Krank auf Arbeit
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"Präsentismus": Immer mehr Deutsche schleppen sich trotz Krankheit auf Arbeit

20.11.2018 | 14:00 Uhr

Jedes Jahr pünktlich zur Erkältungssaison tauchen sie wieder auf: Die lieben Kollegen, die sich todkrank und schniefend auf Arbeit schleppen. Sie wollen den Chef und die Kollegen nicht enttäuschen, stecken aber eben auch die noch Gesunden an. Das Phänomen heißt „Präsentismus“ und ist offenbar verbreiteter als angenommen.

Krank auf Arbeit
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Nach einer Studie des DGB schleppen sich erstaunlich viele Menschen krank zur Arbeit. Das haben im letzten Jahr zwei Drittel der Befragten gemacht. Jeder Dritte gab in der Studie an, zwei Wochen oder länger arbeiten gewesen zu sein, obwohl er oder sie "sich richtig krank gefühlt hat". Zu ähnlichen Ergebnissen kam auch die Bertelsmann-Stiftung in früheren Befragungen. Anette Wahl-Wachendorf vom Verband Deutscher Betriebs- und Werksärzte erklärt im MDR JUMP-Interview:

Die Gründe dafür sind und das ist ja auch wissenschaftlich belegt, dass wir es mit einer gewissen Arbeitsverdichtung zu tun haben. Dazu kommt, dass wir es mit einer Zunahme an kritischen Beschäftigungsverhältnissen zu tun haben. Durch den Wandel der Arbeit haben wir viele Solo-Selbstständige. Dadurch erscheinen viele Menschen doch lieber auf Arbeit, anstatt sich wie früher, als sie durch soziale Sicherungssysteme abgesichert waren, erstmal auszukurieren.

Fakt ist: Wer sich krank zur Arbeit schleppt, setzt nicht nur andere Kollegen einem gesundheitlichen Risiko aus. Selbst kleinere Beschwerden können irgendwann zu ernsthaften Krankheiten werden, wenn der Körper nicht die nötige Ruhe bekommt. Dann fallen Arbeitgeber aber für deutlich längere Zeit aus. Zudem erhöht Präsentismus den Druck auf andere Kollegen, arbeiten zu gehen und sich nicht krank ins Bett zu legen.

Wie melde ich mich krank?

Das wichtigste: Die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung muss nicht am ersten Tag der Krankheit eingeholt werden. "Dafür haben Arbeitnehmer drei Tage Zeit", erklärt Hermann Gloistein, Anwalt für Arbeitsrecht in Halle im MDR JUMP-Interview. "Danach muss dann aber eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung eingeholt werden und die muss dann auch unverzüglich zum Arbeitgeber."

Was ist während einer Krankschreibung erlaubt?

Oft meinen Arbeitnehmer, während einer Krankschreibung müsste man die ganze Zeit im Bett verbringen. "Das ist nicht der Fall", erläutert Rechtsanwalt Gloistein, "vielmehr müssen Arbeitnehmer alles tun, was die Genesung fördert und alles unterlassen, was die Genesung hemmt". Dabei komme es immer auf die konkrete Krankheit an.

Wenn ich beispielsweise ein Rückenleiden habe, ich aber gleichzeitig einer sehr anstrengenden körperlichen Tätigkeit nachgehe, dann kann ich vielleicht nicht arbeiten, ich kann aber trotzdem in der Sonne sitzen und ein Eis essen.

Rechtsanwalt Gloistein

Wichtig außerdem: Bei einer Krankschreibung darf der Arbeitgeber nur in dringenden und unaufschiebbaren Fällen den kranken Arbeitnehmer kontaktieren.

Was darf der Arbeitgeber?

Der Arbeitgeber darf Kollegen nach Hause schicken, wenn er sie für arbeitsunfähig hält. Die Firma muss aber das volle Gehalt zahlen, wenn der Mitarbeiter von einem Arzt trotzdem für arbeitsfähig erklärt wird. Eine Krankschreibung vom Arzt gilt rein rechtlich auch nicht als Arbeitsverbot. Man darf also schon vor dem Ende einer Krankschreibung wieder arbeiten. Die wird von Juristen als Prognose des Arztes angesehen, wie lange eine Krankheit wahrscheinlich dauern wird. Gesundschreiben lassen muss man sich also auch nicht. Der Versicherungsschutz erlischt übrigens auch nicht, wenn man vorzeitig wieder am Arbeitsplatz ist.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP Feierabendshow | 20. November 2018 | 14:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 20. November 2018, 14:39 Uhr

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