Symbolfoto. Ein Arzt erklärt einem Patienten etwas auf einem Tablet.
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Todesurteil per Mausklick? Computer berechnen die Lebenserwartung von Kranken

Lohnt es sich, einen kranken Menschen mit teuren Medikamenten und Maschinen noch am Leben zu halten? Das können intelligente Computerprogramme aus den USA berechnen und damit dem Gesundheitssystem Milliarden sparen. Wir haben mit Experten gesprochen, ob so etwas auch in Deutschland denkbar ist.

Symbolfoto. Ein Arzt erklärt einem Patienten etwas auf einem Tablet.
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Es klingt erst einmal sehr gruselig, was der Geschäftsführer von „Aspire Health“ verspricht: „Wir können sagen, welche Patienten in einer Woche, sechs Wochen oder einem Jahr sterben“. Das von Google mitfinanzierte Start-Up wertet ärztliche Diagnosen von vielen Patienten aus, die an bestimmten Krankheiten leiden. In diesen Daten wird nach immer wieder vorkommenden Mustern gesucht. Anhand der Ergebnisse kann der Computer dann für einen Patienten vorhersagen, wie dessen Krankheit wahrscheinlich verlaufen wird. Dazu sagte MDR JUMP der Soziologe Prof. Dr. Stefan Selke von der Hochschule Furtwangen:

Prof. Dr. Stefan Selke von der Hochschule Furtwangen
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Dann kann man das kombinieren mit wirtschaftlichen Aspekten: Also lohnt sich eine Behandlung noch? Und da geht es im Gesundheitswesen auch hin, um eben Geld zu sparen.

Mit der Computervorhersage will das US-Unternehmen die Kosten für die Krankenkassen senken. Die sparen mit Hilfe der Vorhersagen teure Untersuchungen oder auch Medikamente, wenn sie zu wissen glauben, dass ein Patient ohnehin bald stirbt.

Zu Hause pflegen ist günstiger für die Kassen

In den USA wird um die Kosten für schwer kranke Patienten schon heftig diskutiert. Aktuell wird ein Viertel des jährlichen Budgets der amerikanischen Krankenversicherung Medicare für die Behandlung von Patienten in ihrem letzten Lebensjahr verwendet. Das sind geschätzt 150 Milliarden Dollar. Hier verspricht das Start-Up Einsparungen von bis zu 40 Prozent, wenn ihre Vorhersagen genutzt werden. Bei der Diskussion geht es aber nicht nur um die Kosten sondern auch um die Frage: Erspart man Schwerkranken unnötige Behandlungen im Krankenhaus oder investiert man eher in eine Pflege und das Lindern von Schmerzen zu Hause? Laut Washington Post arbeiten bereits einige Städte und Gemeinden mit „Aspire Health“ zusammen. Diese Kommunen wollen nach eigener Aussage Patienten ohne große Chancen ein Sterben zu Hause im Kreis der Familie ermöglichen und gleichzeitig den Steuerzahler entlasten.

Was, wenn die Software sich täuscht?

Schon jetzt werden auch in Deutschland Computeralgorithmen eingesetzt, um Vorhersagen über den Tod zu treffen. Das machen etwa Lebensversicherungen. Auch auf Krebsstationen wird auf den Rat einer Software gesetzt. Dazu sagt der Onkologe Professor Wolfgang Hiddemann vom Münchner Klinikum Großhadern:

Das sind aber Algorithmen, die von uns selbst entwickelt worden sind und bei den ganz klar ist, auf welcher Grundlage das passiert.

Dagegen legen Unternehmen wie „Aspire Health“ ihre Software nicht offen. Damit wird die Entscheidung über Leben und Tod aus Sicht von Kritikern an ein Unternehmen ausgelagert, deren Arbeitsweise und Struktur nicht bekannt sind. Aus Sicht von Kritikern werden für die Einschätzung zudem wichtige Faktoren nicht berücksichtigt. Wie etwa der Überlebenswille eines Patienten. Soziologe Selke sieht im Gespräch mit MDR JUMP noch ein weiteres Problem:

Verändern sich mit solchen Programmen die Entscheidungen im Gesundheitssystem? Und können dann irgendwann Patienten oder Angehörige Ärzte verklagen, die sich nicht auf eine Software sondern auf ihr Wissen und ihre Intuition verlassen?

Der Soziologe warnt zudem davor, in Bereichen wie der Medizin allein auf Effizienz zu setzen. Dann würde bei wichtigen Entscheidungen über die Behandlung von Patienten die Menschenwürde nicht mehr ausreichend berücksichtigt. Als Mensch machten ihm solche Programme Angst. Als Forscher glaubt er, dass man über den Einsatz von Computern in der Medizin zumindest diskutieren könne. Aber es müsse rote Linien geben, die auch durch Technik nicht verändert werden sollten.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP | MDR JUMP am Abend - Die Themen des Tages | 14. Dezember 2017 | 19:50 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. Dezember 2017, 14:00 Uhr