Kaum Infektionen: Sollten Lockerungen im Osten früher kommen?

Gastwirte in Sachsen und Sachsen-Anhalt könnten Himmelfahrt wieder öffnen. Die Lockerungen begründen Ministerpräsidenten mit den wenigen Corona-Fällen im Osten. Virologen sind gegen so einen Sonderstatus.

Mit Abstand, Mundschutz und Trennwand: Ein Restaurant in Nordrhein-Westfalen verkauft Anfang April Essen zum Mitnehmen
Bildrechte: imago images / Ralph Lueger

Strenge Abstandsregeln zwischen den Tischen, eine begrenzte Anzahl von Gästen, Mundschutzpflicht für Gastwirte und Kellner und kürzere Öffnungszeiten am Abend: Mit solchen Auflagen könnten Kneipen und Restaurants in Sachsen-Anhalt vielleicht schon ein paar Tage vor Himmelfahrt wieder Gäste bewirten, so Wirtschaftsminister Armin Willingmann (SPD). Einen genauen Termin ließ Sachsen-Anhalt bisher aber offen. In Sachsen kann sich Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) vorstellen, erste gastronomische Angebote zwischen Himmelfahrt (21. Mai) und Pfingsten wieder zu erlauben. Das sei aber nur möglich, wenn das Infektionsgeschehen es zulässt.

"Bisher kein Licht am Ende des Tunnels"

Über die möglichen Corona-Lockerungen hatten sich die Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt und Sachsen am Sonntag abgestimmt und sich so auf das nächste Treffen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und den anderen Länderchefs am 6. Mai vorbereitet. Für Gastronomen in den beiden Bundesländern sind die jetzt angepeilten Lockerungen ein erster Hoffnungsschimmer. Der Präsident des Hotel- und Gaststättenverbandes Sachsen-Anhalt, Michael Schmidt sagte MDR JUMP:

Das ist zumindest ein Zeichen, dass man überhaupt wieder an das Öffnen des Hauses denken kann. In vielen Fällen hat man bisher das Licht am Ende des Tunnels nicht gesehen. Wenn das wirklich Himmelfahrt kommt, finde ich das gut!

"Ein Drittel der Gaststätten und Hotels wird das nicht überleben"

Am Freitag hatten in Dresden, Halle/Saale, Erfurt, Jena und vielen anderen deutschen Städten Gastwirte und Hotelbesitzer leere Stühle und leere Betten auf Marktplätze gestellt. Sie wollten damit auf ihre bedrohliche Situation aufmerksam machen. Laut den Organisatoren können viele Gaststätten und Hotels die Mitte März angeordneten Schließungen nicht mehr lange durchhalten. Die Krise im Gastgewerbe könnten auch Kurzarbeit und Hilfsprogramme nur teilweise lindern. Mitnahme- und Lieferangebote lohnen sich in manchen Regionen zudem nicht. Michael Schmidt geht für Sachsen-Anhalt davon aus, dass etwa 30 Prozent der Betriebe die Einschränkungen durch die Corona-Pandemie nicht überlebt. Dabei seien vor allem die Gaststätten und Hotels in ländlichen Gebieten betroffen. Auch ein Starttermin zu Himmelfahrt ändere daran wohl nichts:

Man hat das auch im Handel jetzt gesehen, nach den ersten Lockerungen: Das Verkaufsverhalten ist ganz anders. So wird das auch in der Gastronomie sein, über viele Monate hinweg. Die niedrigen Gästezahlen werden vielen zu schaffen machen.

Osten bei Corona-Infektionen im Vorteil?

Die jetzt angedachten Lockerungen für die Gastronomie begründeten beide Regierungschefs mit der weiten Spanne bei den Corona-Infektionen in Deutschland. Das heißt vereinfacht gesagt: Wer sehr wenige Infektionsfälle im Bundesland hat, kann die Einschränkungen für Wirtschaft und Kunden schneller wieder lockern. Bundesländer mit sehr vielen Covid-19-Erkrankten dagegen müssen weiter auf die Bremse treten. Sachsens Gesundheitsministerium meldete am Anfang der Woche 4.567 durch Labors bestätigte Fälle. In Thüringen sind 2.136 Menschen nachweislich mit dem Coronavirus infiziert, in Sachsen-Anhalt geht das Sozialministerium von 1.519 Fällen aus. Zum Vergleich: Bayern meldete zuletzt fast 42.000 mit dem Corona-Virus infizierte Menschen, Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg jeweils über 30.000. Als möglichen Grund für die niedrigen Infektionszahlen in den Ost-Bundesländern wird immer wieder die demografische Situation genannt: Es gibt wenige Großstädte mit vielen Einwohnern, dafür viele eher dünn besiedelte Regionen. Damit könnte vor Ort das Risiko geringer sein, sich mit dem Virus anzustecken, sagen Befürworter der Lockerungen.

