Antworten auf eure Fragen zum neuartigen Coronavirus

Zuletzt aktualisiert: 12.02.2020 | 14:09 Uhr

Reicht Händewaschen wirklich aus? Muss ich Angst vor Asiaten generell haben und wie schlimm ist das Virus wirklich? Zum neuartigen Coronavirus "SARS-CoV-2" gibt es viele Falschinformationen im Netz und viele Ängste bei der Bevölkerung. Wir haben eure Fragen einem Experten gestellt: Prof. Alexander Kekulé, Virologe an der Uniklinik Halle. Das sind seine Antworten.

Menschen stehen vor einem Geschäft, um Atemschutzmasken zu kaufen.
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Das neuartige Coronavirus tauchte zuerst Ende Dezember in China auf, als Ursprungsort gilt ein Fleischmarkt in der Millionenstadt Wuhan. Zwei Wochen später steht fest, dass das Virus auch von Mensch zu Mensch übertragen werden kann. Kurz danach ruft die Weltgesundheitsorganisation den internationalen Notstand aus. Mittlerweile gibt es weltweit über 1000 Menschen, die an dem Virus gestorben sind. Rund 40.000 gelten offiziell als infiziert (Stand: 12.02.2020). Laut WHO ist das Virus in 80 Prozent der Fälle nicht tödlich. Aber wie viele Infizierte sterben an SARS-CoV-2 und wie kann ich mich schützen?

Porträt eines Mannes für eine Talkshow; mit kürzeren dunkelgrauen Haaren, ohne Bart und ohne Brille, mit Hemd und Sakko vor buntem, unscharfem Hintergrund
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Prof. Alexander Kekulé ist Experte für Seuchenbekämpfung und Leiter der medizinischen Mikrobiologie an der Uni Halle. Das sind seine Antworten.

Wie viel Prozent der Infizierten sterben?

Wenn das Virus in 80 Prozent der Fälle nicht tödlich ist, heißt das nicht, dass es in 20 Prozent der Fälle tödlich ist. Die tatsächliche Quote der tödlichen Verläufe liegt unter zwei Prozent, also jeder Hundertste. Dennoch sterben mehr Menschen als bei der ersten SARS-Epidemie. Da lag die Quote bei fast zehn Prozent. Der Ausbruch jetzt ist eine Art SARS-Ausbruch. Das hatte ich ja schon seit einigen Wochen so in dieser Weise kundgetan. Und es ist so, dass bei dem jetzigen Ausbruch die Sterblichkeitsrate niedriger liegt, also in der Größenordnung von zwei Prozent der gemeldeten Fälle. Aber da muss man immer davon ausgehen, dass eine sehr große Dunkelziffer nicht gemeldet wird, weil die gar nicht so schwer krank werden. Aus dem Grund liegt die Sterblichkeit eher bei einem Prozent, würde ich schätzen.

Ist das Virus wirklich harmloser als eine Grippe?

Das sagen die Behörden immer wieder. Dem trete ich ganz entschieden entgegen, schon lange. Bei normalen saisonalen Grippe stirbt weniger als ein Tausendstel. Das sind 0,1 Prozent. Der jetzige Ausbruch SARS-Ausbruch ist immer noch zehnmal tödlicher als die normale Grippe. Deshalb bin ich überhaupt nicht dafür, dass so zu verharmlosen und zu sagen, wir müssen hier gar nichts machen. Das würde dann auch bedeuten, dass die Chinesen alle Idioten sind, wenn ich's mal so sagen darf. Und die Weltgesundheitsorganisation hat heute dazu aufgerufen, wirklich alles zu tun, um eine weltweite Verbreitung dieses Virus zu vermeiden. Und wenn es so harmlos wäre, wie die deutschen Behörden leider immer wieder sagen, dann wäre ja auch die Weltgesundheitsorganisation komplett falsch beraten.

Müssen wir Angst vor SARS-CoV-2 haben?

Dazu gibt es keinen Grund. Also Grund für Panik gibt es ja eigentlich nie, muss man sagen, weil Panik ja immer so ein bisschen unbegründete Angst ist.
Wir Virologen sind eigentlich sehr glücklich, dass es Patienten in Deutschland gibt, weil die können wir dann wirklich genau untersuchen. Und wir haben ein viel besseres Bild als von diesen doch zum Teil politisch überlagerten Meldungen aus China.

