Ansturm auf Fahrradläden in Mitteldeutschland

Die Fahrradhändler haben alle Hände voll zu tun. Nach wochenlanger Schließung bilden sich nun lange Schlangen vor den Geschäften. Die Corona-Pandemie beschert Fahrradhändlern einen ungeahnten Boom.

Meschen stehen Schlage vor einem Fahrradgeschäft in Berlin
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Wer sich im Moment ein Fahrrad anschaffen will oder Ersatzteile braucht, muss Geduld mitbringen. Vor vielen Fahrradläden in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen bilden sich täglich Menschenschlangen. Das hat mehrere Gründe. Zum einen ist ohnehin gerade Fahrrad-Kauf-Hochsaison. Zum zweiten dürfen sich wegen der Abstands- und Hygieneregeln nur wenige Kunden gleichzeitig in den Läden aufhalten und zum dritten schaffen sich offenbar immer mehr Menschen ein Fahrrad an, um die Maskenpflicht in Bussen und Bahnen zu meiden.

Boom nach Schließung

Hinzu kommt, dass die Fahrradläden wochenlang geschlossen waren. Fahrräder werden kaum online verkauft. Und so gibt es nun eine Aufholjagd.

Wir holen jetzt das entgangene Geschäft der letzten Wochen nach. Es kommen sehr viele Kunden, wie haben enorm viel zu tun.

Das sagt Jan Flick, Inhaber von Zweirad Schulze in Magdeburg im MDR JUMP-Interview. Vor seinem Laden hat er ein Schild angebracht auf dem steht "Sie werden reingeholt“. Er lässt immer nur einen Kunden pro Verkäufer zu. Deshalb stehen bei ihm regelmäßig mindestens fünf Leute vorm Geschäft und warten.

Ähnliche Bilder in Leipzig. Vor dem Bike Department Ost steht täglich eine lange Schlange. Insbesondere am Nachmittag kann es zu Wartezeiten kommen. Aber sobald man dran ist, nehmen sich die Verkäufer wie gewohnt Zeit für Service und Beratung, verspricht das Team auf seiner Website. Zeit, ans Telefon zu gehen, hätte man im Moment aber leider nicht. Auch in der Radscheune Erfurt ist gerade sehr viel Betrieb. Inhaber Frank Derer sagt:

Zum einen wollen ganz viele Leute wieder mobil sein. Die Kinder waren jetzt wochenlang zu Hause. Die Eltern wollen natürlich, dass die sich bewegen bis die Schule wieder richtig losgeht. Und ganz viele wollen sich natürlich jetzt nicht im Nahverkehr bewegen.

Der Branchenverband ZIV bestätigt die Erfahrungen der Ladenbesitzer. Nach einem coronabedingten Umsatzeinbruch von 30 bis 60 Prozent im März und April gibt es nun einen enormen Run auf die Fahrradläden.

Ohne von einem Gewinner der Krise reden zu wollen, muss man festhalten, dass das Fahrrad gerade einen besonderen Moment erlebt.

David Eisenberger, Leiter Marketing und Kommunikation beim Zweirad-Industrie-Verband ZIV

Die Branche ist schon länger im Aufwind. Im vergangenen Jahr erzielte sie mit Fahrrädern und vor allem den immer beliebteren E-Bikes gut 4,2 Milliarden Euro Umsatz - 34 Prozent mehr als im Vorjahr. Zudem tendierten die Verbraucher zu hochwertigeren Rädern, so Eisenberger. Der Durchschnittspreis lag 2019 bei fast 1000 Euro und damit rund ein Drittel höher als 2018.

"Corona-Aufschlag" macht Fahrräder teurer

Jan Flick von Fahrrad Schulze in Magdeburg geht aber davon aus, dass der aktuelle Boom in den Läden schnell wieder nachlassen wird. Wenn sich alle eingedeckt haben, wird pünktlich zum Ende der Hauptsaison Mitte Juni wieder Ruhe einkehren, sagt er. Auch weil die Hersteller die Fahrradpreise erhöht haben. Corona-Aufschlag nennt Flick das. Die Fahrräder kosten alle zwischen 50 und 100 Euro mehr. Das liegt an den gestiegenen Transportkosten, so Flick. Alle Hersteller verbauen an den Rädern Teile aus China, etwa Lenker oder Gepäckträger. Da die Produktion in China wochenlang lahmgelegt war, müssen die Teile jetzt schneller als sonst herangeschafft werden, damit die Fahrradproduktion nicht ins Stocken gerät. Also werden sie nun per Luftfracht oder auf der Schiene angeliefert und nicht wie sonst per Schiff. Das ist natürlich teurer. Allerdings verkürzen sich so die Transportzeiten von sechs Wochen auf eine Woche.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP Nachrichten | 08. Mai 2020 | 13:00 Uhr

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