Aggressive Fußballeltern
Bildrechte: Panthermedia

Fußball | Kinder- und Jugendfußball Aggressive Eltern und mehr Druck für die Kids

Kinder- und Jugendfußball: Da geht es längst nicht mehr nur um den Spaß am Spiel. Die Aggressivität hat zugenommen. Warum ist das so? Der MDR hat sich einmal umgehört. Beim DFB läuten schon die Alarmglocken.

von Christian Kerber und Steffen Reichert

Aggressive Fußballeltern
Bildrechte: Panthermedia

Tennis-Eltern, Helikopter-Eltern - nicht immer ist das Elterndasein positiv besetzt. Seit neuestem scheint ein Typus dazu gekommen zu sein: Fußball-Eltern, die sich daneben benehmen. Da werden Argumente gegen Schiedsrichter oder Gegner nicht mehr nur verbal ausgetauscht. Sondern auch körperlich. Warum ist das so?

Hertzsch: "Früher war es viel entspannter"

Ingo Hertzsch
Ingo Hertzsch Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Hau ihn um!" "Du blinde Sau!" - so heißt es regelmäßig auf Deutschlands Fußballplätzen. Eine gewisse Grundaggressivität ist da schon auszumachen. Die Väter der E-Jugend von Lipsia Eutritzsch versuchen das zu erklären: "Übersteigerter Ehrgeiz, Frust im Alltag, zuhause läuft es nicht - da staut sich vielleicht etwas an", sagen zwei, die ihren jungen Söhnen beim Training zuschauen, "Ich hab auch schon eine Ankündigung von Prügelstrafen für einen Schiedsrichter gehört." Ein Papa berichtet, wie sein Kleiner nach einigen Toren mit "Haut den Blonden um, der kann nix" beschimpft wurde. Einer der Trainingskiebitze ist ein waschechter Nationalspieler: Ingo Hertzsch trug zweimal das Trikot der DFB-Elf, auch sein Sohn ist im Leipziger Nordosten aktiv. Der 40-Jährige findet: "Es war früher viel entspanner, die Eltern haben zwar auch angefeuert, aber es war nie aggressiv."

Vater tröstet weinenden Sohn beim Fußball
Bildrechte: IMAGO

Uni-Psychologin: Druck im Fußball besonders hoch

Die renommierte Sportpsychologin Professor Dorothee Alfermann (Uni Leipzig) sieht eine Sonderrolle des Fußballs: Die Kommerzialisierung verspricht, wie früher für Tennis-Eltern, enorme Einkommenssprünge. Das Kind als Fußballstar - das Kind als Lotto-Gewinn - das Kind sichert nicht nur die Rente, sondern bringt Luxus pur. Instagram-Accounts der Weltstars wie Ronaldo oder Neymar geben echte Einblicke in ein Bling-Bling-Leben. Trainingsschweiß ist auf solchen Accounts nicht ganz so angesagt. "Bei einer Studie habe ich wahrgenommen, dass der Druck bei den Fußballkindern höher ist als der bei Kindern anderer Sportarten", meint Prof. Alfermann. Das zeige, wie bedeutsam der Fußball sei.

Professor Dorothee Alfermann
Prof. Dorothee Alfermann, Sportpsychologin an der Uni Leipzig Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Zudem: "Jeder glaubt, er versteht etwas davon, ein Kollege hat behauptet, man könne 25 Stunden am Tag Fußball schauen. Jeder glaubt, er kann da mitreden. Da fällt es manchen Eltern sehr schwer, sich da zurückzuhalten." Ganz wichtig sei da ein Trainer, der als Vorbild auftritt. Grundsätzlich ist sie für eine Art Elternabend zweimal in der Saison, der die Spielregeln noch einmal vor Augen ruft.

Ehrenkodex beim CFC

Der Chemnitzer Jugendtrainer Robin Müller
Der Chemnitzer Jugendtrainer Robin Müller Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Auch in der U9 des Chemnitzer FC hat man einen größeren Druck auf die Kinder wahrgenommen. Trainer Robin Müller: Man spürt schon übertriebenen Ehrgeiz bei dem einen oder anderen, auch, dass es sich auf die Leistung der Kinder überträgt und diese vor großem Druck stehen." Das Jugendleistungszentrum des FC hat einen Ehrenkodex, was das Verhalten angeht. Ingo Hertzsch gibt zu bedenken: "Es kann sein, dass einige Eltern in ihrem Sohnemann den nächsten Bundesliga-Star sehen und da alles reinlegen, aber damit tut man dem Kleinen keinen Gefallen. Es ist noch keiner in die Bundesliga gekommen, weil das die Eltern unbedingt wollten."

Kinder auf einem Fußballplatz
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

DFB plant Aktionstag

Dass es mittlerweile ein Problem gibt, hat auch der Deutsche Fußball-Bund erkannt. Sachsens Fußballchef Hermann Winkler findet: "Natürlich ist die Arena ein Spiegelbild der Gesellschaft, und ich habe den Eindruck, viele Eltern drehen auch frei." Im Herbst will der DFB einen Aktionstag veranstalten, der zum Fairplay aufruft. Das Szenario beschreibt Hermann Winkler: "F-Jugend-Kicker sollen vor dem Anpfiff mit einem Flyer zu den eigenen Eltern gehen." Auf dem Flyer soll dann sinngemäß so etwas stehen wie: "Lasst uns Fußball spielen! Haltet bitte die Klappe! Lasst den Schiri in Ruhe!". Vielleicht wieder eine gewisse verbale Grundaggressivität. Aber dieses Mal wenigstens eine relativ konstruktive ...

Hermann Winkler (Präsident Fußballverband Sachsen) und Reinhard Grindel (DFB-Präsident)
DFB-Präsident Reinhard Grindel (li.) und Sachsens Fußballchef Hermann Winkler Bildrechte: IMAGO

Dieses Thema im Programm MDR FERNSEHEN | Sport im Osten | 24. März 2018 | 16:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. März 2018, 21:07 Uhr

Aktuelle Themen von MDR JUMP