Corona-Fallzahlen steigen wieder: Haben wir jetzt eine zweite Welle, oder nicht?

In Deutschland und einigen Urlaubsländern in Europa gibt es mehr Neuinfektionen. Muss uns das Sorgen bereiten? Experten haben im Detail unterschiedliche Antworten. Viele sehen den aktuellen Trend aber mit Beunruhigung.

Passanten mit Mund-Nasen-Schutz in gut gefüllter Innenstadt von Köln
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Allein schon das Timing gibt einen Hinweis auf die Stimmung von Deutschlands oberstem Infektionsschützer. In dieser Woche lud Lothar Wieler, Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI), zu einem Pressetermin nach Berlin. Es war das erste Mal seit fünf Wochen. "Die neueste Entwicklung in Deutschland macht mir und uns allen im Robert-Koch-Institut große Sorgen", warnte Wieler. Denn seit einiger Zeit steigen die Fallzahlen der Corona-Infektionen im Land wieder.

"Schutzmaßnahmen nicht mehr so gut befolgt"

Und was das bedeuten kann, zeigt das Beispiel einiger Staaten, die Wieler vor den Journalisten dann nannte: Australien, Japan und Spanien. In diesen Ländern sah es jeweils so aus, als sei das Sars-CoV-2-Virus erfolgreich zurückdrängt. Doch nun wachsen die Ansteckungszahlen dort jeweils wieder rapide. Der RKI-Chef warnte im Pressebriefing im Stream auf Twitter:

Lothar Wieler
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Ausschlaggebend ist vor Ort, dass individuelle Schutzmaßnahmen nicht mehr so gut befolgt werden.

Und das kennen wir, wenn wir ehrlich sind, eben auch aus Deutschland: Man trifft sich wieder, mit Freunden, mit der Familie und hält sich eben doch nicht immer an Abstandsregeln. Man reist in Deutschland und Europa, will die Entbehrungen der Corona-Zeit vergessen und schert sich deswegen nicht um Beschränkungen vor Ort. Man verabredet sich vielleicht sogar zu illegalen Partys. Man kümmert sich nicht mehr so um Maskenpflicht in Geschäften oder Bus und Bahn. Und das kann fatal sein. "Wir müssen jetzt verhindern, dass das Virus sich wieder rasant ausbreitet“, warnte Wieler. Für Deutschland könne es sich um den Beginn einer zweiten Welle handeln. Der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer hat gar in einem Zeitungsinterview gewarnt, die zweite Corona-Welle sei schon da:

Michael Kretschmer (CDU), Ministerpräsident von Sachsen, sitzt während der Sitzung des Sächsischen Landtages im Plenarsaal auf seinem Platz auf der Regierungsbank.
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Wir haben jeden Tag neue Infektionsherde, aus denen sehr hohe Zahlen werden könnten.

Bei Spanischer Grippe war zweite Welle schlimmer

"Die neuen Zahlen können ein Indiz für eine sich aufbauende zweite Welle sein", warnt auch der Epidemiologe Gérard Krause vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig in einem Interview. Zweite Welle – nun, das klingt nicht gut. Vor allem, weil es Assoziationen zur Spanischen Grippe weckt. An der starben zwischen 1918 und 1920 weltweit zwischen 20 und 50 Millionen Menschen. Und auch diese Pandemie war in Wellen verlaufen, die zweite war dabei wesentlich schlimmer als die erste. Ein Grund dafür war, dass das Virus über die Zeit mutiert war.

Beim Sars-CoV-2-Erreger ist das dagegen bisher kaum passiert. Und überhaupt: Wenn man auf die Zahlen für Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen schaut, muss man sagen: Die bekannten Neuinfektionen sind bei uns nach wie vor überschaubar. Pro Woche kommen laut RKI aktuell in jedem Land nur etwa 30 Fälle dazu. Bundesweit gesehen liegt das Infektionsgeschehen etwa auf dem Niveau von Ende Mai. Das war die Zeit, als die erste Infektionswelle gerade abklang.

Am Anfang einer zweiten Welle oder schon mittendrin?

Über den Begriff kann man durchaus streiten. Man kann es zum Beispiel sehen wie der Statistiker Thomas Hotz von der TU Ilmenau. Der sagte der Tagesschau: Die Epidemie verlaufe nicht in Wellen, "sondern die Fallzahlen erhöhen sich, wenn wir die Dinge laufen lassen". Dann könnten wieder strengere Maßnahmen ergriffen werden. Aktuell hätten die Gesundheitsämter die Situation aber gut im Griff. Auch der Bonner Virologe Hendrik Streeck findet die Bezeichnung "zweite Welle" nach eigenem Bekunden nicht passend. Es handele sich vielmehr um eine kontinuierliche Welle, eine "Dauerwelle, die immer wieder hoch- und runtergeht", so der Forscher im Interview mit der FAZ.

