Borkenkäfer-Plage: Millionenschäden in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen

30.10.2018 | 16:00 Uhr

Erst die Stürme im Herbst und Frühling, dann der Hitzesommer 2018: Das sind beste Bedingungen für den Borkenkäfer, der sich in den Wäldern so stark ausbreitet wie schon lange nicht mehr. Wegen der Schäden könnten Fichten auf lange Sicht sogar ganz aus den Wäldern verschwinden. Waldbesitzer bekommen für ihr Holz viel weniger Geld als sonst.

Waldarbeiter beseitigen nach einem Sturm Bruchholz im Harz, um Borkenkäfer möglichst wenig Brutholz zu bieten
Waldarbeiter beseitigen nach einem Sturm Bruchholz im Harz, um Borkenkäfer möglichst wenig Brutholz zu bieten Bildrechte: imago images / Steffen Schellhorn

Die Forstwirte in Thüringen und Sachsen schlagen Alarm: Ihre Wälder leiden unter dem größten Befall von Borkenkäfern seit einigen Jahren. In beiden Bundesländern sind nach offiziellen Zahlen jeweils mehr als 340 000 Festmeter betroffen. Das sind in Sachsen sogar mehr als im bisher schlimmsten Jahr 1947. In Thüringen waren zuletzt 2003 so viele Bäume von Borkenkäfern befallen. Auch Sachsen-Anhalt meldet Probleme mit den Schädlingen: Vor allem im Ostharz sieht man die Schäden deutlich. Dort stehen besonders viele Fichten.   

Ein Käferpaar hat pro Saison einhunderttausend Nachkommen

Baumbruch nach Borkenkäferbefall
Ist ein Baum vom Borkenkäfer befallen, trocknet er aus und stirbt ab. Bildrechte: IMAGO

Der Borkenkäfer ist für die Forstwirtschaft einer der gefährlichsten Schädlinge: Er hat es vor allem auf Fichten abgesehen und bohrt sich in deren Baumrinde. Dabei werden die Wasser- und Nährstoffleitbahnen der Fichten zerstört. Übrig bleiben vollkommen kahle und abgestorbene Bäume. Auch Lärchen können laut Thüringer Landwirtschaftsministerium betroffen sein. Der Schaden sei aber längst nicht so groß wie bei den Fichten. Für das massenhafte Auftreten der Schädlinge gibt es hauptsächlich zwei Gründe. Lutz-Florian Otto vom Sachsenforst sagte MDR JUMP:

Wir hatten im letzten Winterhalbjahr überdurchschnittlich viele Stürme mit vielen Schäden. Und das Sturmholz ist ein idealer Ausgangspunkt für die Massenvermehrung des Borkenkäfers.

In dem Totholz fühlen sich die Käfer besonders wohl. Die Tiere konnten sich dann in der anhaltenden Hitze und Trockenheit im heißen Sommer 2018 besonders gut vermehren, so die Nordwestdeutsche Forstliche Versuchsanstalt in Göttingen. Ein Käferpärchen kann im Laufe eines Sommers fast hunderttausend Nachkommen hervorbringen, die hunderte Bäume befallen.

Die Trockenheit führt dazu, dass das natürliche Abwehrvermögen der Fichte reduziert wurde. Die wehrt sich in erster Linie durch das Ausscheiden von Harz, um die Borkenkäfer am Besiedeln des Baumes zu hindern.

Rasend schnell ausgebreitet

Weil sich die Borkenkäfer in diesem Jahr so rasend schnell vermehren konnten, wurden aus einem befallenen Baum zwischen Frühling und Herbst 400 Bäume. Das entspricht rund einem Hektar Fichtenwald. Betroffen sind laut Sachsenforst vor allem Gebiete, in denen die Fichte von Natur aus nicht vorkommt und später angepflanzt wurde. Dort wurden in der Vergangenheit ganze Wälder mit gleichaltrigen Fichten aufgebaut, um deren Holz verkaufen zu können. Auf diese Probleme hat der Naturschutzbund Deutschland (NABU) bei der Wahl der Fichte zum Baum des Jahres 2017 hingewiesen. Aber auch Hausbesitzer mit Bäumen auf dem Grundstück oder Gartenbesitzer müssen sich dieses Jahr Sorgen machen. Dr. Rainer Hurling von der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt in Göttingen sagte MDR JUMP:

Dr. Rainer Hurling von der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt, Göttingen
Bildrechte: Dr. Rainer Hurling

Die Borkenkäfer können aktiv fliegen und wenn sie aufsteigen, können sie auch vom Wind weitergedriftet werden. Dann kommen sie viele Kilometer weit.

