Ein Tier aus dem Tierheim holen: Ist jetzt der richtige Zeitpunkt?

Die Tierheime in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen erleben einen richtigen Ansturm. Viele Menschen wollen gerade jetzt Haustiere adoptieren. Ihr auch? Wir haben Tipps für euch.

Junger gelber Labrador Retriever Welpe mit Futter an der Schnauze auf dem Arm einer Frau.
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Der Tierschutzverein Südthüringen vermittelt Tiere an Privatpersonen. Monika Hahn vom Tierschutzverein erzählt, dass im Moment mehr Menschen als vor der Corona-Krise Haustiere haben wollen. Sie erklärt sich das so:

Ich glaube, dass die Leute ein kleines bisschen einsam waren.

Besonders Hunde werden im Moment gerne adoptiert. Skeptisch war Monika Hahn aber oft bei der Abgabe von Meerschweinchen und Kaninchen. Denn:

Meerschweinchen
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Meistens waren es junge Mädchen, also dritte, vierte Klasse, die schon mit dem Korb kamen. Die haben dann gesagt: „Ich tu' das dann in der Wohnung in einen Käfig. Wir kaufen so ein schönes Häuschen im Baumarkt." Da habe ich natürlich gesagt, dass sie erstmal schauen sollen, wie unsere Tiere hier leben. Denn sie wollen es auf keinen Fall schlechter haben. Denn diese Baumarkt-Häuschen sind nicht artgerecht.

Strenge Regeln zum Wohl der Tiere

Bei der Abgabe von Hunden hat Monika Hahn strenge Regeln, die eingehalten werden müssen: Bevor sie ein Tier in eine neue Familie abgibt, müssen die potentiellen neuen Besitzer ein paar Mal im Tierschutzverein Südthüringen vorbeikommen und sich mit dem Hund beschäftigen. Damit sich die Menschen und das Tier kennenlernen können.

Golden Retriever Welpen
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Damit eine Bindung aufgebaut wird. Und ich muss sagen: Da trennt sich schon die Spreu vom Weizen. Wer nach 20 Minuten wiederkommt und findet, er kennt den Hund - dann möchten wir das nicht nochmal probieren.

Potentielle neue Haustier-Eltern sind natürlich prinzipiell gern gesehen, doch es geht auch um das Wohl der Haustiere. Deshalb wird ein Tier auch nicht einfach so abgegeben. Monika Hahn sagt:

Wir prüfen die Leute auf Herz und Nieren. Wir versuchen ein gutes Gespräch zu führen und wir versuchen auf die Eigenarten der Tiere hinzuweisen. Vor allem auf Hunde-Charaktere. Denn wir wissen ja, wo die Hunde herkommen. Und die Tiere sollen es immer besser haben als noch bei uns.

Die Nachfrage bei Hundezüchtern explodiert

Auch Udo Kopernik vom Verband für das Deutsche Hundewesen ist aufgefallen, dass zu Corona-Zeiten die Nachfrage nach Haustieren stark gestiegen ist:

Von einem Anstieg kann man fast nicht mehr sprechen. Das ist schon fast eine Explosion. Das ist ein richtiges Erdbeben, was den Züchtern passiert ist.

Udo Kopernik erzählt zum Beispiel von einem Golden-Retriever-Züchter, der für acht Welpen 120 ernstgemeinte Anfragen hatte. Und auch bei anderen populären Hunde-Rassen, wie Labrador Retriever, Golden Retriever, Australian Shepherd und Chihuahua gibt es oft mehr Anfragen, als abzugebende Tiere. Aber die gestiegene Nachfrage habe auch positive Seiten: Auch Züchter von Rassen, die sonst nicht so begehrt seien, hätten viele Anfragen - und seinen froh darüber.

Sie empfinden das als Luxus, weil sie dann die Möglichkeit haben, aus einer größeren Zahl von Interessenten den auszusuchen, der für ihre Welpen am geeignetsten erscheint.

Eine Katze schläft auf dem Kopf eines Hundes
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Denn viele Züchter haben bestimmte Kriterien an die potentiellen Hundehalter. Weil besonders der Züchter weiß, was die Hunderasse ausmacht und was der Hund braucht. Aber in Deutschland gibt es keine bestimmten Anforderungen per Gesetz an den potentiellen Hundehalter. Von Bundesland zu Bundesland sind die Voraussetzungen verschieden: Manche Bundesländer wollen zum Beispiel einen Sachkunde-Nachweis.

