Corona-Epidemie: Die wichtigsten Antworten zu Ansteckung, Quarantäne und Schutz

13.03.2020 | 16:43 Uhr

Veranstaltungen abgesagt, Schulen und Kitas geschlossen: Täglich infizieren sich mehr Menschen mit dem neuartigen Corona-Virus. Wir haben die Fragen der MDR JUMP-Hörer gesammelt und sie Fernseharzt und Medizinjournalisten Christoph Specht vorgelegt. Hier sind seine Antworten.

Dr. med. Christoph Specht
Bildrechte: Jo Kirchherr

Wird es Impfungen geben und wann ist damit zu rechnen?

Ich bin sehr sicher, dass es vor einer Impfung ein oder zwei Medikamente geben wird. Es sind ja mehrere in der Forschung, u.a. Mittel, die man 2014 bei Ebola getestet hat. Damals waren sie gar nicht so effektiv. Jetzt hat man aber gesehen, dass sie doch eine ganz gute Wirksamkeit gegen Coronaviren haben. Die Medikamente werden dann erstmal bei schweren Fällen „ausprobiert“. Die Impfung dauert einfach noch, weil die Erforschung und die Sicherheitstests eine Weile brauchen. Man kann ja Leute nicht einfach impfen mit einem Impfstoff, der nicht wirklich gut getestet ist. Das wird bestimmt anderthalb Jahre dauern.

Ist die Krise vorbei, wenn es draußen wieder wärmer wird?

Das war die Hoffnung, aber die wird zunehmend zerstört. Richtig ist, dass das Coronavirus keine Wärme und kein Sonnenlicht mag. UV-Strahlung macht Viren kaputt. Außerdem halten wir uns – wenn es wärmer wird - nicht mehr so oft dicht gedrängt in Räumen auf, sondern sind mehr draußen. Ich denke, dass wir dann zumindest eine Abschwächung im Anstieg der Infektionen haben. Aber nicht so deutlich, wie wir das gerne hätten oder wie das bei einer Influenza der Fall ist.

Wie wäscht man richtig Hände? 

Entscheidend ist das Händewaschen mit Wasser und Seife. Entscheidend ist, dass man das lange genug macht: Alle Hautpartien müssen benetzt sein und danach entsprechend abgetrocknet werden. Dabei sollte man nicht das gleiche Handtuch verwenden, sondern am besten ein Papierhandtuch.

Ist es sinnvoll, Desinfektionsmittel selbst herzustellen?

Zunächst erstmal ist es wichtig, dass man Desinfektionsmittel NICHT für den Routinebetrieb braucht. Wasser und Seife reichen. Ein Desinfektionsmittel brauche ich nur dann, wenn ich unterwegs bin und es dort keine Möglichkeit gibt, Hände zu waschen, oder wenn ich Oberflächen desinfizieren möchte. Wenn man trotzdem Desinfektionsmittel selbst herstellen möchte, dann sollte man sich nach der Zutatenliste der Weltgesundheitsorganisation (WHO) richten.

Was macht das Coronavirus so gefährlich, im Vergleich zur Grippe mit vielen Toten?

Ein ganz wichtiger Unterschied ist, dass selbst wenn wir nicht gegen die Grippe geimpft sind oder mit einem Grippe-Impfstoff, der nicht genau auf die gerade zirkulierenden Influenzaviren passt, dann haben wir trotzdem ein bisschen Immunität. Der Grund ist, dass wir alle schon mal irgendwie mit diesen bzw. ähnlichen Viren in Kontakt gekommen sind. Bei dem neuen Coronavirus ist das anders, weil unser Körper überhaupt noch keine Erfahrung mit diesem Virus hat. Deswegen gibt es gar keine Immunität. Und deswegen ist dieses Coronavirus auch so gefährlich – gerade für die Älteren.

Was sind die Symptome bei einer Coronainfektion, im Unterschied zur Grippe?

Kein Arzt kann rein klinisch vom Befragen oder vom Draufgucken sagen: Das ist Corona, das ist die echte Grippe oder das ist eine Erkältungskrankheit. Das kann man zwar mit Wahrscheinlichkeiten angeben, aber die Symptome sind doch so ähnlich, dass man einfach keine Unterscheidung vornehmen kann. Um eine Coronainfektion tatsächlich nachzuweisen, muss ein Labortest gemacht werden.

Angeblich sollen sich mehr als zwei Drittel der Deutschen mit dem Virus infizieren. Was bedeutet das?

Diese Zahl von 60 bis 70 Prozent halte ich für sehr realistisch. Das klingt jetzt erstmal sehr besorgniserregend, ist aber nicht das große Problem. Das Problem ist, wenn wir uns alle in sehr schneller Zeit infizieren. Dann haben wir fünf Prozent, die hospitalisiert werden müssen. Der große Unterschied ist aber: Sind es fünf Prozent von hunderttausend oder fünf Prozent von zehntausend? Ich glaube, dass wir uns daran gewöhnen müssen, dass das Coronavirus bei uns bleibt und das wir dann auch irgendwann mal eine gewisse Immunität dagegen haben. Es kann also sein, dass sich das neue Coronavirus eines Tages in die normalen Erkältungsviren einreiht. Aber das ist nicht der momentane Zustand.

