Borkenkäfer schwärmen schon: Schaffen Waldbesitzer Bäume schnell genug raus?

Umgestürzte Bäume auf dem Waldboden, vertrocknete Fichten zwischen gesunden Bäumen, Holzstapel an Waldwegen: Das fällt nicht nur Wanderern auf. Dabei ist der Borkenkäfer wegen milder Temperaturen schon aktiv.

Eine anstrengende und aufwendige Arbeit: Ein Waldbesitzer zerteilt einen gefällten Baum zu Brennholz.
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Anfang Februar fegte Orkan Sabine auch über Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Mit den umgeworfenen und abgebrochenen Bäumen haben Waldbesitzer und Forstarbeiter in April und Mai noch gut zu tun. Zudem müssen sie die Fichten, Kiefern und Lärchen fällen, an denen Förster Spuren von Borkenkäfern gefunden haben. Die Einschränkungen in der Corona-Krise belasten Waldbesitzer und Forstbetriebe im Kampf gegen die Schädlinge zusätzlich. Die sind in vielen Regionen schon längst wieder ausgeschwärmt.

"Wir machen alles, um den Borkenkäfer zu bekämpfen"

Steinbach: Tote Fichten werden mit Seilkran-Technik aus dem Wald geholt
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Schon 2019 war ein hartes Jahr für Waldbesitzer. Das aktuelle könnte noch schlimmer werden. "Von Januar bis März haben wir bei 300.000 Kubikmeter Holz Borkenkäferbefall festgestellt. Das ist doppelt so viel Schadholz wie 2019", sagte Horst Sproßmann, Sprecher von Thüringenforst. Der staatliche Forstbetrieb ist der größte Waldbesitzer im Freistaat. Der Landesforstbetrieb Sachsen-Anhalt rechnet mit ähnlich großen Mengen Schadholz wie in Thüringen. Eigentlich müsste sogar noch mehr Holz raus. Wolfgang Heyn vom Waldbesitzerverband Thüringen sagte:

Im Wald sollten auch die Nachbarreihen zu befallenen Bäumen gefällt werden, um gleich die nächste Generation Borkenkäfer zu bekommen.

Der Verband vertritt die Eigentümer von 220.000 Hektar Privatwald. Die Sorgen angesichts der riesigen Aufgabe waren in allen Gesprächen mit Waldbesitzern zu hören. Gleichzeitig sagten sie einstimmig: Wir machen alles, um mögliche Brutstätten für Borkenkäfer aus dem Wald zu bekommen.

Corona-Einschränkungen erschweren Kampf gegen Borkenkäfer

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Die Forstbetriebe in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen spüren zudem die Folgen der Corona-Krise. So konnte Holz nicht immer so zügig wie geplant aus dem Wald geschafft werden. "Damit beauftragten Unternehmen fehlen Mitarbeiter aus Osteuropa, Transportunternehmen aus Polen fallen ganz aus", sagte der Sprecher des Staatsbetriebes Sachsenforst, Renke Coordes. Auch der Landesforstbetrieb Sachsen-Anhalt berichtete von zeitlichen Verzögerungen beim Abtransport. Private Waldbesitzer finden noch schwerer Unternehmen, die Bäume fällen und entästen und dann mit LKWs abtransportieren. Hier fehlten Fahrer, hieß es vom Waldbesitzerverband Sachsen.

Abnehmer wie Möbelmärkte oder Baumärkte fehlen

Corona drückt zusätzlich auf den Holzpreis. Der war seit Anfang 2018 extrem gesunken, weil Unmengen von Holz wegen Trockenheit und Borkenkäfer anfielen. "Insgesamt gab es in Sachsen-Anhalt eine Schadholzmenge von 13 Millionen Kubikmeter. Zum Vergleich: In einem normalen Jahr hat das Land vielleicht anderthalb bis 1,8 Millionen Kubikmeter", sagte Franz Prinz zu Salm-Salm, Vorsitzender des Waldbesitzerverbandes von Sachsen-Anhalt. Schon jetzt zahlen Forstbetriebe und private Waldbesitzer in manchen Steillagen drauf, wenn sie kranke Bäume fällen und abtransportieren. Wegen des Corona-Virus fallen zahlreiche Abnehmer für geschlagenes Holz weg. "Es werden weniger Möbel produziert, einige Hersteller von Spanplatten haben die Produktion stark zurückgefahren. Zellstoffhersteller zahlen kaum noch etwas für Holz", sagte Franz Prinz zu Salm-Salm. Thüringenforst hat bereit auf den Einbruch bei der Nachfrage reagiert. Sprecher Horst Sproßmann sagte dem MDR Ende April dazu:

Frisches Nadelholz wird deshalb in Thüringens Staatswald bis auf Weiteres nicht eingeschlagen.

