Grippe-Saison: Gibt es diesmal keine Influenza-Welle?

Die Zahl der Influenza-Fälle ist weltweit erstaunlich niedrig, in Deutschland gibt es bis jetzt kaum Grippe-Kranke. Hier bringen möglicherweise die Corona-Maßnahmen etwas. Trotzdem raten Mediziner zur Grippe-Impfung.

Frau vor einem Werbeplakat für die Grippeimpfung
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In der letzten Grippesaison erkrankten in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen vergleichsweise viele Menschen an Influenza. Die Zahlen verdoppelten sich im Vergleich zum Vorjahr. Doch die Grippesaison endete im Frühjahr viel eher als sonst. Die aktuelle Influenza-Saison hat jetzt im Herbst ungewöhnlich mild begonnen. Über den ganzen Winter könnte es auch in Deutschland deutlich weniger Fälle geben als sonst.

"Historisch wenig Fälle in dieser Grippezeit"

Auf der Südhalbkugel der Erde dauert die Grippe-Saison von April bis September: Sie kann damit aus Sicht von Medizinern auch eine Vorschau für Deutschland liefern. In den Ländern auf der Südhalbkugel gab es in dieser Influenzasaison kaum Fälle, obwohl etwa in Australien deutlich mehr getestet wurde als sonst. Auf diese Besonderheit weist auch das Thüringer Gesundheitsministerium auf Anfrage von MDR JUMP hin. Das Ministerium meldet zwei Influenza-Fälle im Freistaat für die aktuelle Grippesaison seit Ende September. Zum Vergleich: Im gleichen Zeitraum in den Vorjahren gab es 35 (2018) und 24 Fälle (2019). Eine Sprecherin des Gesundheitsministeriums schränkt aber gleich ein:

Es ist nicht ungewöhnlich, dass Anfang November nur wenige Influenzaerkrankungen gemeldet werden, auch wenn es sich um eine starke Saison handelt. Üblicherweise steigen die Influenzafallzahlen frühestens Ende Dezember beziehungsweise Anfang Januar deutlich an.

Gezählt und über die Fälle berichtet wird in Thüringen von Ende September bis zur 15. Woche des kommenden Jahres (Mitte April). In Sachsen-Anhalt hat die Grippesaison laut dem zuständigen Landesamt für Verbraucherschutz auch mild begonnen: Dort wird ab Ende August gezählt. Seitdem gab es zwei Influenza-Fälle. Im Vorjahreszeitraum waren es 19. Ein Behördensprecher sagte, es sei denkbar, dass die "Grippewelle schwach verlaufen wird". Ein möglicher Grund sei die Maskenpflicht. Die schütze Menschen bei engen Kontakten nicht nur besser vor Corona, sondern auch vor anderen Infektionen wie Grippe. Die Abstands- und Maskenregeln könnten auch schon im Frühjahr zum abrupten Ende der letzten Grippesaison beigetragen haben, vermutet das Robert Koch-Institut.

Positiver Nebeneffekt der Corona-Regeln

Keine großen Veranstaltungen mit vielen Menschen auf einem Fleck, deutlich weniger Kontakte zu Arbeitskollegen oder Freunden: Die Maßnahmen in der Corona-Pandemie haben aus Sicht von Medizinern einen positiven Nebeneffekt. Atemwegsinfektionen verbreiten sich deutlich weniger häufig als in anderen Jahren. Das zeigten auch die Daten der Krankenkassen, sagt die Chefmedizinerin der BARMER Dr. Ursula Marschall:

Dr. Ursula Marschall, leitende Medizinerin bei der BARMER
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Das sehen wir schon jetzt, wenn es um Arbeitsunfähigkeiten wegen Atemwegserkrankungen geht. Da gibt es einen deutlichen Rückgang im Vergleich mit anderen Jahren. Das heißt: Die AHA-Regel inklusive Lüften – die wirkt!

Ob auch andere Atemwegserkrankungen damit gebremst werden, lässt sich derzeit aber nicht sicher sagen. So können beispielsweise auch Rhinoviren für laufende Nasen, Husten und Kopfschmerzen sorgen. Die werden vor allem durch Schmierinfektionen und seltener durch Tröpfchen übertragen. Nachgewiesen werden derzeit allerdings nur Ansteckungen durch Corona-Viren und durch Grippe-Viren. Nach Rhinoviren wird vereinfacht gesagt gar nicht gesucht.

"Bitte trotzdem impfen lassen!"

Schüler mit Maske im Unterricht
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Auch wenn es Anzeichen dafür gibt: Niemand kann aktuell sicher sagen, ob die Grippewelle wirklich ausbleibt oder nur schwach ausfällt. Daher empfehlen Mediziner weiter die Schutzimpfung. Die sollten sich vor allem Menschen über 60 holen, Schwangere, Mitarbeiter im Gesundheitssystem und Lehrer. Kinderärzte empfehlen auch, Kinder und Jugendliche impfen zu lassen. Bei ihnen verläuft die Grippe selten schwer, sie verbreiten die Erreger aber durch ihre Kontakte sehr stark.

Gerade jetzt mit dem Vierfach-Impfstoff habe ich eine gute Chance, mein Immunsystem vor den Grippeviren zu schützen. Wir haben im Moment keine Impfung gegen Corona. Es kann mir also passieren, dass mein Immunsystem zusätzlich mit dem Corona-Virus in Kontakt kommt.

Im (seltenen) Ernstfall könnten sich Menschen gleichzeitig mit Grippe und SARS-CoV-2 anstecken. Für die Impfung spreche auch eine Erkenntnis aus den vergangenen Jahren:

Wir wissen aus der Zeit mit der Vogelgrippe und mit der Schweinegrippe, das sind ja auch SARS-Viren: Zumindest ein Teil von den Menschen, die sich regelmäßig gegen Grippe impfen lassen, war auch gegen Schweinegrippe geschützt. Da hatte die häufige Grippeimpfung einen positiven Effekt beim Schutz vor dem Schweinegrippe-Virus. 

Das neuartige Corona-Virus stamme aus der großen Gruppe der Vogel- und Schweinegrippenviren. Derzeit sei aber offen, ob es den beobachteten Zusammenhang auch zwischen Grippe-Schutzimpfung und SARS-CoV-2 gibt.

Mit Material der Nachrichtenagentur dpa.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP Nachrichten | 16. November 2020 | 09:00 Uhr

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