Global gesehen kann man auf jeden Fall sagen: Es ist nicht sinnvoll, von einer zweiten Welle zu sprechen. Seit dem Start der Pandemie kennen die Fallzahlen nur eine Richtung – sie steigen. Rund 17 Millionen Infizierte weltweit wurden bisher laut Johns-Hopkins-Universität (USA) registriert. Und täglich werden es mehr. Die Pandemie ist und bleibt eine weltweite Katastrophe. Sie rollt und rollt und rollt.

Kaum mehr Hotspots, Zahlen steigen trotzdem

In Deutschland – und jetzt sind wir zurück bei der Sache mit der möglichen zweiten Welle – ist die Lage dagegen etwas anders: Hier waren die Fallzahlen zwischenzeitlich niedriger als sie es heute sind. Und aktuell geht die Sache definitiv in die falsche Richtung. Für Forscher ist dabei besonders beunruhigend, dass es kaum mehr Hotspots gibt. Bei uns in der Region trifft das am ehesten noch auf Weimar zu.

Für die Gesundheitsbehörden haben Hotspots den Vorteil, dass sie leichter in den Griff zu bekommen sind. "Die Ausbreitung in der Fläche und viele einzelne Herde: Das unterscheidet die jetzige Situation von den Ausbrüchen in der Vergangenheit, wo wir eben Gütersloh oder Frankfurt hatten, also sehr homogene Gruppen", warnt etwa der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg in der Tagesschau. Er sagt weiter:

Die Situation ist noch beherrschbar, aber das kann auch sehr schnell aus dem Ruder laufen.

Auch in Deutschland an zunehmend mehr Flughäfen: Eine Urlauberin wird auf das Coronavirus getestet.
Auch in Deutschland an zunehmend mehr Flughäfen: Eine Urlauberin wird auf das Coronavirus getestet. Bildrechte: imago images / TT / Stina Stjernkvist

Schmidt-Chanasit forderte neben dem Einhalten von Abstands- und Hygieneregeln noch mehr Corona-Tests und eine Stärkung der Gesundheitsämter. Einzig auf diese Weise ließe sich das Infektionsgeschehen niedrig halten.          

Gesundheitssystem noch nicht stärker belastet

Zu den Tests muss man aber vielleicht doch noch etwas sagen, denn auch sie haben etwas mit den aktuellen Fallzahlen zu tun. In Deutschland wird derzeit nämlich mehr und anders getestet als zu Beginn der Pandemie. Das betrifft unter anderem die Nachverfolgung von Kontaktpersonen von Infizierten. Unter den positiv Getesteten, sagt der Braunschweiger Epidemiologie Krause, seien inzwischen mehr Menschen, die nur leichte oder gar keine Symptome hätten. Doch die würden nicht zwingend zur Belastung des Gesundheitssystems. Hier sei es entscheidend, wie viele Menschen schwer erkrankt auf Intensivstationen behandelt und beatmet werden müssen.

Eine Krankenpflegerin arbeitet in Schutzkleidung in einem Krankenzimmer auf der Intensivstation des Uniklinikums.
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Schmidt-Chanasit sagt im Interview mit der BILD-Zeitung: "So wie ich den Begriff verstehe, gäbe es eine zweite Welle, wenn unser Gesundheitssystem an seine Grenze käme.“ Bei der Belegung der rund 33.000 Intensivbetten in den deutschen Krankenhäusern gibt es aber aktuell – noch – keinen Trend nach oben. Etwa ein Drittel der Betten sind laut den Zahlen der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin frei. Dazu kommt: Mediziner haben bei der Behandlung von Corona-Patienten seit Beginn der Pandemie viele Erfahrungen sammeln können, haben also Chancen, Infizierte erfolgreicher zu behandeln.

Andererseits gibt es bis heute keine Impfung gegen den Erreger. Und die überwiegende Mehrheit hat noch immer keinerlei Immunschutz. "An jeder roten Fußgängerampel kann es zu sporadischen Übertragungen kommen", warnt Gerd Antes, Honorarprofessor der Medizinischen Fakultät an der Universität Freiburg im SPIEGEL.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP bei der Arbeit | 28. Juli 2020 | 12:45 Uhr

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