Gefährliche Delta-Variante: Wie ist der Stand in Mitteldeutschland?

Die Inzidenzzahlen sinken bundesweit immer weiter. Doch die Zahlen der Infektionen mit der Delta-Variante des Coronavirus steigen. Könnte das zu einem erneuten Lockdown im Herbst führen?

Eine junge Frau in Schutzkleidung betrachtet einen Corona-Schnelltest
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Die Corona-Inzidenzen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen bewegen sich unverändert auf niedrigem Niveau. Bundesweit sank der Wert am Montag leicht auf 8,6 - die erste einstellige Inzidenzzahl in neun Monaten. Was Experten und Expertinnen Sorgen bereitet ist die Delta-Variante des Coronavirus. Denn für die erste Juniwoche hatte sich der Anteil der Delta-Variante in Deutschland innerhalb von nur einer Woche auf sechs Prozent fast verdoppelt. Nach Einschätzung des Charité-Virologen Christian Drosten muss die Variante ernst genommen werden:

Ich bin mittlerweile so weit, dass ich sage, wir sind hier jetzt im Rennen in Deutschland mit der Delta-Variante. Wir müssen das ab jetzt wirklich ernst nehmen. Vom Gefühl her kann ich sagen, uns rufen immer mehr Leute an, die Ausbrüche beschreiben, immer mehr Labore. Das erinnert mich an den Beginn der B.1.1.7-Epidemie in Deutschland, wo es genauso war.

Warum müssen wir die neue Corona-Variante so ernst nehmen?

Die Corona-Variante Delta, auch B1.617.2 genannt, wurde zunächst in Indien entdeckt und mittlerweile in über 40 Ländern nachgewiesen. Vor allem Großbritannien machte zuletzt Schlagzeilen, weil sich Delta dort sehr schnell ausbreitete. Diese Variante ist die bisher ansteckendste. Das Übertragungsrisiko ist laut Studien aus Großbritannien noch einmal rund 60 Prozent höher. Laut einer schottischen Studie ist auch das Risiko für eine Krankenhauseinweisung deutlich höher, als bei den anderen Varianten.

Laut Virologe Thomas Grünewald sollte die Variante für Geimpfte keine Probleme darstellen:

Das ist ein Problem der Nicht-Geimpften und das kann man ganz klar sagen. Die vollständig Geimpften in Großbritannien haben keine Probleme mit der Delta-Variante.

Der Impfschutz ist vorhanden, fällt jedoch etwas geringer aus. Eine britische Studie, die jedoch noch nicht gegengeprüft ist, kommt zu dem Ergebnis, dass der Schutz nach einer Impfdosis nur noch bei knapp 34 anstatt rund 51 Prozent liegt. Nach vollständiger Impfung ist der Impfschutz immer noch geringer, aber trotzdem gut. Dort gibt es Unterschiede von 5-6 Prozent. Auch die Symptome unterscheiden sich. Die häufigsten Symptome seien Kopfschmerzen, Schnupfen und ein rauer Hals. Der Verlust von Geruchs- und Geschmackssinn komme eher wenig vor. Könnte die Delta-Variante auch zu einer Gefahr für Mitteldeutschland werden?

Sachsen

Aus Sachsen erreichen uns in den letzten Wochen immer wieder Nachrichten im Zusammenhang mit der neuen Variante des Coronavirus. Letzte Woche hat es an der 113. Grundschule am Großen Garten in Dresden einen bestätigten Fall gegeben. 24 Kinder und 9 Lehrer befinden sich demnach in Quarantäne.

In diesem Fall hatten sich 3 Kinder einer Familie angesteckt. Deshalb mussten sich auch Schüler, Schülerinnen und Lehrkräfte der Kita Spatzenvilla in der Südvorstadt und der 35. Oberschule in Löbtau in Quarantäne begeben. Anfang Juni musste sogar ein komplettes Studentenwohnheim in Dresden wegen der Virusvariante unter Quarantäne gestellt werden. Ein junger Student erkrankte nach seiner Rückkehr aus Indien an Covid-19. Obwohl er keine Vorerkrankungen hatte, verschlechterte sich sein Zustand sehr schnell und er starb. Später stellte sich heraus, dass auch er sich mit der Delta-Variante des Virus infiziert hatte. Er war bereits Ende April aus Bangalore in Indien zurückkehrt und hatte sich zunächst in Quarantäne begeben. Auch ein Schnelltest vor der Einreise war negativ. Auch in Leipzig ist Delta angekommen. Hier handelt es sich ebenfalls um eine Person, die aus dem Ausland zurückgekehrt ist. Landkreissprecherin Brigitte Laux sagte dem MDR, die infizierte Person sei in keinem Virus-Variantengebiet gewesen. Das Gesundheitsamt ermittelt derzeit alle weiteren Kontaktpersonen und schickt diese in Quarantäne. Im Landkreis Görlitz wurde die Delta-Variante ebenfalls bei einer Reiserückkehrerin aus Frankreich festgestellt. Die Betroffene habe sich direkt nach ihrer Rückkehr selbstständig in häusliche Quarantäne begeben.

