Klimafreundliche Energiegewinnung Wie Sachsen-Anhalt die Wasserstoff-Revolution plant

Im Hippie-Musical "Hair" kündigen tanzende Blumenkinder das Zeitalter eines neuen Sternbildes an, das des Wassermanns. Es ist ein Zeitalter der Liebe, wie es heißt, des Lichts und der Menschlichkeit. Das ist natürlich New Age Romantik. Inzwischen ist jedoch vom Zeitalter des Wasserstoffs die Rede. Und auch Sachsen-Anhalt könnte in der Wasserstoffwirtschaft bald eine wichtige Rolle spielen. Teil 2 der Reihe zu grünem Wasserstoff in Sachsen-Anhalt.

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Bildrechte: Uli Wittstock/Matthias Piekacz

von Uli Wittstock, MDR SACHSEN-ANHALT

Eine Grafik mit dem Chemiepark Bitterfeld-Wolfen, dem chemischen Zeichen für Wasserstoff und der Flagge Sachsen-Anhalts.
Die Chemiestandorte in Sachsen-Anhalt hoffen, von der Wasserstoff-Revolution zu profitieren. Bildrechte: MDR/IMAGO/Steffen Schellhorn

Als am 25. Mai 1916 der Grundstein für das BASF-Ammoniakwerk in Leuna gelegt wurde, war klar, dass es sich um eine kriegswichtige Ansiedlung handelte, außerhalb der Reichweite damaliger französischer Flieger. Die Vorsicht hatte zwei Gründe, denn Ammoniak ist ein wichtiger Grundstoff – zur Herstellung von Kunstdünger ebenso geeignet wie zur Herstellung von Sprengstoff.

Mit dem Ammoniak kam aber auch der Wasserstoff nach Mitteldeutschland. Denn um Ammoniak zu erzeugen, braucht man Wasserstoff. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Seit mehr als einhundert Jahren wird also in Sachsen-Anhalts Chemiedreieck Wasserstoff im industriellen Maßstab hergestellt.

Vielseitig einsetzbar

Wirklich neu ist die Nutzung von Wasserstoff also nicht, das räumt auch Dominik Härle ein. "Geschäftsfeld chemische Umsetzungsprozesse" steht auf seiner Visitenkarte, darunter "Fraunhofer-Institut für Mikrostruktur von Werkstoffen und Systemen IMWS Halle". Dominik Härle beschäftigt sich seit zehn Jahren mit dem Thema und ist sicherlich kein Wasserstoff-Hippie oder New Age Anhänger. Aber um ein neues Zeitalter geht es ihm schon: "Wasserstoff hat sehr viele Anwendungen. Man kann mit ihm Strom erzeugen, Motoren antreiben, er wird in der Industrie gebraucht, oder man kann synthetische Kraftstoffe daraus herstellen."

Und es gibt einen weiteren Vorteil. Denn um Wasserstoff zu erzeugen, muss man nicht Rohstoffe unter Tage abbauen, man braucht auch keine Wälder abzuholzen und bei richtiger Technologie gibt es auch keine Abfallprobleme. Alles, was man zur Wasserstofferzeugung braucht, sind Wasser und Strom sowie eine relativ einfache Apparatur, Chemiker sprechen von einer Elektrolyse . Mit Hilfe von Strom wird dabei Wasser in seine Bestandteile aufgespalten, nämlich in Wasserstoff und Sauerstoff.

Dominik Härle, Fraunhofer-Institut für Mikrostruktur von Werkstoffen und Systemen IMWS Halle
Dominik Härle beschäftigt sich seit zehn Jahren mit dem Thema Wasserstoff. Bildrechte: MDR/ Uli Wittstock

Chemieindustrie und Stromversorgung sollen profitieren

Wasserstoff ist eigentlich ein farbloses Gas. Doch in der aktuellen Debatte um Klimaschutz und CO2-Reduktion gibt es nun den Wasserstoff in zweierlei Gestalt – einmal als graue und einmal als grüne Variante. Grauer Wasserstoff steht für die bisherige Form der Wasserstoff-Erzeugung, zum Beispiel unter Einsatz von Erdgas. Diese Form der Herstellung ist also nicht CO2-neutral.

Ganz im Gegensatz zum grünen Wasserstoff, der wird nämlich mit regenerativer Energie erzeugt. Und genau um letzteres geht es Dominik Härtel. "Wenn wir die wirtschaftliche Zukunft unserer Region sichern wollen, vor allem die der chemischen Industrie, dann müssen wir über Stoffkreisläufe und Klimaschutz nachdenken. Und da spielt Wasserstoff aus regenerativen Energien eine wichtige Rolle."

Das ist aber keine Erkenntnis, die sich erst mit Fridays for Future durchsetzte, denn bereits im Jahr 2013 gründete sich HYPOS, ein Verein, der die grüne Wasserstoff-Revolution im Chemiedreieck voran bringen will. Ziel ist es, mit Ökostrom so viel Wasserstoff herzustellen und zu speichern, dass damit nicht nur die Chemieindustrie versorgt wird, sondern auch Teile der Stromerzeugung oder des Verkehrs auf grünen Wasserstoff umgestellt werden können. Damit würde dann wohl das Zeitalter des Wasserstoffs eingeleitet werden.

