Corona-Frühling in Schweden - Herdenimmunität in Sicht?

20.04.2020 | 15:59 Uhr

Schwedens Umgang mit der Corona-Pandemie ist umstritten. Die Gesundheitsbehörden fühlen sich in ihrer Strategie bestätigt, da die Zahl der Todesfälle leicht rückläufig ist, Kritiker befürchten dagegen italienische Verhältnisse. MDR JUMP Redakteurin Chritsiane Luft ist derzeit in Schweden unterwegs und berichtet von ihren ganz persönlichen Eindrücken.

viele Menschen sitzen im Außenbereich eines Cafés in Stockholm
Bildrechte: IMAGO/MAXIMxTHORE BB200415BB032

Inzwischen ist der Frühling in weiten Teilen Schwedens angekommen, im Süden sogar schon der Frühsommer. Dort haben sich am Wochenende die Restaurants, vor allem die Freisitze über das empfohlene Maß hinaus gefüllt. Etliche der vollgepackten Cafés in Stockholm wurden vom Ordnungsamt verwarnt. Das schöne Wetter soll anhalten und wird weiter - dank der lockeren schwedischen Corona-Maßnahmen - für Probleme sorgen, fürchten Kritiker. Schließlich ist es nicht verboten, sich draußen frei zu bewegen und ins Café zu gehen.

Die oberste Gesundheitsbehörde vermeldet unterdessen einen leichten Rückgang der Corona-Todesfälle. Es gebe immer noch eine große Zahl an Verstorbenen, inzwischen 1540 (Zahl der Johns Hopkins University vom 20.04.2020). Allerdings gehen die Fälle seit ein paar Tagen leicht zurück, statt weiter zu steigen. Das könnte daran liegen, dass - zumindest in Stockholm, dem schwedischen Hotspot des Coronavirus - inzwischen genügend Bewohner gegen das Virus immun seien, sagte Schwedens Staatsepidemiologe Andres Tegnell. Im norwegischen Fernsehen sprach er sogar von baldiger Herdenimmunität:

Portraits von Schwedens oberstem Staatsepidemiologen Anders Tegnell
Bildrechte: imago images / Bildbyran

Unsere Rechenmodelle sagen voraus, dass es bereits im Mai im Raum Stockholm eine Herdenimmunität geben kann.

Anders Tegnell

Doch Tegnell und die Strategie seiner Gesundheitsbehörde ist heftig umstritten. Die Todeszahlen seien deutlich höher als bei den skandinavischen Nachbarn, auch höher in anderen Ländern mit vergleichbarer Einwohnerzahl. In einem Zeitungsartikel schreiben mehrere Forscher, darunter Virologen und Epidemiologen, dass sich Schweden auf italienische Verhältnisse zubewege. Die Regierung müsse jetzt endlich eingreifen.

Derzeit schreibt die schwedische Regierung der Bevölkerung nicht vor, wie sie sich verhalten soll. Es ist die oberste Gesundheitsbehörde, die empfiehlt, mahnt, warnt: wascht euch die Hände, haltet Abstand, bleibt wenn möglich zu Hause, trefft euch nicht mit Menschen aus der Risikogruppe. Ansammlungen von mehr als 50 Menschen sind verboten, auch Besuche in Altersheimen. Ansonsten sind Schulen, Kindergärten, Restaurants, Geschäfte geöffnet. Die Regierung darf seit diesem Wochenende bei Bedarf umgehend scharfe Maßnahmen erlassen, zum Beispiel Kontaktverbote oder die Schließung von Restaurants.

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