Sachsen-Anhalt

Vor wenigen Tagen die indische Variante des Corona-Virus erstmalig in Dessau-Roßlau nachgewiesen. Amtsärztin Dr. Christine Gröger, Leiterin des Fachbereiches Gesundheit bestätigte uns, dass auch die Stadt Halle betroffen war. Hier hat es 4 Fälle gegeben. Alle Kontakte konnten nachverfolgt werden. Alle Patienten sind inzwischen wieder negativ getestet. In der Landeshauptstadt Magdeburg wurden bislang 11 Infektionen mit der Delta-Variante von SARS-CoV-2 festgestellt Laut RKI fanden die meisten Übertragungen bundesweit in privaten Haushalten statt. Nur 10% der Fälle haben ihren Ursprung im Ausland, also bei (Urlaubs-)reisen, z.B. in Zusammenhang mit Hotelübernachtungen, Kreuzfahrten oder Flugreisen. Darunter wurden Indien und Italien am häufigsten angegeben.

Thüringen

In Thüringen sind nach Angaben der Landesregierung bis Sonntagmittag zwölf Fälle der sogenannten Delta-Variante des Coronavirus nachgewiesen worden: Im Altenburger Land (fünf Fälle), in Erfurt, Suhl sowie im Kyffhäuserkreis (je zwei Fälle) und im Eichsfeld (ein Fall). Auch in Jena wurde die Virus-Mutante bei einer Frau festgestellt, nachdem sie von einer Reise aus Osteuropa zurückgekehrt war. Der Fall muss jedoch noch vollständig geprüft werden. Auch die Kontaktnachverfolgung laufe derzeit noch. Thüringens Gesundheitsministerin Heike Werner warnt vor einer weiteren Verbreitung:

Nach allem, was wir derzeit wissen, ist die Delta-Variante um 60 Prozent ansteckender. Zum Glück gibt es in Thüringen bisher nur wenige Einzelfälle.

Könnte die Delta-Variante eine vierte Welle auslösen?

Noch ist die Zahl der Delta-Fälle in Deutschland vergleichsweise gering. Doch das ist leider kein Grund zur Beruhigung. Auch in Großbritannien hielt man die Variante zunächst nicht für eine Gefahr. MDR WISSEN hat die Lage genau unter die Lupe genommen:

Anfang Mai machte Delta dort rund ein Viertel der Fälle aus. Mitte Mai überholte Delta dann schon Alpha. Und nur zwei Wochen später gab es fast nur noch Delta-Fälle. Die Sieben-Tage-Inzidenz liegt in Großbritannien derzeit wieder bei rund 70 – vorher rangierte sie wochenlang bei etwa 20. Die Inzidenzen legten also rasant zu, obwohl mittlerweile bereits mehr als 57 Prozent der Erwachsenen in Großbritannien vollständig geimpft sind.

Und in Deutschland sieht die Impfsituation deutlich schlechter aus. Nur ein Viertel der Bevölkerung ist vollständig geimpft. Doch genau darauf kommt es bei Delta an, denn die erste Impfdosis schützt hier deutlich weniger, als bei anderen Varianten. In Schottland und Großbritannien verbreitet sich der Mutant vor allem unter Ungeimpften und Jüngeren. Dem Immunologen Carsten Watzl bereitet das Sorgen:

Daher wird die Diskussion zur Impfung von Kindern und Jugendlichen noch wichtig werden.

Die Frage ist also nicht ob, sondern wann die vierte Welle kommt. Denn alles deutet darauf hin, dass Variante Delta auch in Deutschland die Vorherrschaft erlangen wird. Leiter des KV-Pandemiestabs, Jörg Mertz macht es noch mal deutlich:

Wer sich jetzt nicht impfen lässt, hat bald ein Problem mit der Mutation.

Mit Material von dpa, MDR Sachsen, MDR Thüringen, MDR Wissen

Dieses Thema im Programm MDR JUMP Nachrichten | 22. Juni 2021 | 06:00 Uhr

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