Bestatter am Limit: "Es ist einfach diese Masse an Sterbefällen, die wir im Augenblick haben"

Die Zahl der Corona-Toten steigt. Vor allem in Sachsen spitzt sich die Lage zu. Das lässt Bestattungsunternehmen an ihre Grenzen kommen. Ein Bestatter aus Bischofswerda schildert die dramatische Situation.

Mit Kreide geschrieben steht "Corona" auf einem Sarg mit einem Verstorbenen, der an oder mit dem Coronavirus gestorben ist, welcher im Krematorium mit anderen Särgen in der Kühlung steht.
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Marco Klöber leitet das Bestattungsunternehmen Schuster-Griete in Bischofswerda. Es ist das größte Bestattungshaus im Landkreis Bautzen und hat vier Niederlassungen. Im MDR JUMP-Gespräch gewährt Klöber einen Einblick in seine momentan sehr schwierige Arbeit.

MDR JUMP: Herr Klöber - wie ist die Situation im Moment bei Ihnen?

Marco Klöber: Die Situation im Augenblick ist die, dass meine Mitarbeiter an der absoluten Grenze des Machbaren laufen. Wir haben 80 Prozent mehr Sterbefälle als sonst in dieser Jahreszeit. Auf 95 Prozent aller Totenscheine steht Covid-19. Das sind überwiegend alte Menschen ab dem 80. Lebensjahr, in der Regel auch mit Vorerkrankungen. Es dreht sich um Personen, die in Krankenhäusern waren oder Pflegeeinrichtungen.

MDR JUMP: 80 Prozent mehr - wie bewältigen Sie das?

Marco Klöber: Das fragen wir uns selber. Also wir versuchen eins nach dem anderen abzuarbeiten, mit vielen Überstunden, teilweise mit 14 Stunden am Tag, mit allen Mitarbeitern zusammen. Und wir führen dafür im Augenblick keinerlei Trauerfeiern oder Bestattungen durch, um die Zeit zu haben, ausschließlich Überführungen von Pflegeeinrichtungen oder Krankenhäusern zu tätigen in unser Haus oder von unserem Haus in das angrenzende Krematorium.

MDR JUMP: Das ist das Krematorium in Dresden. Ist das noch aufnahmefähig?

Marco Klöber: Das Krematorium ist im Grunde genommen nicht mehr aufnahmefähig. Dort in Dresden sind verschiedene Friedhofshallen gesperrt worden, die ausschließlich dazu dienen, Verstorbene zwischenzulagern bis zur Einäscherung. Es sammeln sich die Särge an, überall: in Kühlcontainern an Kliniken, bei uns im Unternehmen, und jetzt im Krematorium. Das Krematorium versucht mit größtmöglicher Pietät die Särge in andere Krematorien weiterzugeben, um dort die Einäscherung zu veranlassen. Jetzt sind die Krematorien im näheren Umkreis auch an die Belastungsgrenze gekommen, sodass die mittlerweile bis nach Hessen fahren.

MDR JUMP: Herr Klöber, haben Sie so eine Situation schon mal erlebt?

Marco Klöber: Nein, definitiv nicht. Es gibt jedes Jahr Grippewellen, aber die schlagen sich in den Sterbezahlen bei uns in den Unternehmen nicht nieder. Also das was hier passiert, das gabs noch nie. Wir sind alle unwahrscheinlich betroffen, dass so viele Menschen versterben. Wir können derzeit keine Termine für Beerdigungen machen. Es dauert ungefähr vier Wochen vom Abtransport des Verstorbenen bis dann die Urne aus dem Krematorium zurückkommt. Aber Termine sind im Moment nicht möglich aufgrund der Masse – wir reden wirklich von Masse.

MDR JUMP: Wie wirkt sich das noch auf Ihre Arbeit aus?

