „Aber wenn sich ganz viele junge Menschen infizieren, dann sind die Intensivstationen trotzdem wieder voll, und es gibt trotzdem viele Tote.“

Karl Lauterbach
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Der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach hält das für eine realistische Prognose. Man müsse davon ausgehen, sagt er, dass auf einen Monat betrachtet die drei neuen Virus-Varianten sechs- bis achtmal so ansteckend seien. „Wenn ich dann die jetzigen Zahlen hochrechne, dann bin ich schnell bei dem Szenario, das Christian Drosten vorgerechnet hat.“

Dass es eine dritte Welle geben wird, ist also nicht unwahrscheinlich. Dann bliebe noch die Frage nach dem wann – und dem wieviel. Aber das lässt sich derzeit eben schwer sagen.

Der Münchner Infektiologe Clemens Wendtner, der mit seinem Team vor einem Jahr die bundesweit ersten Corona-Patienten behandelt hatte, sieht die Sache so: „Ich gehe nicht davon aus, dass wir eine riesige dritte Welle bekommen, weil wir relativ früh mit dem Lockdown eingegriffen haben.“ Eine Entwarnung sei das aber nicht: „Solange es keine Durchimpfung in der Bevölkerung gibt und solange wir nicht sommerliche Temperaturen draußen haben, sollten wir uns aber an den Gedanken gewöhnen, dass es vielleicht auch eine vierte und fünfte Welle geben kann", so Wendtner.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP am Wochenende | 31. Januar 2021 | 14:10 Uhr

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