Wenn ich das  Virus einmal hatte und geheilt bin, kann ich mich dann nochmal neu infizieren?

Wahrscheinlich nicht. Wir wissen noch nicht sehr viel über das neue Virus. Allerdings wäre es sehr erstaunlich, wenn man keine Immunität gewinnen würde, die zumindest über eine gewisse Zeit andauert. Aber es kann natürlich passieren, dass das Virus sich auch irgendwann mal wieder verändert (mutiert) und dass dann eben die Immunität, die man erreicht hat, nicht mehr voll ausreicht. Dann kann man sich wieder neu infizieren.

Müssen alle öffentlichen Veranstaltungen abgesagt werden?

Die Situation ist immer brenzliger geworden. Und dann stellt sich natürlich die Frage: Reicht die Absage von Veranstaltungen mit mehr als 1000 Menschen? Der Bundesgesundheitsminister wollte mit dieser Empfehlung vor allem den Ämtern, die das entscheiden müssen, den Rücken stärken. Aber es ist auch eine Empfehlung für jeden Privatmann, der auch selbst Verantwortung trägt: Feier ich denn meinen Geburtstag mit 50 oder 100 Leuten oder sage lieber ab? Vor kurzem hätte ich noch gesagt: Ich wünsche Ihnen eine schöne Feier. Inzwischen sage ich: Man sollte sich das vor allen Dingen bei der älteren Bevölkerung wirklich gut überlegen. Und wenn man so eine Veranstaltung macht, also auch im kleinen Rahmen mit 30 bis 40 Leuten, dann sollte man sich gut überlegen, ob man nicht eine andere Etikette einführt. In der jetzigen Zeit würde ich die Leute tatsächlich nicht umarmen oder ihnen die Hand schütteln.

Kinder sollen in der nächsten Zeit nicht zu den Großeltern. Ist das sinnvoll?

Ich glaube, das ist wirklich eine gute Idee. Und ich befürchte, dieser Zustand wird länger anhalten. Wir wissen, dass Kinder sich infizieren können, dass sie sogar eine recht hohe Viruslast haben. ABER: Kinder haben relativ wenige Symptome. Das bedeutet, dass sie selbst und auch die Eltern nichts von dem Virus bemerken. Trotzdem können die Kinder die Großeltern anstecken. Falls diese noch eine Vorerkrankung haben, zum Beispiel eine schlecht eingestellte Diabetes, Bluthochdruck oder eine Lungenerkrankung, dann sind sie wirklich hoch gefährdet. Da müssen wir etwas unternehmen, dass das möglichst reduziert wird. Und das heißt tatsächlich: Den Kontakt meiden - so hart das auch ist.

Hilft es, wenn ich mich speziell ernähre, viel Sport treibe und in die Sauna gehe?

All diese Methoden, die man den Leuten gern verkauft, sind keine Methoden, die mal eben so wirken. Wenn überhaupt, dann wirken sie langfristig. Ich verschaffe mir auch keinen Vorteil, wenn ich zusätzliche Vitamine einnehme. Was selbstverständlich etwas bringt, ist eine ausgewogene Ernährung, kein Übergewicht und viel Bewegung. Auch regelmäßiges Saunieren ist eine gute Idee. Aber derzeit haben wir natürlich das Problem, dass man in einer öffentlichen Sauna wieder in einem relativ engen Raum mit anderen Menschen zusammenkommt.

Muss ich im Supermarkt, im Bus oder in der Bahn besonders vorsichtig sein und nichts mehr anfassen?

Selbstverständlich sind das Risiko-Orte, weil viele Menschen auf engstem Raum zusammenkommen. Besser wäre es, wenn man Zeiten nutzen könnte, wo Busse und Bahnen nicht so voll sind. Dazu kommt, dass ich aufpassen muss, wo ich meine Hände habe und vor allen Dingen, was ich anschließend mit den Händen mache. Wenn die Hände mit dem Virus in Verbindung kommen, dann ist das vom Prinzip her noch nicht schlimm. Es wird aber dann schlimm, wenn ich mit diesen Händen in mein Gesicht greife und dann die Schleimhäute berühre. Das muss man verhindern. Viele Leute sagen: Zieht euch Handschuhe an! Das kann man machen. Allerdings braucht man für das korrekte Ausziehen der Handschuhe – wie in einem OP - ein bisschen Übung.  Am wichtigsten ist: Händewaschen, Händewaschen, Händewaschen!

Warum ist die Corona-Todesrate in Italien vergleichsweise hoch?

Das ist wahrscheinlich ein statistischer Fehler. Erstens dürfte die Zahl der Infizierten deutlich höher liegen. Das Virus ist in Italien schon angekommen, lange bevor sie es dort zum ersten Mal bemerkt haben. Und wenn die Zahl der Infizierten höher ist, sinkt natürlich automatisch die Rate der daran Verstorbenen. Zweitens hat Italien eine oder tatsächlich die älteste Bevölkerung in Europa, vor allem in Norditalien. Die Älteren sind besonders gefährdet- Ich denke, dass die Letalitätsrate in Italien nicht wirklich bei derzeit geschätzt sechs Prozent liegt. Aber auch 0,7 Prozent wären sehr, sehr viel.

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Dieses Thema im Programm MDR JUMP Morningshow | 13. März 2020 | 05:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. März 2020, 16:43 Uhr

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