Bundestag entscheidet über Organspende

14.01.2020 | 13:21 Uhr

Wer in Deutschland ein neues Organ braucht, muss sich auf lange Wartezeiten einstellen. Auf gut 9000 Menschen, die dringend ein neues Herz, eine Leber oder Niere benötigen, kamen 2019 nur 3000 Spender. Das soll sich ändern. Der Bundestag stimmt am Donnerstag über ein neues Gesetz ab.

Arzt trägt Behälter mit gespendetem Organ
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Geht es nach dem Willen von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und Gesundheitsexperten Karl Lauterbach (SPD), lässt sich das derzeitige Missverhältnis von Organspendern und denen, die ein neues Organ brauchen, schnell umkehren. Möglich machen soll das die so genannte Widerspruchslösung.

Widerspruchslösung
  • Jeder, der das 16. Lebensjahr vollendet hat, ist automatisch ein potentieller Spender, es sei denn, er widerspricht dem ausdrücklich.
  • Wer seine Organe nicht spenden möchte, muss das dokumentieren. Dafür soll es ein Widerspruchsregister geben, in dem die Ablehnung eingetragen wird.
  • Legt man keinen Widerspruch ein, können nach dem Tod ungefragt Organe entnommen werden.
  • Angehörige haben kein Mitbestimmungsrecht. Sie werden lediglich vom Arzt befragt, ob ihnen ein Widerspruch des Verstorbenen bekannt ist.
  • Ausnahmen soll es für Menschen geben, die die Tragweite einer solchen Entscheidung nicht erkennen können - etwa wegen einer geistigen Behinderung. Bei ihnen sollen Organspenden grundsätzlich tabu sein.

Gegen die Widerspruchslösung gibt es Protest. Um Grünen-Chefin Annalena Baerbock und die Linke-Vorsitzende Katja Kipping hat sich eine Gruppe gebildet, die Jens Spahns Entwurf ablehnt. Dies sei ein Einschnitt in das Recht auf Selbstbestimmung. Die Gruppe befürwortet stattdessen den zweiten Gesetzentwurf, der zur Abstimmung steht: die Entscheidungslösung. Sie ist eine Ausweitung der bislang geltenden Zustimmungslösung.

Entscheidungslösung
  • Eine Organentnahme ist weiterhin nicht ohne ausdrücklich geäußerten Willen des Verstorbenen möglich.
  • Es soll ein neues Online-Register geben, in das man sich mit Ja oder Nein eintragen kann.
  • Wer ab 16 einen Personalausweis beantragt, verlängert oder sich einen Pass besorgt, soll sich direkt vor Ort in das Online – Register eintragen können. Den Eintrag kann man jederzeit ändern.
  • Hausärzte sollen bei Bedarf ihre Patienten alle zwei Jahre zur Organspende beraten und zum Eintragen ins Register ermuntern. Die Beratung soll ergebnisoffen sein. Es muss darauf hingewiesen werden, dass es keine Pflicht zur Organspende gibt.

Kurz vor der Abstimmung scheint völlig offen, welcher Entwurf sich durchsetzen wird. Der Bundestag ist in zwei Lager gespalten. Es gibt ein regelrechtes Tauziehen um die Stimmen der Abgeordneten.

Widerspruchslösung in Europa weit verbreitet

In vielen anderen europäischen Ländern wie etwa Frankreich, Italien, Österreich, Polen, Portugal und Spanien gibt es inzwischen die Widerspruchslösung.  In deutlich weniger Ländern wie Dänemark, Griechenland, Großbritannien und der Schweiz gilt, wie aktuell auch in Deutschland, die Zustimmungsvariante. Zählt man die Spender pro Million Einwohner, dann liegt Spanien auf Platz 1 in Europa mit 43 Spendern. Zum Vergleich: Deutschland liegt weit dahinter mit gerade mal zehn Spendern pro eine Million Einwohner.

Organspenderzahlen wieder rückläufig

In einer Befragung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung haben zwar 86 Prozent der Deutschen angegeben, dass sie der Organspende positiv gegenüberstehen. Allerdings haben aktuell nur 36 Prozent auch einen Organspendeausweis. Und 2019 hat es wieder weniger Organspenden gegeben. In Mitteldeutschland wurden im vergangenen Jahr 356 Organe gespendet und damit 77 weniger als 2018. 125 Spender gab es, im Vergleich zu 142 im Vorjahr.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP - Die Themen des Tages | 14. Januar 2020 | 19:25 Uhr

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