Schon wenige Wochen können entscheidend sein

Werden umgebrochene oder vertrocknete Bäume jetzt nicht schnell aus dem Wald geschafft, sind sie in den kommenden Wochen ideale Brutstätten für den Borkenkäfer. "Solche Keimzellen sind kaum beherrschbar", sagte Hans Kraske, Geschäftsführer des Waldbesitzerverbandes Sachsen. Der Verband vertritt 2.600 Eigentümer von Privatwald. Der Borkenkäfer bohrt sich in die Rinde, aus den Eiern entwickeln sich in vier Wochen wieder flugfähige Insekten. "Aus einem befallenen Baum, der in diesem Zeitraum nicht saniert wurde, folgen in der Regel 20 befallene Bäume in der nächsten Käfer-Generation und bereits 400 Bäume in der dritten Generation", sagte Mario Helbig, der beim Landratsamt Mittelsachsen für den Forstbereich zuständig ist. Könnten Bäume nicht gleich aus dem Wald geschafft werden, müssten sie wenigstens entrindet oder Pflanzenschutzmitteln behandelt werden.

Kleiner Wald, große Probleme

Ein Harvester, der so groß ist wie ein Traktor hebt mit einer langen Kranvorrichtung einen auf ca. zwei Meter Länge vorgesägten Baumstamm aus dem Unterholz.
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Der Kampf gegen den Borkenkäfer ist für Eigentümer kleinerer Waldflächen mit wenigen Hektar besonders schwer. Ihre Scheunen und Höfe sind bereits jetzt randvoll mit Brennholz. Ältere bleiben wegen der Corona-Krise sicherheitshalber ganz zu Hause. Der Einsatz von Maschinen lohnt oft erst, wenn Waldbesitzer zusammenarbeiten oder sich Forstbetriebsgemeinschaften anschließen. Dann fallen aber für Mitgliedsbeiträge oder Gerätemiete weitere Kosten an. In besonders stark betroffenen Waldgebieten etwa in der Region Oberlausitz, im Ostererzgebirge oder in der Region um Marienberg hilft der Staatsbetrieb aus, weil sich sonst der Borkenkäfer noch weiter ausbreitet. Dort können Privatwaldeigentümer auf Unternehmer zurückgreifen, die Verträge mit Sachsenforst haben. Das klappt aber in der Corona-Krise auch nur begrenzt. Hans Kraske vom Waldbesitzerverband Sachsen (85.000 Mitglieder) sagte:

In Sachsen sind große Mengen aus 2018 und 2019 noch nicht bewältigt. Wie viel genau, das lässt sich nicht sagen, aber in kleineren Privatwäldern sind das nennenswerte Mengen.

Aufwendige Kontrolle: Woran erkennt man Borkenkäferbefall?