"Kein Sonderrolle!"

Der Virologe Prof. Dr. Uwe Gerd Liebert vom Uniklinikum Leipzig spricht sich deutlich gegen zeitigere Lockerungen im Osten aus. Er sagte MDR JUMP:

Prof. Dr. Uwe Gerd Liebert, Virologe am Uniklinikum Leipzig
Bildrechte: Stefan Straube / UKL

Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen und auch Brandenburg sind bisher relativ wenig betroffen. Aber es gibt in diesen Bundesländern auch Unterschiede in den Regionen. In Zwickau und Aue beispielsweise sind die Infektionszahlen viel höher.

Bisher habe es nur wenige lokale Krisenherde gegeben. Das könne sich schnell ändern. Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen müssten immer damit rechnen, dass kleine Orte oder ganze Regierungsbezirke sozusagen über Nacht viel höhere Infektionszahlen haben. Die Corona-Pandemie betreffe alle gleich, daher sollten auch denkbare Lockerungen für alle gleich kommen.

Der Osten hat kein Recht auf eine Privilegierung, wenn es um die Öffnung der Gastronomie geht. Im Moment muss man noch ein paar Wochen darauf verzichten. Wir werden in den nächsten Wochen wissen, ob die Lockerungen von jetzt keine unerwünschten Effekte hervorrufen.

Der Leipziger Virologe hatte sich in einem Zeitungsinterview auch gegen eine Sonderrolle für die Bundesliga ausgeprochen. Er hält einen Start jetzt mit Geisterspielen für bedenklich. Eine Infektion könne man erst nach 48 Stunden nachweisen. Damit geben auch die angedachten umfassenden Tests nicht genug Sicherheit.

Gastwirte haben viel investiert und wenig Rücklagen

Dehoga-Landeschef Michael Schmidt hofft, dass die Politik bei ihrem Kurs bleibt und Gaststätten und Hotels in absehbarer Zeit wirklich öffnen können. Aus seiner Sicht ist der Osten in einem Punkt tatsächlich besonders: Die Gastronomen hier halten in einer Krise nicht so lang durch wie ihre Kollegen im den Bundesländern im Westen. Viele hätten in den letzten Jahren stark investiert, ihre Kapitaldecke sei nicht für eine Situation wie jetzt ausgelegt. Michael Schmidt glaubt auch nicht, dass eine im Vergleich zeitigere Lockerung die Infektionszahlen im Osten erhöht:

Da wird niemand aus Bayern oder Hessen hier zum Essen kommen. Richtigen Tourismus wird es nicht geben. In den Grenzbereichen fährt der eine oder andere vielleicht mal her. Solche Gebiete sind aber sowieso nicht so stark betroffen.

Sachsens Regierungschef Michael Kretschmer hatte am Sonntag angekündigt, sich gemeinsam mit Sachsen-Anhalt Ministerpräsident Reiner Haseloff bei der nächsten Entscheidungsrunde von Bund und Ländern am 6. Mai auch für die Öffnung größerer Geschäfte einzusetzen. Bisher gilt die so genannte "Kordel-Lösung": Wer die Verkaufsfläche auf unter 800 Quadratmeter begrenzt, darf ab Anfang Mai öffnen. Auch auf Lockerungen für Friseure, Kosmetiksalons, Museen, Bibliotheken, Kirchen und andere Gotteshäuser hatten sich die beiden Regierungschefs geeinigt. Die sollen in einer Woche öffnen können.

Mit Material von dpa.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP Nachrichten | 26. April 2020 | 10:00 Uhr

Weitere Informationen zu Corona