Was wir von den Corona-Musterschülern lernen können

Viele Menschen bei uns glauben, dass wir bisher noch vergleichsweise glimpflich durch die Pandemie gekommen sind. Doch wenn man sich die wirklich erfolgreichen Staaten bei der Corona-Bekämpfung ansieht, wird einem schnell klar: Wir können noch viel lernen. Ein Überblick.

Kunden in Taiwan in einem Smartphone-Geschäft: Alle tragen wie vorgeschrieben Masken aus Schutz vor einer Ansteckung mit SARS-CoV-2 (November 2020)
Kunden in Taiwan in einem Smartphone-Geschäft: Alle tragen wie vorgeschrieben Masken aus Schutz vor einer Ansteckung mit SARS-CoV-2 (November 2020) Bildrechte: imago images / ZUMA Wire / Ceng Shou Yi

Es waren Bilder, wie man sie bei uns heute kaum noch kennt. Tausende Menschen kamen Mitte November in den Dajie Riverside Park in Taipei. Vor einer riesigen Bühne tanzten sie in der taiwanesischen Hauptstadt beim „Road to Ultra“-Festival zu DJs wie Alesso, Slander oder Vini Vici. Keine Abstandsregeln, keine Masken – und trotzdem keine Corona-Gefahr.

Möglich war das, weil es seit Monaten so gut wie keine Neuinfektionen in Tawian gibt. Der asiatische Staat gilt als eines der weltweiten Musterländer beim Kampf gegen die Pandemie. Doch was kann man in Deutschland von solchen Erfolgsgeschichten lernen?

Junge Frau mit der Corona-Warn-App auf ihrem Smartphone
Bildrechte: imago images / Petra Schneider

Klar ist: Viele Menschen bei uns glauben zwar, dass wir bisher noch vergleichsweise glimpflich durch die Pandemie gekommen sind. Das gilt aber nur, wenn man uns mit Ländern vergleicht, in denen sich das Virus besonders gut verbreiten konnte - USA, Frankreich und Großbritannien zum Beispiel. Wenn man aber stattdessen auf die erfolgreichen Staaten schaut, wird klar, dass wir auf jeden Fall bei den Corona-Musterschülern auch was abgucken können.

Taiwan zum Beispiel hat extrem schnell auf die Corona-Gefahr reagiert. Das Land rief Wochen vor den offiziellen Warnungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) schon im Januar den Gesundheitsnotstand aus. Infizierte wurden schnell in Quarantäne geschickt, bevor sie den Sars-CoV-2-Erreger verbreiten konnten. Hintergrund waren die Erfahrungen, die man in Taiwan bei der ersten Sars-Epidemie zwischen 2002 und 2004 gemacht hatte.

Andere Gesellschaftssysteme nur Teil der Erklärung

Das Tragen von Masken ist im Land etwas völlig normales, auch bei einfachen Erkältungskrankheiten. Da muss niemand groß überzeugt oder gar gezwungen werden. Und Quarantäne bedeutete auch wirklich Quarantäne:

Damit man keinen Fuß vor die Tür setzt, wird das Mobiltelefon während dieser Zeit überwacht – ohne App oder GPS, sondern per Funkzellenortung. Entfernt es sich zu weit vom Fleck, wird es abgeschaltet oder beantwortet man einen täglichen Kontrollanruf nicht, klopft jemand an die Tür.

so der Journalist Klaus Bardenhagen. Zum Ausgleich gibt es Lebensmittellieferungen für Leute in Quarantäne und für Einheimische auch ein Tagegeld.

"Tor des göttlichen Kriegers" in der Verbotenen Stadt, Peking, China.
Bildrechte: IMAGO

Auch andere Länder in Ost- und Südostasien sind erfolgreicher als wir beim Kampf gegen die Pandemie. China, Südkorea, Japan, Singapur und Vietnam zum Beispiel. Zum Teil lässt sich das mit den anderen Gesellschaftssystemen erklären.

Die Tatsache, dass China ein Überwachungs- und Polizeistaat ist, hilft den Behörden bei der Eindämmung des Virus.

sagt zum Beispiel der Korrespondent Steffen Wurzel vom ARD-Studio Shanghai. In China und Vietnam wurde das Virus durch harte Kontrollen und Massenquarantänen eingedämmt. Ohne Rücksicht auf Verluste. Aber das ist nicht die ganze Geschichte.

