Der MDR JUMP Corona-Faktencheck

Seit Beginn der Corona-Pandemie überschlagen sich die Nachrichten und Neuigkeiten, dazu kommen Falschinformationen und Missverständnisse. Wir klären die wichtigsten Fragen rund um das Corona-Virus.

Ein Mitarbeiter der Johanniter-Unfall-Hilfe nimmt für einen Corona-Test einen Abstrich von einer Frau.
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Über die Corona-Pandemie sind unzählige Nachrichten in Umlauf. Das fängt schon alleine mit solchen Fragen an, welche Beschränkungen denn aktuell in welchem Bundesland gelten. Dazu kommt ständig neue Entwicklungen und Diskussion und auch Falschinformationen, die verbreitet werden. Wir klären hier die wichtigsten Fragen.

Hat die Bundesregierung eine Impfpflicht geplant?

SAH - LPK Impfen
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Gegner der Corona-Schutzmaßnahmen fürchten schon lange, dass die Bundesregierung eine Impfpflicht einführen könnte. Ihre Befürchtung: Durch die Nebenwirkungen der Impfung könnten Millionen Menschen Impfschäden davontragen oder sogar sterben.

Eine Impfpflicht sei aber gar nicht geplant, sagten Bundesgesundheitsminister Spahn und Bundesforschungsministerin Karliczek. Wichtig sei dagegen Aufklärung, wie Alena Buyx vom Deutschen Ethikrat sagt: "Impfungen setzen eine aufgeklärte, freiwillige Zustimmung voraus. Deswegen ist eine eine allgemeine Impfpflicht abzulehnen."

Und glaubt man dem SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach, dann bräuchte es eine Impfpflicht sowieso nicht. Wenn der Impfstoff von BioNTech tatsächlich hält, was er verspricht und zu 90 Prozent wirksam ist, dann ließe sich auch so Herdenimmunität erreichen. Bundestagsvizepräsident Wolfgang Kubicki hält eine Impfpflicht außerdem gar nicht für praktikabel.

Geringere Sterblichkeit trotz zweiter Welle?

Sargträger in Schutzanzügen bringen einen Sarg zu einem Leichenwagen
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Zu den Gerüchten und Fragen, die derzeit die Runde machen gehört auch, ob es derzeit eine sogenannte Untersterblichkeit gibt. Also: Sterben gerade weniger Menschen als gewöhnlich. Tatsächlich sind in diesem Jahr in Mitteldeutschland bislang im Schnitt 2 Prozent weniger Menschen gestorben, als im Vergleichszeitraum der letzten drei Jahre. Das geht aus Daten des Statistischen Bundesamtes hervor.

Woran das liegt, ist noch unklar. Virologen vermuten aber, dass diese Untersterblichkeit mit der Vorsicht der Menschen zu tun habe. Wer sich an Distanz- und Maskenregeln halte und auf Hygiene achte, stecke sich auch seltener mit anderen Krankheiten an. Die Daten seien allerdings auch nicht ganz genau, erklärt Felix zur Nieden vom Statistischen Bundesamt. Man bekäme die Daten mit bis zu vier Wochen Abstand. Deshalb lägen jetzt erst die Daten für Mitte Oktober vor.

Die Untersterblichkeit lässt sich aber auch nur für die mitteldeutschen Bundesländer feststellen. Blickt man etwa nach Bayern, sind von März bis Mai 2020 knapp 3.000 Menschen mehr gestorben, als sonst in diesem Zeitraum. Generell gilt: Dort wo sich viele Menschen mit Covid-19 infiziert haben, sterben auch mehr Menschen. Das belegen europaweite Zahlen der internationalen Datenbank Human Mortality Database. Auch für Deutschland lasse sich eine Übersterblichkeit feststellen und zwar vor allem dort, wo das Corona-Virus während der ersten Welle besonders gewütet hat.

Sind Masken für Kinder gefährlich?

Immer wieder werden dazu in sozialen Medien und im Internet Berichte und Videos geteilt: Darin heißt es, unter der Maske könne sich viel CO2 ansammeln. Das könne bei Kindern zu Sauerstoffmangel und zu Hirnschäden führen. Zudem seien schon Kinder gestorben. Dr. Melanie Ahaus ist die Sprecherin des Landesverbandes Sachsen vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte und praktiziert selbst als Kinderärztin. Aus ihrer Sicht ist an den Berichten nichts dran. Die häufig von Kindern getragenen einfachen OP-Masken und selbstgemachten Stoffmasken seien alle gut luftdurchlässig:

Wenn wir jetzt mal logisch vom gesunden Menschenverstand überlegen und mal an Kinder beim Skiurlaub denken: Da sind auch die Kleinsten dick eingemummelt mit Schal um den Kopf und Helm. Die stehen stundenlang auf den Skiern, ohne dass sie reihenweise umkippen. Da würde ich schon mal vom gesunden Menschenverstand her nicht davon ausgehen, dass das Tragen von Masken hochgefährlich ist.