Ein Revierförster kontrolliert 2017 nach einem Sturm mit einem Waldarbeiter die Schäden im Wald.
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Privatwaldbesitzer sind gesetzlich verpflichtet, Forstschädlinge rechtzeitig zu bekämpfen. Etwa wenn Revierförster Spuren des Borkenkäfers an Fichten, an Kiefern oder Lärchen erkennen. Doch die Kontrolle ist zeitaufwendig und erfordert Erfahrung und ein gutes Auge. "Wenn die Nadeln und Rinde abfallen, ist es schon zu spät. Da sind die jungen Käfer schon ausgeflogen. Sie sehen das vorher, wenn sie auf Spinnweben am Baumanlauf oder an den Rindenschuppen achten. Hat sich da Bohrmehl oder 'Genagsel' verfangen, dann ist das ein Hinweis auf Borkenkäfer im Baum", sagte Hans Kraske. Für Förster ist eine hundertprozentige Kontrolle aller Bäume im Revier in der aktuellen Situation aber gar nicht möglich. "Es gibt Forstämter in Thüringen, die sind hinterher und es gibt welche, die aufgegeben haben", sagte Wolfgang Heyn vom Waldbesitzerverband. Auch Sachsenforst sieht die Revierleiter an der Belastungsgrenze. "In der Realität holen hier die Privaten den Förster und bitten den, sich die Parzelle mal anzuschauen. Weil der Borkenkäfer drin ist" sagte Franz Prinz zu Salm-Salm vom Waldbesitzerverband Sachsen-Anhalt. So ein "Privatmonitoring" könnte es aber in Zukunft immer seltener geben, befürchtet er. Der Verkauf privater Waldflächen habe in Sachsen-Anhalt um 30 bis 40 Prozent zugenommen. "Wenn nicht bald Soforthilfen kommen, fehlt den Waldbesitzern Liquidität und dann geben einige auf", sagte auch Wolfgang Heyn für Thüringen. Damit fehlten aber Menschen, die den Wald wieder aufforsten. Der wiederum fehlt dann als Rückhaltespeicher für Wasser. Damit könne die Erosion der Boden stark zunehmen, befürchtet der Waldbesitzerverband Sachsen.

Frisches Holz wird auch als Falle benutzt

Auch wenn das Wanderer und Forstlaien immer wieder irritiert: Nicht immer sind Waldbesitzer automatisch im Verzug, wenn in ihrem Forst noch umgestürzte Bäume liegen oder von Borkenkäfern sichtbar geschädigte Bäume stehen. So setzen die Forstbetriebe in Thüringen und Sachsen in einigen Regionen auf so genannte "Fangbäume". "Dafür lässt man Wurf- oder Bruchholz vom Sturm liegen. Wenn der Borkenkäfer jetzt rauskommt, soll der in die Fangbäume", sagte Wolfgang Heyn vom Waldbesitzerverband. Die Bäume müssten dann innerhalb von sechs Wochen nach dem Befall raus, bevor sich die Käfer dann auf die Suche nach anderen Bäumen machen. Ganz abgestorbene Bäume mit den typischen roten Nadeln und abgefallener Rinde dürfen laut Landratsamt Mittelsachsen im Wald stehen bleiben. "In diesen Fichtenwälder leben keine Borkenkäfer mehr", sagte Stefanie Haupt vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) Thüringen. Aus ökologischer Sicht sei es sogar sinnvoll, diese Bäume gleich im Wald zu lassen. Das Totholz habe positive Auswirkungen auf die Verjüngung des Waldes. Lager von Baumstämmen am Waldrand oder an Wegen sind aus Sicht von Schädlingsbekämpfern nicht ganz ideal. Von dort aus könnten Borkenkäfer immer noch ausschwärmen. "Es macht aber einen Unterschied, ob sie das Holz im Wald lassen oder schneiden und am Wegrand stapeln. So haben sie die Brutstellen für den Borkenkäfer nicht mehr verteilt im Wald", sagte Nicole Wellbrock vom Thünen-Institut für Waldökosysteme in Eberswalde. Das hat den aktuellen Waldzustandsbericht der Bundesregierung erstellt.

"Die schlimmen Jahre könnten noch übertroffen werden"

Die ersten Frühlingswochen 2020 waren schon zu warm. Der Regen fehlte. Das waren ideale Bedingungen für den Borkenkäfer, gegen den sich Bäume ohne ausreichend Wasser nur schlecht wehren können. Renke Coordes vom Sachsenforst sagte:

Vertrocknete Fichten im Harz.
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In den früheren Jahren waren auch für große Bäume noch genug Wasserreserven im Boden. Das ist in diesem Jahr nicht so. Auch die tieferen Schichten sind stark ausgetrocknet.

Der Forstbetrieb rechnet wie viele andere Waldbesitzer auch mit ähnlichen Schäden wie im letzten Jahr. Mit einem heißen Sommer würden diese Rekorde aber noch einmal übertroffen. Dazu könnten auch die Probleme durch die Corona-Einschränkungen und der eingebrochene Holzmarkt noch mit beitragen.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP bei der Arbeit | 29. April 2020 | 10:15 Uhr

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