Motorradfahrer in Bewegung.
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Soll es Lärm-Blitzer auch in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen geben?

19.09.2019 | 15:27 Uhr

Autos rasen mit aufheulenden Motoren durch die Stadt: Das könnte bald hart bestraft werden. Ein Pariser Vorort testet ein neues System, das automatisch Strafzettel an die Fahrer von zu lauten Fahrzeugen ausstellen soll. Wird es das auch bald in Mitteldeutschland geben?

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Die Radarfallen, die in Paris getestet werden, bestehen aus vier Mikrofonen und einer Kamera. So soll die Lautstärke und das entsprechende Fahrzeug ermittelt werden können. Da es sich um eine zweijährige Testphase handelt, gibt es derzeit noch keine Strafen. Mit dem Versuch sollen aber Grenzwerte für Lärm ermittelt werden. Das Ziel ist, die Anwohner vor lauten Geräuschen von getunten Autos und Motorrädern zu schützen.

Die Anwohner haben eher positiv reagiert. Paris ist eine laute Stadt. Viele sehnen sich danach, dass es ein bisschen leiser wird.

Marcel Wagner, MDR JUMP Korrespondent in Paris

Auch in Deutschland einsetzbar?

Fernsehturm und Siegessäule in Berlin
Sportwagen mit vielen PS oder Motorräder werden aufgrund ihrer Lautstärke kritisiert. Bildrechte: MDR/Max Heeke

Derzeit ist noch unklar, wie zuverlässig die Technik der Lärmblitzer ist. Daher ist in Deutschland ein Einsatz noch nicht geplant. Vor allem werden zuerst die entsprechenden Tests abgewartet. Verkehrsrechtsanwalt Roman Becker sagt: "Das wird noch ein paar Jahre dauern, auch weil das angreifbar ist: Ist das wirklich dieses Auto, das da so lärmt? Da müsste jedes Mikrofon geprüft werden."

Was ist Lärm?

Um konkrete Strafen für zu laute Motoren einführen zu können, werden neue Gesetze benötigt. Bis diese in Kraft treten, kann sehr viel Zeit vergehen. Bisher gibt es im Bußgeldkatalog schon den Punkt "Lärm". Allerdings ist dieser unkonkret:

Das Belästigen anderer durch unnötigen Lärm kostet zehn Euro. Aber es ist ein dehnbarer Begriff: Was ist unnötiger Lärm?

Jan Vorwerg, Verkehrsrechtsanwalt aus Leipzig

Städte und Gemeinden fordern schärfere Lärmvorschriften

Egal, ob mit Lärm-Blitzern oder ohne: Der Städte- und Gemeindebund fordert strengere Regelungen, wenn es um die Geräusche von Fahrzeugen geht. Demnach sei es wichtig, schon bei der Zulassung von Autos und Motorrädern den Geräuschpegel im Realbetrieb besser zu berücksichtigen. Bisherige Messvorschriften seien zu weit von der Realität entfernt:

Bei der Beurteilung der tatsächlichen Lärmbelastung von Anwohnern sollten real gemessene Geräuschbelastungen zugelassen und zur Grundlage von straßenverkehrsrechtlichen Anordnungen ermöglicht werden.

Alexander Handschuh, Deutscher Städte-und Gemeindebund

Daher werden von dieser Seite die Tests in Paris begrüßt. Dort ermittelte Grenzwerte könnten auch für Deutschland von Bedeutung sein. Wenn die Lärm-Blitzer eine hohe Lärmbelästigung beseitigen, wären sie auch in Deutschland denkbar.

Lärm-Blitzer in Sachsen und Sachsen-Anhalt kein Thema

Konkrete Pläne, solche Messanlagen in Sachsen einzusetzen, gibt es derzeit nicht. Das hat uns das zuständige Staatsministerium des Innern mitgeteilt:

Derzeit gibt es keine Überlegungen zum Thema Lärm-Blitzer. Des Weiteren werden keinerlei Tests im Freistaat Sachsen mit lärmmessender Technik in Verbindung mit Videoaufzeichnung durchgeführt.

Aus dem Innenministerium in Sachsen-Anhalt erreicht uns folgende Aussage:

Pläne, den in Rede stehenden „Lärm-Blitzer“ [...] in Sachsen-Anhalt zu testen, bestehen bei der Landespolizei gegenwärtig nicht.

Zehn Fakten über Lärm

War das noch laut oder ist das schon Lärm? Zehn wissenswerte Dinge über Lärm.

