Die Bilanz: Wie gut ist Schweden mit seinem Corona-Sonderweg gefahren?

Weniger Verbote, mehr Eigenverantwortung. Das war Schwedens Strategie in der Coronakrise. Ist sie aufgegangen? Zeit für eine Zwischenbilanz.

Rentner spielen vor dem Palast in der schwedischen Hauptstadt Stockholm Boule.
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Wenn die Welt früher auf Schweden schaute, ging es für gewöhnlich um praktische Bücherregale aus Holz, kleine Hackbällchen mit Preiselbeersauce oder das Geheimnis des perfekt produzierten Popsongs. Doch in der Coronakrise hat sich das geändert. Wenn man nun international einen Blick auf Schweden warf, interessierte man sich für weit weniger angenehme Dinge wie Infektionsverläufe und Sterblichkeitsraten.

Hat Schwedens Sonderweg funktioniert?

Das Land stand sozusagen unter besonderer Beobachtung: Schweden hatte als einer von sehr wenigen Staaten weltweit einen etwas anderen Weg zur Bekämpfung der Pandemie eingeschlagen. Er basierte, grob gesprochen, darauf, den Bürgern mehr Eigenverantwortung zuzutrauen und nicht das gesamte öffentliche und wirtschaftliche Leben staatlicherseits mit Verboten lahm zu legen. Viele Schulen, Geschäfte und Restaurants zum Beispiel blieben offen. Allerdings wurden auch Versammlungen mit mehr als 50 Teilnehmern verboten, Gymnasien und Unis geschlossen. In einem Tagebuch hat MDR JUMP-Redakteurin Christiane Luft bei uns darüber berichtet, wie sich das alles so anfühlte.

Mittlerweile lässt sich eine erste Bilanz des schwedischen Sonderweges ziehen - und die fällt nicht sehr schmeichelhaft aus: Vor allem beim Schutz der Alten in der Bevölkerung, und das ist bei Corona ja die wichtigste Risikogruppe, hat die Strategie offenbar weitgehend versagt. Das zeigt sich zum Beispiel, wenn man auf die Statistik der Covid-19-Todesfälle pro eine Million Einwohner schaut. Da liegt Schweden bei etwa dem zehnfachen Wert der anderen skandinavischen Staaten Dänemark, Norwegen und Finnland, wo die Corona-Beschränkungen deutlich strenger waren.

Bilanz fällt durchwachsen aus

Statistiken des Nationalen Amtes für Gesundheit und Soziales in Schweden belegen, dass mehr als die Hälfte der Todesfälle in Alten- und Pflegeheimen auftraten sowie und bei Menschen, die zu Hause von Pflegediensten betreut wurden. Der staatliche finnische Sender YLE formulierte es auf seiner Webseite daher so: Schweden habe "die Alten geopfert".

Ein Pfleger hält Hand einer Seniorin
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Ein Teil des Problems lässt sich offenbar mit der Organisation der Altenpflege in Schweden erklären. Die liegt weitestgehend in privater Hand und viele Heimbetreiber und mobile Pflegedienste beschäftigen ihre Pflegekräfte offenbar oft ohne feste Arbeitsverträge. Experten gehen davon aus, dass das insbesondere zu Anfang der Pandemie dafür gesorgt hat, dass diese Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch dann noch zum Dienst gegangen seien, als sie sich selbst ein bisschen krank fühlten – und so Menschen in ihrer Obhut unabsichtlich mit dem Erreger infiziert haben. Wer nur einen Zeitvertrag hat, kann sich Ausfälle nicht leisten – mit potentiell fatalen Folgen.

„Wir haben zu wenig auf die Mitarbeiter geschaut, auf ihre Arbeitsbedingungen und das Ansehen ihrer Arbeit“, hat die schwedische Sozialministerin Lena Hallengren eingestanden. „Aber man muss schon auch die Verantwortung der Arbeitgeber betonen, was die mangelnde Krisenbereitschaft angeht.“

Jeder habe wissen können, "dass es so kommen würde", hat dagegen der Göteborger Professor Ingmar Skoog erklärt. Sein Spezialgebiet ist das Thema „Altern und Gesundheit“. Die Corona-Krise habe nur die Mängel bloßgelegt, die seit Jahren im System der schwedischen Altenpflege vorhanden seien, so der Fachmann.

Die schwedische Regierung musste nachbessern

Die Regierung sagt, man habe inzwischen strenge Maßnahmen auf den Weg gebracht. Und tatsächlich: Die Infektionszahlen in den Heimen scheinen zu sinken, die im ganzen Land ebenso.

Was bleibt nun vom schwedischen Sonderweg? Nun, zunächst einmal sind mehr als 3.500 Menschen gestorben – und das bei rund 29.000 bestätigten Infektionen. () Zum Vergleich: In Deutschland gab es zwar doppelt so viele Tote, aber auch sechs Mal so viele bestätige Erkrankte. Das heißt: Die Chance, an Covid-19 zu versterben war in Schweden für einen Infizierten deutlich höher als bei uns. Das spricht nicht unbedingt für die schwedische Strategie.

Andererseits lag die Reproduktionszahl seit der zweiten April-Hälfte fast kontinuierlich unter dem Wert von 1. Das bedeutet: Jeder Infizierte steckt im Schnitt weniger als eine weitere Person an, die Epidemie nimmt ab.

Schweden will jedenfalls an seinem Sonderweg festhalten, auch wenn dieser selbst im eigenen Land durchaus umstritten ist. Die Lage im Land sei stabil, verteidigt sich der oberste staatliche Seuchenschützer Anders Tegnell. Auch wenn er eingestehen musste: "Es ist furchtbar traurig, dass weiter so viele Menschen in Schweden an dieser Krankheit sterben."

Einstweilen wird Schweden auf jeden Fall gleich zwei Gruppen von Menschen weiter als Argument dienen: Denen, die strenge Schutzmaßnahmen für nicht zielführend halten. Sie werden anführen, dass das Land doch ganz passabel und eben ohne allzu große wirtschaftliche Kollateralschäden durch die Krise gekommen sei. Und denen, die das genaue Gegenteil fordern, strengeres Einschreiten und weniger Lockerungen. Sie werden damit argumentieren, dass die Statistiken der Schweden alles andere als schmeichelhaft sind.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP Nachrichten | 14. Mai 2020 | 13:00 Uhr

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