Die Augen sind (wirklich) das Fenster zur Seele

Unser Blick verrät, wer wir sind, wie es uns geht – und was wir vorhaben. Treffen wir auf andere Menschen, schauen wir ihnen normalerweise in die Augen, um genau diese Informationen auch zu bekommen. Forscher haben dazu nun spannende neue Erkenntnisse.

Pärchen schaut ich in die Augen am Strand
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Für Humphrey Bogart war die Sache noch einfach. „Ich schau dir in die Augen, Kleines“, sagt er in „Casablanca“ als Barmann Rick zu seiner Flamme Ilsa. Aber so einfach ist es ja nicht. Jedenfalls längst nicht immer. Wie lange zum Beispiel kann man jemand anderen ansehen, ohne dass es creepy wird? Und welche Botschaften sendet ein Blick aus? Was verraten wir vielleicht, das wir lieber für uns behalten würden? Zum Glück hat die Wissenschaft ein paar Antworten gefunden.

Fangen wir mal mit der Länge an: 3,2 Sekunden – so lange schauen sich Menschen im Schnitt in die Augen. Das hat ein Team um den Psychologen Alan Johnston vom University College London herausgefunden. Sie hatten rund 500 Menschen aus 56 Nationen beobachtet. Andere Studien kommen zu dem Schluss, dass auch bis zu fünf Sekunden noch als angenehm empfunden werden. Wobei es ja immer darauf ankommt, wer einen da so anschaut wie gut man die Person oder ihre Absichten kennt, wie man sich selbst fühlt und so weiter.

„Mit unseren Augen erfassen wir nicht nur die Umgebung, sie sind auch das Fenster zu unserer Seele. Andreas Bulling vom Max-Planck-Institut für Informatik in Saarbrücken meint:

Denn sie verraten, wer wir sind, wie wir uns fühlen und was wir machen.

Blickkontakt ist freilich nicht gleich Blickkontakt. Seinem Schatz verliebt in die Augen schauen oder sich vom Chef eine Rüge abholen – klar, dass man in beiden Fällen unterschiedlich Lust darauf hat, den Blicken lange Stand zu halten. Wobei man in beiden Fällen viel über die Situation lernen kann. „Der Blickkontakt liefert mit die stärksten Informationen während einer sozialen Interaktion“, so James Wirth, Sozialpsychologe an der Ohio State University in Newark.

Unwohlsein ohne Augenkontakt, das bewesein Forschende

Ist der Partner vielleicht nervöser als sonst? Gibt es da etwas, das wir wissen sollten? Ist der Chef vielleicht gar nicht wirklich sauer, sondern will uns eigentlich etwas anderes mitteilen? Hinschauen lohnt sich – denn unsere Augen sind gleichsam die Fenster zur Seele. Deswegen können wir auch nicht gut damit umgehen, wenn uns Menschen beim Sprechen nicht in die Augen sehen. Da fühlen wir uns normalerweise sehr unwohl.

Blicke sind ein Wechselspiel – und entfalten auch nur als solches seine Wirkung auf uns. Das konnten kanadische Forschende in Experimenten beweisen, in denen die Probanden sich mal ganz normal ansehen konnten, mal aber auch durch Sonnenbrillen oder gar Augenbinden einen gestörten Augenkontakt hatten. Und nur, wenn die Blicke hin und her gehen konnten, ließ sich – gemessen übrigens über den elektrischen Widerstand der Haut – eine Reaktion nachweisen.

Das Wechselspiel der Blicke aktiviert automatisch bestimmte neuronale Netzwerke in unserem Gehirn. Das hat der Düsseldorfer Psychiater Leonhard Schilbach herausgefunden. Konkret geht es um das Areal, in dem Scheitel- und Schläfenlappen zusammentreffen. Dass unser Gehirn darauf so gut anspringt, liegt auch an einer anatomischen Besonderheit: Im Vergleich zu anderen Tieren ist bei uns Menschen der weiße Bereich im Auge sehr groß. Und dadurch können wir leichter erkennen, wo andere Menschen gerade hinschauen. „Das ist die Basis unserer sozialen Kooperation“, so Schilbach.

Hin- und Wegschauen gehören zusammen

Interessant ist aber auch: beim Sich-Ansehen ist die Verbindung zweier Gesprächspartner zwar auf ihrem Höhepunkt. Doch dieser Effekt nutzt sich schnell ab, wie eine aktuelle Studie zeigt. Hoch geht die gemeinsame Aufmerksamkeit erst wieder, wenn der Blickkontakt kurz getrennt und dann neu wieder hergestellt wird.

Außerdem gibt es einen Zusammenhang mit Wegschauen und lügen. Wer seinem Gegenüber in die Augen gesehen hat, sagt laut Studien häufiger die Wahrheit. Das könnte daran liegen, dass man sich fürs Lügen anstrengen muss – und man deswegen wegschaut. Denn Blickkontakt beansprucht offenbar gar nicht so wenige Ressourcen in unserem Gehirn. Darauf deuten auch Experimente japanischer Forschende hin.

Der Saarbrücker Forscher Andreas Bulling und seine Kollegin Sabrina Hoppe von der Universität Stuttgart glauben übrigens, dass sich sogar die Persönlichkeit eines Menschen anhand seiner Augenbewegungen vorhersagen lässt. Sie haben zusammen mit australischen Kollegen ein Softwaresystem entwickelt, dass Charakterzüge wie emotionale Labilität, Geselligkeit, Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit anhand der Augenbewegungen erkennen kann.

Dass uns ein Blick beschäftigt, das funktioniert aber wohl sogar, wenn unser Gegenüber gar kein Mensch ist - sondern ein Roboter. Das berichtet gerade ein Forscherteam um Agnieszka Wykowska vom Italienischen Institut für Technologie in Genua im Fachmagazin „Science Robotics“:

Unsere Ergebnisse zeigen, dass das menschliche Gehirn den Blick des Roboters tatsächlich als soziales Signal verarbeitet.

Und dieses Signal habe einen Einfluss auf die Art und Weise, wie wir Entscheidungen träfen, auf unsere Strategien und Reaktionen.

Augenkontakt ist also sehr wichtig für uns Menschen. Zum Abschluss daher unser Vorschlag: Sucht euch heute Abend mal jemanden, dem ihr gern in die Augen schaut. Und dann tut das einfach mal wieder. Und zwar am besten vielleicht länger als die berühmten drei Sekunden, wenn er oder sie darauf Lust hat. Mal sehen, was sich dann noch so ergibt...

Dieses Thema im Programm MDR JUMP am Wochenende | 25. September 2021 | 11:15 Uhr

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