"Morgellonen" - Der nächste Corona-Verschwörungsmythos

Im Netz machen gerade Videos die Runde, die eine gezielte Verseuchung von Corona-Schutzmasken und Teststäbchen mit angeblichen Kleinlebewesen belegen sollen. Hier erklären wir, warum das Unsinn ist.

Mundnasenschutzproduktion
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Was haben wir nicht alles für Quatsch gehört in den Monaten der Corona-Pandemie. Zum Beispiel, dass Menschen bei den Impfungen Mikrochips implantiert bekommen. Ganz ehrlich, allerspätestens wenn man sich Tempo und Umsetzung der Impfkampagne ansieht, muss einem klar werden, dass es mit der vermeintlichen Verschwörung nicht besonders weit her sein kann.

Klar, in Krisenzeiten sind Menschen empfänglich für Mythen – auch weil das hilft, die nervige Komplexität der Dinge zu reduzieren und die eigene Wut zu kanalisieren. Insofern ist es wahrscheinlich nicht verwunderlich, dass gerade im Netz schon wieder eine neue Verschwörungserzählung die Runde macht. Es geht um sogenannte „Morgellonen“, vermeintlich genetisch modifizierte Kleinstlebewesen, mit denen angeblich Corona-Tests und Schutzmasken absichtlich verseucht worden seien. Ziel sei es, die Winzlinge in die Körper ahnungsloser Opfer zu schleusen.

Kein neues Phänomen

Um es schon einmal klar zu sagen: Es gibt null seriöse Hinweise darauf, dass es „Morgellonen“ gibt. Geschweige denn, dass sie auf Corona-Masken oder Tests platziert wurden, um irgendwen zu infizieren.

Neu ist das Phänomen der angeblichen „Morgellonen“ indes nicht. Der Begriff tauchte vor rund 400 Jahren das erste Mal auf, seit rund 20 Jahren sind damit kleine Lebewesen gemeint, die angeblich unter der Haut leben und sich mit Gewalt herausdrücken lassen.

Wissenschaftlich untersucht wurde die Sache dann vor rund zehn Jahren. Damals hatte ein Team um Mark Davis von der Mayo Clinic in Rochester (US-Bundesstaat Minnesota) mehr als 100 Fälle angeblichen Befalls bei Patienten untersucht – und genau eine Laus, eine Milbe und eine Zecke gefunden. Und sonst genau gar keine Lebewesen, nur Hautschuppen oder Flusen, Haare oder Textilfasern. Infiziert war also sozusagen nicht die Haut der Opfer, sondern der Kopf. Die Krankheit war eingebildet. Real zu beobachtende Hautprobleme hatten damit zu tun, dass die Patienten an sich selbst herumgefuhrwerkt hatten.

Doch der Mythos hält sich hartnäckig. Nun bekommt er im Corona-Kontext wieder Aufmerksamkeit. Konkret geht es vor allem um Videos, in denen angeblich zu sehen ist, wie diese Tierchen unter dem Mikroskop betrachtet über Corona-Masken oder Wattestäbchen wandern sollen. Doch was scheint wie ein Lebewesen, ist es auch diesmal nicht. Stattdessen sind dort zum Beispiel Textilfasern zu sehen, wie sie sich als Abrieb von Kleidungsstücken zum Beispiel gern auch in einem Männerbauchnabel sammeln. Oder Hautschuppen. Oder Staubpartikel, die sich eben selbst in der allersaubersten Wohnung finden. Auch Produktionsrückstände könnten auf Masken oder Stäbchen zurückbleiben.

Wie ein Luftballon, den man an den Haaren rubbelt

Dass sich das Material zu bewegen scheint, dafür gibt es eine einfache Erklärung: Neben Feuchtigkeitsaufnahme aus der Luft und der Atmung der Videomacher sind es vor allem elektrostatische Kräfte, die dafür sorgen. Diese Kräfte kann man zum Beispiel gut sehen, wenn man einen Luftballon an den Haaren reibt, die sich daraufhin aufstellen. Genau das, nur auf einer viel kleineren Ebene, passiert mit den Fasern oder den Staubflusen unter dem Mikroskop. Denn frisch ausgepackte Masken sind durchaus im Rahmen ihrer Herstellung elektrisch aufgeladen – und können so winziges Material aus der Umgebung anziehen. Mit vermeintlich bedrohlichen Lebewesen hat das nichts zu tun. Auch wenn es so etwas natürlich in er Natur gibt, etwa Fadenwürmer. So die sind hier nicht zu sehen.

Natürlich ist es möglich, dass das Material von Masken in Einzelfällen zu Hautirritationen führen könnte. In diesem Fall hilft vielleicht schon ein Wechsel der Maske, spätestens aber ein Besuch beim Hautarzt. Den Kammerjäger muss dagegen niemand kommen lassen.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP am Wochenende | 04. April 2021 | 17:10 Uhr

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