Die „viel größere Pandemie“ - Bewegungsmangel bei Kindern

Und sie bewegen sich… nicht. Kinder und Jugendliche rennen in Corona-Zeiten weniger und daddeln mehr. Und das macht Forschern große Sorgen.

Sportunterricht mit Mädchen
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Gastronomen, Mitarbeiterinnen der Event-Branche, Krankenpflegern, Musikerinnen – eigentlich jedem und jeder bei uns in der Region machen die Folgen der Corona-Pandemie auf die eine oder andere Art zu schaffen. Während man auf die Wirtschaft schaut, bleiben Familien im Allgemeinen und Kinder und Jugendliche im Speziellen bei dem Blick auf die Folgen oft außen vor. Und wenn man über die Jugend redet, dann geht es meist um vermeintlich verpassten Schulstoff, das nervige Homeschooling und ähnliches – dabei baut sich bei den Jüngeren gerade ein anderes massives Problem auf: Experten warnen davor, dass sich Jungen und Mädchen aktuell viel zu wenig bewegen. Die Folgen davon dürften aber leider dramatisch sein.

Im zweiten Lockdown wurde alles schlimmer

So zeigt die so genannte Motorik-Modul-Studie des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT), dass sich Kinder im zweiten Corona-Lockdown erheblich weniger als üblich bewegt haben. Dafür stieg ihr Medienkonsum weiter an - auf 222 Minuten am Tag vor dem Bildschirm, das waren immerhin noch mal 28 Minuten mehr als im ersten Lockdown.

Waren es im Frühjahr 2020 noch 144 Minuten Bewegungszeit am Tag, sind es jetzt nur noch 61 Minuten. Das Niveau liegt nun auch unter dem vor der Corona-Pandemie. Vorher bewegten sich die Kinder und Jugendlichen etwa 107 Minuten täglich.

Das sagt Alexander Woll vom Institut für Sport und Sportwissenschaft am KIT:

Durch die höhere Inaktivität gab fast die Hälfte der Befragten nach eigener Einschätzung an, dass ihre Fitness stark gesunken sei. Bei knapp 30 Prozent sei das Gewicht gestiegen

Und Woll sagt weiter:

Die Ergebnisse der Studie sind sehr bedenklich, denn Bewegung fördert nicht nur die Fitness, sondern auch das eigene Wohlbefinden und letztlich auch die Abwehrkräfte – was in Zeiten einer Pandemie umso wichtiger ist.

Familie wandert
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Tatsächlich belegt unter anderem eine kürzlich veröffentlichte US-Studie, dass regelmäßiger Sport das Risiko für schwere Corona-Verläufe und Tod sehr stark reduziert. Diejenigen, die nie Sport machen, haben demnach im Vergleich zu Sportlern eine dreifache Sterblichkeit.

Warnung vor einer „verlorenen Generation“

Doch vielen Kids fehlt der Sport.

Der Bewegungsmangel ist die heimliche Seuche, unter der Kinder und Jugendliche im wahrsten Sinne des Wortes zunehmend leiden

sagt auch der Hallenser Andreas Silbersack, der beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) für Breitensport zuständig ist. Er fordert daher:

Zumindest die Kinder müssen wir wieder auf die Sportplätze bekommen.

Man produziere sonst „eine verlorene Generation“, so Silbersack.

Das Problem in der Pandemie

Sportunterricht an den Schulen findet oft nicht statt - und viele Vereine sind auch geschlossen. Das ist besonders deswegen ein Problem, weil heutzutage – im Gegensatz zu früher - die Kids einen Großteil ihres Bewegungspensums nicht mehr im freien Spiel absolvieren, sondern eben im Verein.

70 Prozent der Kinder in Deutschland betreiben normalerweise Vereinssport

sagt der Unfallchirurg Dietmar Pennig, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU). Und das fiel und fällt durch Corona oft flach.

Der Profifußball durfte weiter trainieren – mir persönlich wären die Kinder wichtiger gewesen

so Pennig weiter. Zumindest im Freien wäre viel möglich gewesen, klagt der Mediziner.

Im Freien sehen Aerosolforscher wenig Risiken

Fuߟballer der Altersklasse U-10 vom SV Loschwitz trainieren auf dem Spielfeld in groߟen Abständen.
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In der Tat haben Wissenschaftler im Grundsatz klargestellt: Beim kontaktlosen Sporttreiben im Freien gibt es eigentlich kein Corona-Problem – auch wenn der Teufel im Detail liegt. Aber Teamsportarten oder auch Tennis haben nach Ansicht von Aerosolforschern ein geringes Risiko. Gleiches gelte zum Beispiel für das Rudern oder fürs Joggen, zumindest wenn die Läufer nebeneinander unterwegs sind.

Die Experten sagen immer wieder, wie wichtig Bewegung für Kinder ist, damit sich diese nicht nur körperlich, sondern auch psychisch und geistig gut entwickeln können. Im sogenannten Aufholpaket, für das die Bundesregierung zwei Milliarden Euro für Kinder und Jugendliche sowie deren Familien bereitstellen will, wird das Thema Sport zumindest genannt - aber eben auch nicht besonders hervorgehoben.

Ingo Froböse von der Deutschen Sporthochschule in Köln warnt: Diabetes, Bluthochdruck, Übergewicht – all das breite sich unter Heranwachsenden aus.

Das ist für mich als Sport- und Präventionsexperte erschreckend, denn hier ist eine viel größere Pandemie unterwegs als die, die wir gerade bekämpfen. Wir erleben eine Bewegungsmangel-Pandemie mit gravierenden Folgen. Das wird unser Gesundheitssystem in den kommenden Jahren komplett überlasten.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP am Wochenende | 16. Mai 2021 | 10:10 Uhr

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