Marco Klöber: Am Tag macht eine Mitarbeiterin von mir mitunter bis zu sechs Aufnahmen, also Beratungsgespräche, wo sonst vielleicht maximal zwei möglich wären, und das passiert bei uns zurzeit jeden Tag. Die Mitarbeiter im Bereitschaftsdienst haben seit etwa dreieinhalb Wochen nicht eine Nacht gehabt, wo sie nicht mindestens zweimal, dreimal ausrücken mussten, was sonst auch nicht der Fall ist. Es ist einfach diese Masse an Sterbefällen, die wir im Augenblick haben. Das ist absoluter Wahnsinn. Wir haben hier bei uns im Dorf ein Pflegeheim, da sind innerhalb von 24 Stunden acht Bewohner gestorben. Die haben wir alle der Reihe nach geholt.

MDR JUMP: Und der Oberinnungsmeister der Bestatter in Sachsen, Tobias Wenzel, hatte in einem Interview gesagt, dass der Höhepunkt noch nicht erreicht sei.

Marco Klöber: Ja. Wir rechnen damit, dass der Höhepunkt der Sterbefälle erst ab Mitte Januar eintreten wird. Bis dahin müssen wir Schritt für Schritt weiterarbeiten. Anders geht es nicht. Und wir sind wirklich dankbar dafür, dass das Krematorium Lagermöglichkeiten für uns Bestatter bereithält. So können wir unsere eigenen Lagerkapazitäten immer wieder quasi frei machen und Verstorbene aus Heimen und Krankenhäusern abholen und ins Krematorium überführen. Ansonsten würden hier Bilder auftauchen, wie wir sie in Italien gehabt haben.

MDR JUMP: Kern Ihrer Tätigkeit ist ja auch die Trauerarbeit mit Angehörigen. Wie läuft das im Moment?

Marco Klöber: Trauerarbeit groß zu spenden ist nur bedingt möglich. Wir versuchen im Augenblick im Beratungsgespräch nur die Formalitäten abzuklären: schnell eine Beurkundung durchführen und dann schnellstmöglich eine Überführung ins Krematorium. Um vielmehr dreht sich es gerade nicht. Wir haben ganz tolle Angehörige, die die Situation verstehen, viel Verständnis dafür aufbringen, dass sie keinen Beisetzungstermin von uns erhalten können. Normalerweise hört man sich in so einem Gespräch die letzten Tage, die letzten Wochen eines Lebens an und versucht, auf Leute einzugehen. Aber das geht jetzt nicht, es mangelt an der Zeit.

MDR JUMP: Wie ist das für die Angehörigen?

Marco Klöber: Für die Angehörigen ist Corona wirklich das Schlimmste, was überhaupt passieren konnte. Die dürfen ja schon seit Wochen nicht mehr in die Pflegeeinrichtungen. Es gibt Einrichtungen, da dürfen die Angehörigen nicht mal rein, wenn ein Patient im Sterben liegt. Und wir dürfen den Verstorbenen auch nicht mehr zeigen, wenn dieser mit oder an Corona gestorben ist. Dann ist es ja ein infektiöser Leichnam. Da müssen wir eine bestimmte Vorgehensweise einhalten und dürfen wir keinerlei Aufbahrung mehr machen. Es gibt Familien, die haben keine Gelegenheit gehabt, sich im Antlitz des Verstorbenen zu verabschieden. Aber andererseits gibt es auch einzelne, wo wenig Verständnis für die Situation da ist, die wahrscheinlich auch nicht an Corona glauben. Aber da kann man nur mit dem Kopf schütteln.

MDR JUMP: Sie treffen auf Corona-Leugner, deren Angehörige an oder mit Corona gestorben sind?

Marco Klöber: Ja und ich bin persönlich als Mensch erschüttert. Wie es wirklich Leute gibt, die sagen, es ist von der Politik erfunden. Diese Menschen sollten einfach mal schauen, was gerade in der Pflege, im medizinischen Bereich, im Bestattungswesen geleistet wird, weil wir mit den Folgen dieses Virus arbeiten. Das lässt mich wirklich am gesunden Menschenverstand mancher zweifeln. Und ich lade gerne mal jeden ein, der sich das angucken will, wie das ist, was hier gerade passiert in unserem Land gerade bei uns hier in Ostsachsen.

MDR JUMP: Herr Klöber, vielen Dank für das Gespräch und viel Kraft für die kommenden Wochen!

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