Ein Steinmarder im Motorraum eines Autos
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Warum sind Autos nicht ab Werk mardersicher?

18.04.2019 | 09:02 Uhr

Wenn Marder Kabel anfressen, wird es für Autofahrer oft richtig teuer: 70 Millionen Euro Schaden haben die Tiere 2017 verursacht. Tendenz steigend, weil bei modernen Autos viel mehr Technik kaputt gehen kann. Uns haben Hörer gefragt, warum Autohersteller nicht ab Werk etwas gegen Marderschäden machen. Wir sind der Frage nachgegangen.

Ein Steinmarder im Motorraum eines Autos
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Sie beißen in Kühlschläuche, Zündkabel oder Achsmanschetten: Wenn Steinmarder sich unter der Motorhaube "austoben", kann das in Extremfällen sogar richtig gefährlich für Autofahrer werden. Wenn etwa Teile von angeknabberten Dämmmatten auf heiße Auspuffteile fallen, können die einen Brand auslösen. Beschädigte Faltenbalge an Achsmanschetten können Fett verlieren und dazu führen, dass Räder blockieren.

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Wer als Autofahrer nach Marderschutz ab Werk sucht, wird nur bei wenigen Herstellern fündig: Manche Autofirmen wie Ford bieten in Zusammenarbeit mit Zulieferern Nachrüstsätze für den Motorraum an, die harmlose Stromschläge verteilen. Die Kontaktplatten werden an möglichen Marder-Einstiegstellen im Motorraum verbaut. Diese Sets kosten ab 100 Euro plus Einbau. BMW hatte die Elektroabwehr in der Vergangenheit auch im Angebot. Bei VW können Autofahrer bei einigen Modellen nachträglich den Motorraum mit Blechen absichern lassen. So können Tiere im Idealfall nicht mehr an die empfindlichen Kabel gelangen. Rein technisch wäre es aktuell gar kein Problem, den Motorraum komplett mardersicher abzukapseln, sagt Marcel Mühlich vom Auto Club Europa (ACE). Der Berater für Technik, Verkehr und Umwelt sagte MDR JUMP:

Marcel Mühlich, Berater Technik, Verkehr und Umwelt, Auto Club Europa e.V.
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Das ist immer ein gewisser Kostenfaktor, so etwas zu konstruieren und auch in Serie zu verbauen. Da sparen die Hersteller an jedem Teil. Außerdem war die Marderproblematik eher ein regionales Phänomen in Süddeutschland. Jetzt gibt’s das Problem überall. Und da ist vielleicht auch Verzug drin, bis das Standard ist.

Der ACE würde sehr begrüßen, wenn die Hersteller konstruktive Maßnahmen gegen Marder ergreifen würden. Das sei auch ein Vorteil für die Hersteller: Wer zuerst ein mardersicheres Fahrzeug anbieten könne, hätte damit auch ein Alleinstellungsmerkmal.

Steinmarder knabbern für Autohersteller

Doch die Hersteller und auch viele Zulieferer arbeiten offenbar an mardersicheren Autos. Das zeigt die Arbeit von Susann Parlow als Marderforscherin im Otterzentrum Hankensbüttel in Niedersachsen. Sie forscht dort auch im Auftrag von Autobauern an drei Steinmarderpärchen. Susann Parlow versucht herauszufinden, welche Technik die Tiere zuverlässig von empfindlichen Kabeln fern hält. Eine relative simple Methode war dabei bisher sehr zuverlässig, sagte die Forscherin MDR JUMP.  

Susann Parlow ist Marderforscherin im Otterzentrum Hankensbüttel in Niedersachsen
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Wenn sie die Kabel in Wellschläuche packen mit einem möglichst großen Durchmesser, dann geht da Marder da vielleicht ran. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass er da auf Dauer keine wichtigen Kabel kaputt macht, die ist sehr hoch. Und außerdem kann man die Wellschlauch-Ummantelung auch wechseln, wenn die Bissspuren zeigt.

Das komplette Abkapseln des Motorraums wurde auch versucht und getestet. Die Methode sei aber bisher noch zu teuer und von der Konstruktion her zu aufwendig, sagte die Forscherin. Das sieht Johannes Boos vom ADAC ähnlich:

Johannes Boos vom ADAC
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Ein komplettes "Abdichten" des Autos gegen Marder ab Werk ist wohl mit vertretbarem Aufwand nicht möglich. Das gilt unter anderem deshalb, weil ja Kühlluft-Kanäle und so weiter offen bleiben müssen.

