Häusliche Gewalt: "Alles ist besser, als gar nichts zu tun"

Als der erste Lockdown beschlossen wurde, schlugen Hilfsorganisationen Alarm: Sie befürchteten eine Zunahme häuslicher Gewalt. Nicht zu Unrecht, findet Autor Deva Manick, der selbst jahrelang häusliche Gewalt erlebt hat.

Kind wehrt sich mit ausgestreckten Armen
Bildrechte: imago/blickwinkel

Eine Familie auf engem Raum, keine Möglichkeit, rauszugehen und eine angespannte Situation, die starke Nerven fordert. Das war während des Corona-Lockdowns für viele Familien Alltag. Für Deva Manick sind solche Situationen ein Pulverfass und nur ein Funke, ein falsches Wort reicht, um sie in Gewalt umschlagen zu lassen.

Der gebürtige Ratinger kennt solche Situationen selbst zu genüge. Als Sohn tamilischer Eltern verbrachte er einen Teil seiner Kindheit in Geflüchtetenunterkünften. Von seiner Mutter wurde er seit seinem fünften oder sechsten Lebensjahr geschlagen, erzählt er.

Wenn man so früh, als Kind damit in Berührung kommt und das erlebt, denkt man, dass das normal ist. Das wird gar nicht mehr hinterfragt.

Deva Manick
Deva Manick Bildrechte: Andreas Bachmann

Manick erzählt, dass er sich damals sehr dafür geschämt hat, zu Hause geschlagen zu werden. Er habe sich selbst in eine Außenseiterrolle manövriert, sei ein aggressives, streitlustiges Kind gewesen und habe sich nicht erlaubt glücklich zu sein. Stattdessen habe er sein "dunkles Geheimnis" bewahrt und es vor Freunden und Lehrern versteckt.

Heute tourt Deva Manick als Autor und Redner durch Deutschland und versucht mit Kindern und Jugendlichen genau über solche Themen ins Gespräch zu kommen. Denn diesen Schatten von sich abzuschütteln, sei eine Mammutaufgabe, sagt er.

Das können Kinder nicht selbst. Sie brauchen Hilfe. Und manchmal braucht es dazu auch mehr als einen Anlauf von außen.

Er erlebe häufig, dass Kinder und Jugendliche mit Fragen zu ihm kämen. Die Diskussionen mit ihm seien ein Schutzraum. Offen über ihre Probleme sprechen aber trotzdem die wenigsten, sagt er. "Stattdessen fragen sie mich dann oft: 'Was würden Sie in so einer Situation machen?'" Sein Rat:

In dem Moment, in dem es auf der Seele weh tut, gehst du.

Das sei nicht immer ganz einfach zu befolgen, das weiß Deva Manick aus eigener Erfahrung. Er brachte nicht den Mut auf, sich an das Jungendamt zu wenden oder sich anderweitig Hilfe zu holen, hatte Angst, dass die Situation danach noch schlimmer wird: "Ich habe meine Mutter schließlich auch geliebt."

Heute rät er Betroffenen, sich unbedingt an Vertrauenspersonen zu wenden, sei es ein Vertrauenslehrer oder eine Tante. "Alles ist besser, als gar nichts zu tun."

Hilfe bei häuslicher Gewalt

Es gibt zahlreiche Stellen, die bei häuslicher Gewalt helfen können. Allen voran die Polizei, sowie Ehe- und Familienberatungsstellen.

Auch Organsiationen wie der Weiße Ring geben Hilfe und Beratung und bieten eine Telefonhotline unter 116 006.

Und auch die Telefonseelsorge unter 0800 111 0111 oder 0800 111 0222 kann Hilfestellung geben, genaus wie das Hilfetelefon für Gewalt gegen Frauen, unter 0800 - 116 016.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP Feierabendshow | 18. November 2020 | 17:40 Uhr

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