Wie geht es den Erkrankten aus Deutschland, zum Beispiel denen aus München?

Denen geht es hervorragend. Die wären ohne den Coronavirus-Test längst wieder zu Hause. Man hört auch, dass die überhaupt nicht verstehen, warum sie in dieser doch ziemlich martialisch eingerichteten Isolierstation sein müssen. Das muss man sich mal vorstellen. Man hat da so ein bisschen Husten gehabt, das ist eigentlich schon wieder vorbei. Und dann wird man in so Räumen, die innen alle mit Kacheln ausgelegt sind, eingesperrt. Und die Pfleger, die reinkommen, sind in so einem voll verpackten Mummenschanz wie aus irgendeinem Horrorfilm aus den USA. Da kommt man sich schon ein bisschen komisch vor, wenn man eigentlich völlig gesund ist. Das muss man betonen: Die Patienten hier, denen ging's immer perfekt, immer super. Wir brauchten die gar nicht besonders zu behandeln, und die sind alle praktisch geheilt inzwischen.

Gibt es Menschen, die das Virus überlebt haben und wo sind die?

Die gibt es, nicht nur in Deutschland. Auch in China sind von den Menschen, die offiziell diagnostiziert wurden, 98 Prozent geheilt und überleben das. Und die laufen überall herum. Ganz oft äußert sich das offensichtlich nur als harmlose Erkrankung, als kleine Erkältung, die praktisch von selbst wieder weggeht. Viele wissen wahrscheinlich auch gar nicht, dass sie infiziert waren.

Sind Menschen mit einem geschwächten Immunsystem besonders gefährdet?

Ja, es ist so, dass Menschen mit geschwächtem Immunsystem eher gefährdet sind. Das ist bei allen Infektionskrankheiten so. Ich würde dann als erstes Mal empfehlen, wenn sie es nicht schon gemacht haben, sich gegen Grippe impfen zu lassen.
Bei dieser Art von Fragen muss man einfach immer dazu sagen, wir haben hier ja praktisch keine Fälle. Und selbst wenn da in den nächsten Wochen noch ein paar dazukommen sollten, wovon ich nicht ausgehe, dann ist das Risiko immer noch viel geringer als vom Auto überfahren zu werden.
Daher würde ich Menschen mit Immunschwäche, auch den Diabetikern, am ehesten empfehlen, sich erstmal keine Sorge zu machen. Auch, wenn sie wie Menschen mit metabolischen Störungen, stark Übergewichtige oder Asthmatiker bei solchen Dingen immer stärker gefährdet sind als die Durchschnittsbervölkerung.

Kann man gegen das Virus immun sein?

Die Menschen, die die Erkrankung Covid-19* nach einer Infektion überlebt haben, sind wahrscheinlich auch immun, das ist noch nicht bewiesen. Da bräuchten wir länger für, aber wenn man die Coronaviren im Allgemeinen so kennt, gegen genau das gleiche Virus ist man dann zumindest in dieser einen Epidemie immun und den Leuten geht es hervorragend.

*Diesen Namen hat die Lungenerkrankung, die das Virus SARS-CoV-2 auslöst, von der Weltgesundheitsorganisation WHO bekommen. [Anmerkung der Redaktion]

Sollte ich Asiaten generell meiden, um mich nicht anzustecken?

Nein, man braucht hier keine Angst vor asiatischen Menschen haben. Auch in China, einem Land mit weit über einer Milliarde Menschen, ist es so, dass nur ein kleiner Teil infiziert ist. Selbst wenn man eine Dunkelziffer annimmt, würde ich mal sagen, vielleicht sind es in ganz China hunderttausend oder so, die wirklich infiziert sind. Und von denen reist natürlich kaum jemand überhaupt nach Deutschland. Es gibt auch Ausreisekontrollen in China. Bei uns in Deutschland gibt es leider keine Einreisekontrollen. Das ist etwas, was ich immer gefordert habe, aber nicht gemacht wird.
Die Wahrscheinlichkeit, dass man jemandem auf der Straße begegnet und der dann ausgerechnet krank ist, ist extrem gering. Irgendwo bei 1:1000 oder sowas.
Außerdem kann man sich bei einem Abstand von mehr als 1,50 Meter oder 2 Metern nicht anstecken. Diese Krankheit fliegt nicht durch die Luft wie die Windpocken, sondern man muss einen relativ engen Kontakt haben. Aber auf der Straße bitte keine Angst haben. Und es ist ja viel schlimmer, dass diese Menschen sich dann alle ausgeschlossen fühlen.