Dagegen sprechen auch die bisherigen Erfahrungen der Kinderärzte. Diese müssten als erste sehen, wenn es Probleme gebe und mehr Kinder im Krankenhaus. Das sei bisher nicht der Fall. Komme aber wirklich eine Maskenpflicht für den gesamten Unterricht für alle Kinder, dann müsse das auch vorab wissenschaftlich untersucht werden, so Melanie Ahaus:

Lehrer und Schüler mit Maske im Unterricht
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Da ist es natürlich extrem wichtig zu wissen, was passiert, wenn die Kinder fünf, sechs oder sieben Stunden am Tag eine FFP2-Maske aufhaben müssen. Das wissen wir aus den Pflegebereichen, wo die Erwachsenen das schon über Stunden macht und wo es auch Studien dazu gibt: Da kommt es schon zu Kopfschmerzen und Konzentrationsproblemen. Aber nicht zu gefährlichen Zwischenfällen.

Da seien auch Studien für Kinder wichtig, weil diese häufiger atmen als Erwachsene und ein kleineres Atemvolumen haben.

Ich mach als Kinderärztin immer wieder die Erfahrung, dass Kinder viel flexibler sind, als wir Erwachsenen und auch mit neuen Situationen auch viel spontaner umgehen können als wir. Und dass ihnen das Maskentragen am wenigsten ausmacht und dass sich da Kinder am schnellsten dran gewöhnt haben.

Wichtig für Kinder sei auch, wie Eltern mit der Maskenpflicht umgehen. Nutzten die Großen den Mund-Nasen-Schutz ganz selbstverständlich, sei das auch für die Kleinen kein Problem.

Gibt es SARS-CoV-2 nur als Computermodell und schlagen deshalb alle Tests falsch Alarm?

Auch diese Behauptung zum Corona-Virus ist im Netz immer wieder zu lesen: SARS-CoV-2 sei noch im Labor isoliert worden. Damit seien auch alle PCR- oder Schnelltests unzuverlässig, weil sie vereinfacht gesagt nicht richtig auf den Erreger anschlagen. Von dem gebe es zudem bisher nicht mal Bilder.

Grundsätzlich seien Corona-Viren in der Wissenschaft schon lange bekannt, sagt Dr. Ursula Marschall. Sie leitet bei der BARMER den Bereich "Medizin- und Versorgungsforschung". 15 Prozent aller Erkältungen würden durch Viren aus der Corona-Familie verursacht. Doch in dieser Familie gab es ein neues Familienmitglied und das musste erstmal möglichst schnell identifiziert und isoliert werden:

Dr. Ursula Marschall, leitende Medizinerin bei der BARMER
Bildrechte: BARMER

Wir müssen natürlich gucken, wo kommt der Erreger her, welche Eigenschaften hat er mit seinen anderen Familienmitgliedern gemeinsam und welche neuen Eigenschaft hat er. Nur wenn wir das Virus ganz genau untersuchen und genau kennen, dann können wir auch die entsprechenden Gegenmaßnahmen entwickeln: Einen passgenauen Impfstoff.

Das Identifizieren des neuen Erregers sei auch sehr schnell gegangen, so Ursula Marschall: Die ersten Krankheitsfälle gab es Ende 2019 in China, das neuartige Corona-Virus wurde erstmals im Januar 2020 in einer Fachzeitschrift beschrieben.

Erst wird der Virus identifiziert, dann züchtet man den in einer Kultur im Labor. Mit dem im Labor gezüchteten Virus löst man dann bei Labortieren eine entsprechende Erkrankung aus. Und wenn man dann den Tieren wieder Blut abnimmt und weitere Tiere damit infizieren kann, dann sind diese Kochschen Postulate erfüllt.

Die "Kochschen Postulate" sind Regeln für das Isolieren eines Krankheitserregers. Die hat der bekannte Virologe Robert Koch im 19. Jahrhundert aufgestellt. Vereinfacht gesagt wird damit wissenschaftlich nachvollziehbar nachgewiesen, dass ein bestimmter Krankheitserreger eine spezielle Infektionskrankheit auslöst. Diese Regeln wurden auch für das neuartige Corona-Virus erfüllt, so Medizinerin Marschall. Und damit könne mit den Tests eben auch eindeutig nachgewiesen werden, wenn jemand mit dem Virus infiziert ist. Anders als oft im Internet behauptet, gebe es durchaus Bilder vom Krankheitserreger, so Ursula Marschall:

Viren sind in der Regel noch deutlich kleiner als Bakterien und wir können die überhaupt nicht mit dem normalen Auge sehen. Es gibt natürlich elektronenmikroskopische Aufnahmen. Aber jeder, der nicht sich täglich Bilder vom Elektronenmikroskop ansieht, der würde darauf das Virus selber nicht erkennen. Aber natürlich gibt es elektronenmikroskopische Aufnahmen, aber die sind natürlich nicht in der Laienpresse veröffentlicht.