Ein von hinten zu sehender Bauarbeiter, der einen Bauhelm und einen Gehörschutz trägt, steht vor einem Kran.
#1 Lärm ist das störende Geräusch. Es umfasst eine subjektive und eine physikalische Komponente. Geräusche in Form von Schallwellen erreichen unsere Ohren und werden in Signale an unser Gehirn verarbeitet. Den Schalldruck kann man messen und in Dezibel beschreiben. Geräusche passieren jedoch nicht unkommentiert unser Gehör. Es ist erst unsere subjektive Einstellung zu den Geräuschen, die sie zu Lärm machen: Lärm nervt. Bildrechte: Colourbox.de
Ein von hinten zu sehender Bauarbeiter, der einen Bauhelm und einen Gehörschutz trägt, steht vor einem Kran.
#1 Lärm ist das störende Geräusch. Es umfasst eine subjektive und eine physikalische Komponente. Geräusche in Form von Schallwellen erreichen unsere Ohren und werden in Signale an unser Gehirn verarbeitet. Den Schalldruck kann man messen und in Dezibel beschreiben. Geräusche passieren jedoch nicht unkommentiert unser Gehör. Es ist erst unsere subjektive Einstellung zu den Geräuschen, die sie zu Lärm machen: Lärm nervt. Bildrechte: Colourbox.de
Figur eines Bauarbeiters mit Presslufthammer im Ohr einer jungen Frau
#2 Lärm erfahren wir direkt oder indirekt. Direkten Lärm kennen wir als sehr laute Geräusche: Presslufthammer und startende Flugzeuge. Indirekter Lärm muss nicht so laut sein, wirkt aber über lange Zeit auf uns ein, wie eine viel befahrene Straße vor der Haustür. Bildrechte: IMAGO
Lichtspuren von fahrenden Autos auf einer nächtlichen Straße.
#3 Lärm nervt. Repräsentative Umfragen des Umweltbundesamtes zeigen, dass sich bis zu drei Viertel der Deutschen von Straßenverkehrslärm belästigt oder gestört fühlen. Immerhin 60% sind von Lärm durch Nachbarn genervt. Und etwa jeder Dritte stört sich an Flug- und Schienenverkehrslärm. Bildrechte: Colourbox.de
Motorradfahrer in Bewegung.
#4 Lärm betrifft uns wirklich. Aktuelle Zahlen aus den Bundesländern zeigen, dass etwa drei Millionen Menschen nachts in einer Weise von Straßenverkehrslärm betroffen sind, die gesundheitliche Schäden verursachen können. Knapp zwei Millionen sind es durch Schienenverkehr. Und fast 30.000 durch Fluglärm. Bildrechte: Colourbox.de
Ein Verkehrsflugzeug fliegt in geringer Höhe über ein Wohnhaus.
#5 Lärm macht krank. Das zeigen verschiedene Studien seit Jahrzehnten. Chronischer Lärm stört unsere Konzentration und unseren Schlaf und löst dadurch Stresshormone aus. Dauerhafter Stress führt zu erhöhten Blutzuckerspiegeln. Am Ende kann Lärm zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Herzinfarkt oder Herzschwäche führen. Auslösewerte sind laut aktuellem wissenschaftlichen Stand Schallpegel zwischen 50 und 60 Dezibel. Bildrechte: Colourbox.de
Ein Mann liegt im Bett und hält sich mit dem Kopfkissen die Ohren zu.
#6 Lärm kann depressiv machen. Studien zeigen, dass die Geräusche der verschiedenen Verkehrsarten das Risiko für unipolare Depressionen erhöhen, wenn man ihnen dauerhaft ausgesetzt ist. Desinteresse, gedrückte Stimmung und Antriebsschwäche können Folgen von Verkehrslärm sein. Bildrechte: IMAGO
Geld und Spielzeug
#7 Lärm ist teuer. Lärm verursacht externe Kosten, die auf normalen Rechnungen fehlen. Immobilien, die in lauten Gegenden sind, sind weniger wert. In besonderer Weise entstehen Kosten aber auch durch die medizinische Behandlung der Lärmfolgen. Es gibt Schätzungen, die den Preis des Lärms auf etwa 15 Euro für das durchschnittliche deutsche Auto beziffern. Bei mehr als 46,5 Millionen Pkw in Deutschland immerhin fast 700 Millionen Euro: pro Jahr. Bildrechte: MDR/Max Heeke
eine Frau hält sich verzweifelt die Ohren zu
#8 Lärm geht uns alle an. Wir alle sind in der einen oder anderen Situation Lärmverursacher und damit in der Lage, Lärm zu vermeiden: Langsamer fahren oder das Auto häufiger stehen lassen und auf seine Nachbarn achten: Es gibt viele Wege, um Lärm zu vermeiden. Bildrechte: colourbox.com
Straßenverkehr
#9 Mach's leiser. Auch auf politischer Ebene kann jeder Bürger aktiv werden. Aktuell (bis zum Sommer 2018) müssen Städte und Gemeinden wieder Aktionspläne gegen Lärm erarbeiten, bei denen sich Bürger einbringen können. Auf den Webseiten der Städte und in Rathäusern müssen laut EU-Gesetz Informationen zur Beteiligung aushängen. Es gibt in vielen Städten und Gemeinden Bürgerinitiativen, die sich gegen Lärm einsetzen. Bildrechte: MDR/Max Heeke
Robert Koch im Jahre 1884
#10 Lärm ist ein altes Problem: Gegen Ende des 19. Jahrhunderts gründeten sich in den USA und Europa erste Gesellschaften gegen den Lärm. 1910 schrieb der Seuchenforscher Robert Koch über die störenden Geräusche: "Eines Tages wird der Mensch den Lärm ebenso unerbittlich bekämpfen müssen wie die Cholera und die Pest“. Bildrechte: Robert Koch-Institut
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Dieses Thema im Programm MDR JUMP am Abend - Die Themen des Tages | 19. September 2019 | 19:50 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. September 2019, 18:39 Uhr

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