Schützen Atemmasken vor einer Ansteckung?

Nein, ich halte das für Unsinn. Diese normalen asiatischen Masken, die wir OP-Masken nennen, nutzen praktisch nichts. Was natürlich schon schützt, sind spezielle Sicherheitsmasken, die heißen dann "Respiratoren". Die sehen ähnlich aus wie eine Art Kappe. Da muss man wissen, wie man das aufsetzt. Dafür gibt es bestimmte Regeln, man darf die zum Beispiel nicht so lange benützen. Nach ein paar Stunden geht er einem auch die Luft aus, weil die eine relativ starke Atemkraft benötigen. Ich würde davon abraten, sowas zu machen, das ist bei uns wirklich völliger Unsinn, sowas zu benutzen. Wir haben da im Moment gar kein Risiko.

Reicht Händewaschen, um sich zu schützen?

Es ist tatsächlich so, dass die Behörden versuchen, es ist nicht zu kompliziert zu machen. Also man darf sich tatsächlich nicht anhusten lassen. Da helfen zum Beispiel Respiratoren. Das heißt also, man kann zusätzlich zum Händewaschen so einen Respirator aufsetzen - zum Beispiel, wenn man im Moment unbedingt nach China reisen muss und dort vielleicht bei einer größeren Veranstaltung ist. Differenziertere Auskunft gibt es ja auch, wenn man zum Beispiel beim Robert-Koch-Institut an der Hotline anruft. Dort werden die einem das sicher genauer erzählen. Einfach nur wie ein Hysteriker dauernd Händewaschen, bringt, glaube ich nichts.

Wie lange überlebt das Virus auf Gegenständen wie Paketen?

Das ist praktisch ausgeschlossen. Man kann allgemein sagen, Coronaviren sind nicht besonders umweltbeständig. Das heißt also, wenn so ein Virus mal vier Tage in der Umwelt überhaupt aushält, dann ist das schon lange. Klar gibt es Einzelfälle, wo man im Labor längeres ausprobiert hat, aber ich würde mal sagen, wenn jemand, der krank war, eine Türklinke angefasst hat, sind sie nach ein paar Tagen selbst in diesem Fall sicher.

Sind wir gut genug informiert über das Virus?

Mein Eindruck ist, dass die meisten Menschen diffuse Ängste haben. Die öffentlichen Medien, also Sendeanstalten wie MDR JUMP berichten sehr gewissenhaft und erklären eigentlich genau, wo die Probleme sind - wie auch im Fernsehen. Aber das Problem ist, dass das Internet einfach voll ist von Menschen, die überhaupt nicht mehr in diesen öffentlichen Nachrichtenkanälen sind. Und die stecken so in ihren eigenen Informationsblasen. Da gibt es dann irgendwelche Kanäle „Achtung, Coronavirus Warnung“. Ich sehe das mit großer Sorge. Das haben wir zum ersten Mal bei diesem Ausbruch jetzt, dass wir parallel quasi einen Ausbruch von Fake News haben.

Gibt es einen Impfstoff gegen das Virus?

Beim Thema Medikamente dagegen gibt es eine gute Nachricht. Wir haben gegen Coronaviren bisher ganz wenig getestet, weil die "nur" Erkältungen gemacht haben. Jetzt werden zum ersten Mal Grippemedikamente gegen das Virus getestet, genauso wie alte AIDS-Medikamente, von denen man weiß, dass sie gegen AIDS wirken und sogar ein Mittel gegen Ebola, das man entwickelt hat. Und es gibt diverse klinische Vorstudien, mit ersten erfolgsversprechenden Resultaten. Ich gehe davon aus, dass man innerhalb der nächsten drei, vier Wochen in Sachen Medikamenten etwas entwickeln wird, das zumindest ein bisschen hilft.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP am Abend - Die Themen des Tages | 11. Februar 2020 | 19:00 Uhr

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