Umbau der ganzen Region steht bevor

Die Umsetzung ist allerdings nicht allzu einfach, wie der Blick auf die Mitgliederliste zeigt. Neben Chemieparks und Firmen wie Siemens oder Mannesmann sind so ziemlich alle ostdeutschen Universitäten von Rostock bis Freiberg beteiligt, zudem zahlreiche Forschungseinrichtungen. Der Umbau einer ganzen Region von einer öl- und kohlebasierten Wirtschaft hin zu einer grünen Wasserstoff-Ökonomie ist durchaus ambitioniert.

Dabei geht es nicht nur technische Fragen. Wie wird Wasserstoff transportiert und gespeichert? Welchen Einfluss hat die Technologie auf die Stromkosten und welche Anforderungen stellt die Industrie? Sachsen-Anhalt soll zu einer Testregion werden, um Lösungen zu finden. Und das Interesse ist groß: Nachdem die Bunderegierung im Dezember letzten Jahres eine CO2-Steuer auf den Weg gebracht hat, ist die Industrie nun gefordert, die Kohlendioxid-Emission zu senken. An den Börsen werden Wasserstoffaktien heiß gehandelt, während die Ölpreise sinken.

Deutsche Wasserstoff-Strategie lässt auf sich warten

Eigentlich sollte passend dazu schon eine Wasserstoff-Strategie der Bundesregierung verabschiedet sein, doch die lässt auf sich warten. Stattdessen hat der mächtige Bundesverband der Industrie (BDI) seinerseits Forderungen zur Wasserstoffwirtschaft veröffentlicht. Auf zwanzig Seiten werden dort die notwendigen Maßnahmen erläutert. Schon in der Einführung wird deutlich, dass Wasserstoff längst kein spinnertes Hippie-Thema mehr ist.

"Der aktuelle Wasserstoff-Hype hat seine Berechtigung. Denn Wasserstoff bietet eine Chance, die Klimaschutzziele beim gleichzeitigen Erhalt der industriellen Wertschöpfung in Deutschland und der EU zu erreichen", heißt es in dem Forderungskatalog. Und weiter: "Wasserstoff kann die Zukunft der energieintensiven Branchen wie der Stahl- und der Chemieindustrie in Deutschland sichern und eine nachhaltige Transformation im Transport- sowie im Wärmesektor unterstützen. Zugleich eröffnen Wasserstofftechnologien neue Exportmöglichkeiten für die deutsche Industrie."

Gute Voraussetzungen für Wasserstoff-Revolution

Die Chemiestandorte in Mitteldeutschland sind bereits jetzt mit einer 200 Kilometer langen Wasserstoffleitung verbunden und die erneuerbaren Energien kommen in Sachsen-Anhalt inzwischen auf einen Anteil von 60 Prozent. Das sind sehr gute Voraussetzungen, um die Wasserstoff-Revolution hier zu erproben. Diese Chancen sieht auch Dominik Härle vom Fraunhofer-Institut IMWS in Halle: " Wir werden hier in den nächsten Jahren viele Projekte umsetzen, die beispielhaft sind und sicherlich weitere Investitionen nach sich ziehen werden. Damit steigt die Attraktivität der Region, auch für Neuansiedlungen."

So wird zum Beispiel in Bad Lauchstädt der weltweit erste Wasserstoffspeicher unter Tage entstehen. Im Chemiepark Bitterfeld-Wolfen gibt eine sogenanntes Wasserstoff-Dorf. Hier wird getestet, unter welchen Bedingungen Wasserstoff als Hausanschluss genutzt werden kann, um zum Beispiel Brennstoffzellen zu betreiben.

Und im Chemiepark Leuna entsteht eine Anlage zur grünen Wasserstofferzeugung im industriellen Maßstab. Nachdem Sachsen-Anhalt seinerzeit mit der Idee des Solar Valley einen wirtschaftlichen Schiffbruch erlitten hat, könnte es nun mit dem Wasserstoff klappen. Denn anders als bei der Solarzellenproduktion kann man die Wasserstoffkreisläufe nicht einfach abbauen, nach Asien transportieren und dort kostengünstiger weiter betreiben.

Der Motor H2 Di Zero wird mit Wasserstoff betrieben. 1 min
Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

Fr 14.02.2020 10:27Uhr 00:57 min

https://www.mdr.de/sachsen-anhalt/halle/saalekreis/video-wasserstoff-sachsen-anhalt-motor-forschung-wtz-rosslau100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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Portrait-Bild von Uli Wittstock
Bildrechte: Uli Wittstock/Matthias Piekacz

Über den Autor Geboren ist Uli Wittstock 1962 in Lutherstadt Wittenberg, aufgewachsen in Magdeburg. Nach dem Abitur hat er einen dreijährigen Ausflug ins Herz des Proletariats unternommen: Arbeit als Stahlschmelzer im VEB Schwermaschinenbaukombinat Ernst Thälmann. Anschließend studierte er evangelische Theologie. Nach der Wende hat er sich dem Journalismus zugewendet und ist seit 1992 beim MDR-Hörfunk. 2016 erschien sein Roman "Weißes Rauschen oder die sieben Tage von Bardorf" im Mitteldeutschen Verlag Halle.

Quelle: MDR/olei

Dieses Thema im Programm MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 16. Februar 2020 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. Februar 2020, 14:34 Uhr