So könnten die Käfer auch Fichten in Gärten befallen. Wer sich befallenes Holz aus dem Wald in den Garten holt, kann den Borkenkäfer ebenfalls einschleppen. Ein Ende der Käferplage ist derzeit nicht in Sicht: Die Käfer ziehen sich bei Kälte in den Boden zurück und kommen dann im nächsten Jahr in großer Zahl zurück. Sachsenforst etwa befürchtet, dass sich die Menge der befallenen Bäume bis zum nächsten Frühjahr sogar noch verdoppelt. In Thüringen befürchtet Agrarministerin Birgit Keller (Linke), dass aus vielen Waldbeständen Fichten einfach verschwinden.  

Millionenschäden für Waldbesitzer in Sachsen-Anhalt

Der Borkenkäferbefall sorgt beim Landesforstbetrieb in Sachsen-Anhalt für massive Verluste: Etwa zwei bis drei Millionen Euro fehlten dem landeseigenen Unternehmen in diesem Jahr, sagte eine Sprecherin des Umweltministeriums. Der Landesforstbetrieb musste wegen der Schädlingsplage deutlich mehr Holz als sonst aus dem Wald holen und hatte so deutlich höhere Kosten. Der Chef des Landesforstamtes Bernd Dost sagte MDR JUMP:

Solche großen Schäden wie jetzt hat es in den letzten Jahrzehnten noch nicht gegeben. Wir lagern jetzt große Mengen Holz, über 200.000 Festmeter Sägeholz, in Nasslagern ein. Da wird das Holz mit Wasser benetzt, um die Qualität zu halten.

Wegen des Borkenkäfers gibt es ein Überangebot an Holz und deshalb sind die Preise deutlich gefallen. Neben Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen müssen andere Bundesländer und Nachbarländer wie Tschechien viele Fichten schlagen und die dann verkaufen. Der Landesforstbetrieb sucht jetzt mit dem Umweltministerium nach einer Lösung, um die Zeit bis zum Verkauf der großen Holzmengen zu überbrücken. Gleichzeitig wolle man sich gegen mögliche weitere Borkenkäferplagen in den nächsten Jahren wappnen, sagte Bernd Dost:

Wir müssen zusehen, dass wir möglichst in absehbarer Zeit, in den nächsten Jahren, zu Mischwald kommen. Wir haben im Betrieb eine Strategie auf fünf Baumarten ausgegeben.

Nur so könne verhindert werden, dass sich der Borkenkäfer wie in diesem Jahr massenhaft vermehrt.

Schnell handeln

Ob eine Fichte von Borkenkäfern befallen ist, können Laien nicht ganz so einfach erkennen. Die Bäume produzieren zum einen mehr Harz, um auf die Schädlinge zu reagieren. Kleine Bohrlöcher in der Rinde oder Bohrmehl auf dem Gras unter dem Baum oder in Spinnweben in den Ästen können Anzeichen sein. Befallene Bäume sollten aus Wäldern oder Gärten entfernt werden, rät Rainer Hurling:

Bäume, die von Borkenkäfern besiedelt werden, die fallen sowieso irgendwann. Und dann sollten sie in einem Garten oder am Haus möglichst nicht unkontrolliert umfallen.

Baumbruch nach Borkenkäferbefall
Baumbruch nach Borkenkäferbefall Bildrechte: IMAGO

Bevor ein befallener und abgestorbener Baum gefällt werden muss, sollten Wald- oder Gartenbesitzer aber bei Fachleuten wie Baumpflegern nachfragen. Insektizide dürfen nur an liegenden Bäumen eingesetzt werden. Deren Einsatz soll nur die weitere Ausbreitung der Käfer verhindern. Damit arbeitet beispielsweise der Thüringenforst und bringt sie ausschließlich auf aufgeschichtete Holzlager auf. Die eingesetzten Mittel seien für Bienen verträglich und gefährdeten nicht das Grundwasser, heißt es.

Keine Hilfe vom Bund

Anders als von Dürre betroffene Landwirte können Wald- und Gartenbesitzer nicht mit Hilfe vom Bund rechnen. Eine Entschädigung für Schäden durch Borkenkäfer im Hitzesommer 2018 hat Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) zuletzt noch ausgeschlossen.

Die Länder springen hier aber ein: In Thüringen beispielsweise bekommen Waldbesitzer beim Aufarbeiten von geschädigtem Holz 70 Prozent Förderung. Die Landbesitzer fordern aber zusätzliche Hilfe, etwa für das Lagern von betroffenem Holz.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP am Abend - Die Themen des Tages | 30. Oktober 2018 | 19:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 30. Oktober 2018, 15:55 Uhr

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