Denn Südkorea oder Taiwan sind Demokratien, viele andere erfolgreiche Staaten der Region ebenso. Es mag schon sein, dass man dort teilweise andere Vorstellungen von individuellen Freiheitsrechten hat. Aber die Erfolge nur auf rigide Maßnahmen zu schieben, trifft es nicht. Experten machen stattdessen schnelles und umfangreiches Testen dafür verantwortlich, außerdem die Identifikation von Kontakten infizierter Personen – mit einem Schwerpunkt auf Cluster, in denen sich viele Infektionen auf einmal ereignet haben könnten. Jetzt im Herbst steigen auch in einigen der asiatischen Staaten die Fallzahlen wieder – aber das ist nichts im Vergleich zum Beispiel zu den Ländern Europas.

Konsequentes Eingreifen, teils sehr lange Shutdowns

Weihnachtsmänner surfen in Australien
Bildrechte: IMAGO

Auch Australien und Neuseeland gelten als absolute Corona-Erfolgsgeschichten. Und auch hier käme niemand auf die Idee, von autoritären Regimen zu sprechen. Ganz im Gegenteil. Trotzdem haben sie es geschafft, die Zahl der Neuinfektionen extrem zu drücken: durch konsequentes Eingreifen, mit teils sehr langen Shutdowns, um die Infektionsketten zu unterbrechen.

So etwas hatten Fachleute wie Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen immer wieder auch für Deutschland gefordert – mit überschaubarem Erfolg. Wir haben die halbwegs ruhigen Sommermonate verpulvert, ohne die Epidemie da wirklich unter Kontrolle zu bekommen.

Die Länder, die die Pandemie zutreffend als größte Gefahr für die Bevölkerung überhaupt erkannt und entsprechend reagiert haben, haben sie bislang auch am besten im Griff.

so die Epidemiologin Zoë Hyde von der Universität von Westaustralien in Perth.

Sie haben erkannt, dass eine weitgehende Unterdrückung die beste Strategie für öffentliche Gesundheit und die Wirtschaft gleichermaßen ist.

Problembewusstsein für Pandemien

Dass kleine pazifische Staaten wie Tonga, Kiribati, Samoa, Mikronesien und Tuvalu keine Corona-Fälle melden, liegt an ihrer Insellage, aber auch an harten Einreisebestimmungen. Aber auch viele afrikanische Länder haben mit harten Maßnahmen die Eindämmung der Pandemie verblüffend gut hinbekommen. Die vergleichsweise niedrigen Fallzahlen dort sind nicht nur das Ergebnis von weniger Tests, wie man vielleicht vermuten könnte – sondern auch das von harten Lockdowns, wie etwa in Südafrika.

In Ländern wie Rwanda und Sierra Leone setzte man außerdem auf die Erfahrungen bei der Eindämmung von Ebola.

Das Problembewusstsein für Pandemien ist viel größer, weil es so etwas dort in der Vergangenheit mehr gegeben hat.

Strafen für DJs

Insgesamt kann man sagen: Länder, die Corona erfolgreicher in den Griff bekommen haben als andere, haben normalerweise schnell und mit drastischen Maßnahmen reagiert – auch bei noch geringen Fallzahlen. Und dann haben sie die Einschränkungen über lange Zeit beibehalten, auch wenn sich die Lage schon zu bessern schien. So konnten sie die Infektionszahlen dauerhaft niedrig halten. In Europa ist Finnland ein erfolgreiches Beispiel für diese Strategie. Auch die erfolgreiche Nachverfolgung von Kontakten Infizierter eint die erfolgreichen Staaten.

In Deutschland diskutieren wir viel – und heraus kommen im internationalen Vergleich eher lasche Regeln, auch wenn uns das vielleicht nicht so scheinen mag. Und die Kontaktverfolgung klappt auch deswegen nicht, weil selbst in den Monaten der Pandemie bei der Digitalisierung in den Gesundheitsämtern nichts passiert ist.

Festival Publikum
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Währenddessen wird in Taiwan also wieder gefeiert. Ein paar Sicherheitsmaßnahmen gab es natürlich auch hier. So mussten die Gäste von „Road to Ultra“ ihre Kontaktinformationen hinterlegen, ihre Hände desinfizieren und ihre Körpertemperatur messen lassen. Für vier aus dem Ausland angereiste DJs gab es auch eine strenge Quarantäne – und als sich die Künstler nicht daran hielten, setzte es sofort eine saftige Strafe der Behörden.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP am Wochenende | 29. November 2020 | 06:40 Uhr

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