Das Corona-Rätsel: Mehr Infizierte, aber weiter wenig Intensivpatienten

In deutschen Krankenhäusern gibt es einen bemerkenswerten Effekt: Obwohl die Corona-Zahlen in der Bevölkerung steigen, gibt es nur wenig schwere Fälle auf den Intensivstationen. Wir erklären, warum das so ist – und ob das so bleibt.

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Fangen wir doch mal mit einer guten Nachricht an. Von den knapp 22.000 schwer kranken Patienten auf den Intensivstationen deutscher Krankenhäuser sind nur rund 240 wegen einer Infektion mit dem Sars-CoV-2-Virus dort. Und nur rund 140 der Betroffenen müssen derzeit beatmet werden. So berichtet es das Robert Koch-Institut (RKI) unter Berufung auf das Intensivregister der Deutschen Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi).

Und das ist, wenn man mal drüber nachdenkt, ziemlich bemerkenswert. Denn seit rund sechs Wochen gehen die Corona-Zahlen in vielen Bundesländern wieder deutlich nach oben. Das RKI nennt die Entwicklung seit längerer Zeit „sehr beunruhigend“. Doch während die Fallzahlen steigen, bleibt es auf den Intensivstationen – noch – ziemlich ruhig.

Wie lässt sich das erklären? Ein Grund dafür ist natürlich, dass es nach einer Infektion einfach einige Zeit dauert, bis ein Erkrankter womöglich einen schweren Verlauf entwickelt. Das heißt, eine gewisse Zeitverschiebung gehört immer dazu.

Aktuell mehr Jüngere infiziert

Doch das ist nicht die einzige Erklärung. Aktuell ist es nämlich auch so, dass sich im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung überproportional viele jüngere Menschen angesteckt haben. Das erkennt man zum Beispiel, wenn man sich den Anteil positiver Corona-Tests in verschiedenen Altersgruppen ansieht. So ist der Anteil der Menschen unter 35 Jahren unter den positiv Getesteten mittlerweile 60 Prozent angestiegen, noch Anfang Juni waren es nur 40 Prozent. Auch in anderen Ländern, der Schweiz und Großbritannien zum Beispiel, gab es zuletzt ein ganz ähnliches Bild.

Dass mehr junge Menschen erkranken, das lässt sich im Zweifel zum Beispiel damit erklären, dass sie auch mobiler sind und mehr Kontakte haben. Dadurch steigt die Chance, sich anzustecken. Stichwort Urlaub, zum Beispiel. Vielleicht sind die Jüngeren auch etwas sorgloser geworden beim Einhalten der Regeln. Kann ja jeder mal für sich selbst überlegen.

Jüngere haben oft leichtere Verläufe bei Covid-19

Jüngere Patienten haben nun im Schnitt leichtere Verläufe der Krankheit. Sie landen also seltener wegen Covid-19 auf einer Intensivstation. Das dürfte die aktuell niedrigen Zahlen im Divi-Register erklären. Doch sie sind nur eine Momentaufnahme. Und die Frage ist: Bleibt das auch so?

Wenn jüngere Menschen ältere Menschen verstärkt anstecken, etwa durchs unabsichtliche Einschleppen des Erregers in Altenheime, könnte es in Zukunft wieder mehr Fälle in der Altersgruppe geben. Und damit auch wieder mehr schwere Verläufe, die auf der Intensivstation landen und – im schlimmsten Fall – auch versterben. „Sobald sich wieder vermehrt ältere Menschen infizieren, muss auch mit einem Anstieg der Hospitalisierungen und Todesfälle gerechnet werden“, warnt auch das RKI.

Warnendes Beispiel sollten US-Bundesstaaten im Süden des Landes sein, zum Beispiel Florida. Dort stiegen im Juni zunächst die Fallzahlen bei Jüngeren an. In den Krankenhäusern blieb die Lage dennoch ruhig, weil die Betroffenen in den meisten Fällen nicht stationär auf genommen werden mussten. Rund einen Monat später waren dann jedoch auch die Älteren betroffen. Die Zahl der schweren Verläufe und der Todesfälle stieg stark an – auch weil es den Betreibern der Altenheime nicht gelungen war, effektive Schutzkonzepte umzusetzen. Bleibt zu hoffen, dass es bei uns im Zweifel besser läuft.

Denn klar ist: In den kommenden Wochen und Monaten werden wir alle mehr in Innenräumen verbringen. Und dort ist das Risiko für Infektionen erwiesenermaßen deutlich höher als draußen. Stichwort Aerosole.  „Es wird weniger gelüftet und mehr geheizt, viele gehen zurück ins Büro – all das erhöht das Risiko für Ansteckungen“, warnt zum Beispiel die Epidemiologin Emma Hodcroft von der Universität Basel. Kann also sein, dass irgendwann auch wieder Schluss ist mit den guten Nachrichten.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP am Wochenende | 30. August 2020 | 07:40 Uhr

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