Der illegale Hundehandel fällt weg

Die Nachfrage nach Hunden, die durch Corona gestiegen ist, sieht Udo Kopernik auch positiv:

Man muss die Ursachen sehen. Aber zum Teil ist es wirklich positiv zu bewerten: Bei der Situation der Tierheime. Wir haben ja gerade einen Wegfall des Hundehandels, und vor allem des illegalen Hundehandels, durch die Schließung und Kontrolle der Grenzen. In den vergangenen Jahren kam die Mehrzahl der Hunde zu neuen Besitzern aus Südost-Europa mit dem Hundehandel über die Grenzen. Die Zucht in Deutschland war mehr oder weniger marginalisiert. Dementsprechend schwierig war auch die Situation in den Tierheimen.

Da also zur Zeit im Prinzip kein illegaler Hundehandel mehr stattfindet, haben die seriösen Hundezüchter und Tierschutzvereine eine gestiegene Nachfrage - das ist auch für die Tiere positiv.

Der richtige Zeitpunkt für ein Tier?

Außerdem gibt die Corona-Situation auch vielen Menschen, die schon länger über einen Hund nachdenken, vielleicht den nötigen Anlass, es endlich umzusetzen, glaubt Udo Kopernik.

Rennender Labrador Retriever Welpe
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Diese Menschen sagen vielleicht, jetzt wo ich im Homeoffice bin oder Kurzarbeit hab, ist der optimale Zeitpunkt, um mir einen Hund zuzulegen. Um den dann über mehrere Wochen bei mir gut einzugewöhnen. Damit er sich dann im Alltag, wenn er vielleicht dann wieder mal alleine sein muss, prima zurecht findet.

Aber Udo Kopernik ist sich auch bewusst, dass im Moment die Gefahr besteht, dass viele Menschen sich ein Haustier aus Langeweile anschaffen. Und er versteht das in gewisser Weise auch:

Hunde sind sehr analog. Sie geben uns Wärme und Geborgenheit. All das, was wir in der Zeit, in der wir uns eigentlich einigeln müssen, brauchen. Und jetzt wo wir soziale Distanz halten sollen, obwohl wir eigentlich kuscheln wollen. All das, kann man mit einem Hund machen. Und der findet das genauso toll wie wir.

Doch was passiert, wenn der Alltag nach dem Ausnahmezustand wieder einsetzt? Wenn die Zeit knapper wird, die man mit dem Hund verbringen kann?

Dann wird es wieder passieren, dass die Tierheime, die sich jetzt noch über viele Anfragen freuen, die Situation haben, dass die Schlange in umgekehrter Reihenfolge vor der Tür steht. Mit vielen Menschen, die sagen: Können Sie uns den Hund nicht abnehmen?

Tipps: Das sollte man bei der Anschaffung eines Hundes beachten

Udo Kopernik vom Verband für das Deutsche Hundewesen weiß, worauf es bei der Anschaffung ankommt:

Das Wichtigste ist: Wenn man vorher keinen Hund hatte, dass man sich im Klaren sein muss, dass sich das Leben in den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren ändert. Das ist die Lebenserwartung eines Hundes. Und das wird meinen Alltag und meine Urlaubsreisen entscheidend beeinflussen.

Außerdem sei es wichtig, einen seriösen Ansprechpartner zu finden. Das kann zum Beispiel ein Tierheim vom Tierschutzbund oder dem Bund gegen Missbrauch der Tiere sein oder auch ein Züchter. Dort kann man dann sicher sein, dass man gut beraten wird. Auch wenn es um die Kosten für den Alltag des Hundes geht.

Normalerweise wenn man einen Züchter besucht, hat man das Gefühl, der will einem den Hund nicht geben. Und wenn man auf so einen Züchter trifft, dann weiß man, da ist man richtig. Denn die sagen ganz offen und ehrlich: Aus dem und dem Grund, halte ich die Rasse für nicht geeignet.

Wenn es um die Frage „Welpe oder ausgewachsener Hund?" geht, verweist Udo Kopernik auf die Vorerfahrung beim Hundehalter. Bei älteren Hunden ist es gut, wenn man schon mal einen Hund hatte, denn gerade Hunde aus dem Tierheim haben oft schon Vorgeschichten und sind nicht immer einfach im Umgang. Bei Welpen hingegen machen der Halter und das Tier viele Erfahrungen gemeinsam und lernen gemeinsam dazu.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP - Die Feierabendshow | 08. Juni 2020 | 14:10 Uhr

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