Die Arbeit von Susann Parlow mit den Mardern hat auch gezeigt, dass Abwehranlagen mit Elektroschocks effektiv sind.

Das ist für das Tier nicht gefährlich aber es ist halt ein Schreck. Allerdings sind die Kontaktplatten aus Metall selbst bei korrekter Installation nicht ganz ungefährlich. Die müssen ja an sein, wenn der Motor aus ist. Das kann für Werkstätten gefährlich sein, wenn die am Motor arbeiten und das nicht wissen. Oder wenn man im hohen Gras steht, kann das zu einer Brandgefahr führen.

Marderabwehr mit Ultraschall bringt laut unserer Expertin auf Dauer überhaupt nichts. Ihre Tiere hätten schnell entdeckt, dass die Geräte nicht gefährlich sind und nur Geräusche aussenden. Vor allem die Hersteller von Elektro-Autos hätten großes Interesse an ihrer Marderforschung, sagt Susann Parlow.

Ein Auto mit Ottomotor kommt meist trotz Marderschaden noch in die Werkstatt. Wenn bei einem Elektrofahrzeug ein Kabel beschädigt ist, steht das komplett still. Dann müssen sie die E-Autos in die Werkstatt abschleppen und sie kommen mit der Reparatur schnell in die Tausende.

Von der Arbeit der Marderforscher profitierten Autofahrer auch direkt. Sie können im Otter-Zentrum anrufen und werden dort bei Marderschäden beraten. Wer sich für die Tiere interessiert, kann in den Öffnungszeiten des Forschungszentrums auch vorbei kommen und mehr über die Steinmarder lernen.

Sinnvolle Bastelarbeit

Bis die Autohersteller mardersichere Fahrzeuge anbieten, können Autofahrer nur auf die Nachrüstsets und Selbsthilfe setzen. In jedem Baumarkt gibt es Wellrohre oder auch Wellschläuche, mit denen mit etwas Aufwand und Geschick empfindliche Zündkabel ummantelt werden können. Die Rohre schneidet man erst auf Maß und dann der Länge nach auf. Dann zieht man sie über Zündkabel und andere sensible Leitungen im Motorraum und befestigt sie mit handelsüblichen Kabelbindern. Wichtig: Beim Ummanteln sollte man unbedingt darauf achten, dass der Plastikschutz keine Motorteile berührt, die heiß werden können. Zudem sollten Autofahrern zum Beginn der Mardersaison noch mal den Versicherungsschutz überprüfen. Kathrin Jarosch vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) sagte MDR JUMP:

Die Grund-Tarife bei den Kaskoversicherungen decken nur Marderschäden an direkt betroffenen Teilen ab. Wenn einem das wichtig ist, dann sollte man drauf achten, dass nicht nur die unmittelbaren Marderschäden abgedeckt sind, sondern auch Folgeschäden. Wie zerbissene Zündkabel, die den Katalysator lahm legen, undichte Kühlschläuche, die zur Motorüberhitzung führen oder kaputte Gummimanschetten, die zu Schäden an Antriebs- oder Achsgelenken führen.

Die Marderschäden werden von der Teilkaskoversicherung abgedeckt. Diese Leistungen sind dann natürlich auch in einer Vollkaskoversicherung drin, wenn man diese für das Auto abgeschlossen hat.

Spieltrieb und Neugier sorgen für Schäden

Marder
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Marder kontrollieren nachts regelmäßig ihr Revier und grenzen das mit Duftmarken ab. Das machen die Tiere übrigens das ganze Jahr über, sagen Wildökologen. In den Frühjahrsmonaten häufen sich die Marderbisse aber wahrscheinlich deshalb, weil die Reviere nach dem Winter neu abgesteckt werden. Auf ihren Touren schauen die kleinen Raubtiere auch in geparkte Autos rein, selbst wenn die in Garagen oder Parkhäusern stehen. Zum einen sind die Tiere sehr neugierig, zum anderen ist bei gerade geparkten Autos der warme Motorblock in kühlen Nächten ein netter Ruheplatz. Nach Ansicht von Wildexperten knabbern die Tiere Zündkabel und Kühlschläuche vor allem deshalb an, weil sie in alles Neue erstmal reinbeißen. Zudem können sie Gerüche anderer Marder unter der Motorhaube aggressiv machen. Dann werden Autoteile zerfetzt, um den fremden Geruch zu verbannen.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP am Abend - Die Themen des Tages | 17. April 2019 | 19:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. April 2019, 09:02 Uhr

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