Dieses mit dem Elektronenmikroskop gemachte und nachträglich eingefärbte Bild zeigt den Erreger SARS-CoV-2 (gelb eingefärbt). Das Foto hat das National Institute of Allergy and Infectious Diseases der USA bereits im Januar veröffentlicht.
Bildrechte: imago images / ZUMA Wire / NIAID-RML

Diese Aufnahmen gibt es etwa in den renommierten Wissenschaftsmagazinen Science oder Nature, in den regelmäßig der aktuelle Forschungsstand zu Corona abgebildet und diskutiert wird. Das mit dem Elektronenmikroskop gemachte und nachträglich eingefärbte Bild rechts zeigt den Erreger SARS-CoV-2 (gelb eingefärbt). Das Foto hat das National Institute of Allergy and Infectious Diseases der USA im Januar veröffentlicht.

Bringen Masken gar nichts gegen das Coronavirus?

In Geschäften und im Nahverkehr gilt Maskenpflicht. In vielen Innenstädten ist der Mund-Nasen-Schutz inzwischen auch vorgeschrieben. Dabei sei der Stoff vor Mund und Nase doch völlig wirkungslos bei Corona, sagen Gegner der Maskenpflicht. Für die Wirksamkeit von Masken gebe es keine wissenschaftlichen Belege. Dabei spielt sicher auch die Einschätzung des Robert Koch-Instituts vom Frühling eine Rolle: Wer keine Corona-Symptome hat, müsse auch keine Maske tragen, so das RKI damals. Es fehlten wissenschaftliche Nachweise für die Wirksamkeit. Diese Sicht hat das Institut dann Anfang April geändert.

Tatsächlich lässt sich nur ziemlich schwierig nachweisen, dass sich ohne Masken mehr Menschen mit Corona-Viren anstehen als mit den Masken. Das sagt Prof. Dr. Achim Kaasch. Er ist Direktor am Institut für Medizinische Mikrobiologie und Krankenhaus-Hygiene an der Uniklinik Magdeburg:

Was kann man da machen? Also eine schöne Studie, die in den letzten Monaten rausgekommen ist, da wurden SARS-Cov-2-Erreger wurden in ein Aerosol gebracht und an einem Plastikkopf – der hat einen Hustenstoß ausgestoßen – und dann hat man einen Meter weg einen zweiten Plastikkopf aufgestellt und dann gemessen – kommt das Sars-2 bei diesem Kopf an.

Bei dem Experiment wurde deutlich: Über den Hustenstoß wurden weniger Viren übertragen, wenn ein Barriere aus Stoff dazwischen war. Genau das haben in den letzten Tagen auch Strömungs-Mechaniker von der TU Freiberg nachgewiesen: Die Stoffmasken fangen größere Tropfen mit Viren beim Husten oder Niesen direkt ab und das schützt andere um den Maskenträger herum. Anders sieht es bei Aerosolen aus. Das sind diese winzigen Tröpfchen mit Viren, die länger in der Luft schweben.

Friseure können weiter arbeiten: Von den drastischen Einschränkungen sind sie diesmal ausgenommen
Bildrechte: imago images / Jörg Halisch

Diese Aerosole werden nicht durch eine Maske abgehalten beziehungsweise entstehen trotzdem. Weil sie einfach in der Ausatemluft sind und die Maschen von einer Maske nicht ausreichen, um Aerosole abzuhalten. Es ist ja bei den anderen, den FFP-Masken so, dass sie eine elektrostatische Wirkung haben. In dem Feld, was da aufgebaut wird, bleiben diese Tröpfchen hängen.

Von Maskengegnern werden regelmäßig auch entsprechende Studien von angesehen Wissenschaftlern zitiert. Die sollen beweisen, dass Masken nichts bringen. Dazu sagt Mikrobiologe Achim Kaasch:

Jede Studie hat ihre eigenen Schwierigkeiten. Man kann wirklich jede Studie auseinander nehmen, weil sie mal einen Aspekt nicht betrachtet. Von dem man vielleicht selber denkt: Der ist wichtig. Das einzige, was man machen kann ist tatsächlich, dass man viele Studien nebeneinander legt. Und das Wissen, was da generiert wird und die Beobachtungen, da geschildert werden, synthetisiert zu einem gesicherten Wissen. Das ist auch am Ende das, was die Wissenschaft macht.

Aus diesem "Zusammenlegen" vieler Studien zusammen ergebe sich: Maskentragen ist sinnvoll, wenn es darum geht, die Umgebung möglichst wenig mit Corona-Viren zu belasten.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP - Die Themen des Tages | 16. November 2020 | 19:50 Uhr

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