Corona-Krise: Macht sich Deutschland gerade zu locker?

Deutschland probt die neue Leichtigkeit. Seit einer Woche sind die Corona-Regeln nun gelockert. Und für viele von uns kehrt zumindest nach und nach zumindest ein kleines bisschen der Alltag zurück. Aber wieviel Normalität können wir uns leisten?

Ein Park im Fühling
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In Meinungsumfragen zeigt sich: Viele Menschen sind zufrieden damit, dass nach Wochen strenger Beschränkungen einige Regeln langsam wieder etwas weniger drastisch ausgelegt werden, etwa beim Einkaufen. Zum Beispiel beim ZDF-Politbarometer sagen 55 Prozent der Befragten, dass die Lockerungen gerade richtig sind. Weitere 13 Prozent hätten sogar gern noch eine Ausweitung gesehen. Andererseits sagen aber auch 30 Prozent: Wir brauchen eigentlich strengere Regeln, um das Virus zu bekämpfen.

So oder ähnlich äußern sich auch viele Virologen, aber eben auch nicht alle. Das macht die Antwort auf die Frage etwas kompliziert, ob sich Deutschland vielleicht gerade etwas zu locker macht.

Angela Merkel und MDR JUMP-Reporter André Heller
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Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich in der vergangenen Woche immer wieder als Mahnerin in Szene gesetzt. Die Umsetzung der beschlossenen Lockerungen durch die Bundesländer bereite ihr Sorgen, diese sei „forsch, zu forsch“. Deutschland lebe nicht in der Endphase der Pandemie, sondern noch immer am Anfang. Merkel weiter:

Lassen Sie uns das Erreichte jetzt nicht verspielen und einen Rückschlag riskieren.

Unterstützung erhält die Kanzlerin von mehreren Virologen. Die Regierung habe mit den Lockerungen ein falsches Signal gesendet, sagt etwa Melanie Brinkmann vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig:

Ich befürchte, dass viele das Virus jetzt nicht mehr so ernst nehmen und wieder mehr Kontakte treffen. Wenn das passiert, steht Deutschland bald wieder da, wo es am Anfang gestanden hat.

Ihr Kollege Christian Drosten von der Charité in Berlin erklärte, er bedauere es „so sehr, dass wir vielleicht gerade dabei sind, unseren Vorsprung in Deutschland komplett zu verspielen“ und verwies auf Bilder voller Einkaufszentren. Etwas entspannter sieht der Bonner Virologe Hendrik Streeck sieht die Dinge. Er sagt: "Extreme Beschränkungen brauchen wir nicht auf Dauer." Die Menschen müssten lernen mit dem Virus zu leben.

Zumindest bei einem Teil der Menschen hört bei solchen Sätzen sehr gern hin. Das zeigt auch die Cosmo-Studie, eine wöchentliche Umfrage der Universität Erfurt. Sie hat in ihrer letzten Ausgabe gezeigt, dass ein Drittel der in Deutschland es für unwahrscheinlich hält, sich beim Einkaufen, beim Arzt oder bei Treffen mit Freunden mit dem Virus zu infizieren. Das Paradoxe dabei: Befragte schätzen ihr persönliches Ansteckungsrisiko umso niedriger ein, desto öfter sie Menschen außerhalb ihres Haushalts treffen.

Gesundheitsminister Jens Spahn hat sich in der Debatte um mögliche weitere Lockerungen jedenfalls für verständliche Kriterien ausgesprochen:

Je nachvollziehbarer die Regelungen sind, desto eher werden sie akzeptiert und gelebt. Partys oder Volksfeste bergen ein extrem hohes Risiko. Wer dagegen mit dem nötigen Abstand zu anderen in einem Geschäft einkaufen geht oder sich beim Sport im Fitnessstudio fit hält, sollte das tun können.

Spahn sagte, es sei wichtig, bei den nächsten Schritten mehr über allgemeine Kriterien als über Quadratmeter-Zahlen zu reden. „Wir alle spüren ja, dass es für viele schwer verständlich ist, warum Läden mit 799 Quadratmetern öffnen dürfen, Läden mit 801 aber nicht. Oder warum man um den See spazieren gehen darf, aber nicht Golf spielen kann.“ Lars Schaade, der Vizepräsident des Robert Koch-Instituts, warnt vorzu starken weiteren Lockerungen:

Wenn wir alle weiter jetzt so tun, als ob das Problem überwunden wäre, werden wir wieder einen Ausbruch haben. Das ist ziemlich sicher.

Und sollten die Infektionszahlen wieder stark steigen, dann wären neue, strengere Corona-Regeln unvermeidlich. Sonst würde wieder eine Überlastung des Gesundheitssystems drohen.

Ob es eine zweite Corona-Welle tatsächlich geben wird, ist natürlich nicht klar. Auszuschließen ist es aber auf keinen Fall. Wenn sich aktuell wieder mehr Menschen begegnen, sollten aus Sicht von Experten auch die Infektionen und damit die Fallzahlen nach oben gehen.

Problematisch ist, dass wir eine neue Welle womöglich erst dann sehen würden, wenn sie schon da ist. Verantwortlich ist die Zeit zwischen Ansteckung und Entdeckung der Krankheit und die Meldeverzögerung, bis Fälle in den Statistiken auftauchen. In etwa zwei Wochen sollten wir daher mehr zur Entwicklung der Krankheitsfälle wissen.

Bund und Länder wollen am 30. April über weitere mögliche Lockerungen sprechen. Eine Entscheidung soll aber wohl erst am 6. Mai fallen. Bis dahin wird auch klar sein, ob sich Deutschland gerade zu locker gemacht hat.

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