12.06.2019 | 17:00 Uhr Einzelfall - Flächenbrand? Rassismus und Demokratiefeindlichkeit an Sachsens Schulen

MDR SACHSEN hat über einen Workshop gegen Rassismus an einer Schule im Erzgebirge berichtet. Die 74-jährige Referentin und vielfach ausgezeichnete Aktivistin Irmela Mensah-Schramm hatte dort nach eigenen Angaben "definitiv den Gipfel" erlebt - Schüler malten Hakenkreuze und SS-Runen, empfahlen ihr "ins KZ" zu gehen und "die Gaskammer anzumachen". Forscher der TU Dresden kennen etliche, ähnlicher Vorfälle aus Sachsen. Die Lehrer scheinen vielfach desinteressiert, überfordert oder eingeschüchtert.

von Tobias Wilke

Auf einem großen Tisch liegen viele beschriebene Notizzettel. Lehrer haben darauf rassitsische Vorfälle und Äußerungen geschrieben, die sie im Unterricht erlebt haben. Die TU wertet das Projekt "Starke  Lehrer - Starke Schüler" wissenschaftlich aus.
Rassismus in Sachsens Schulen ein Einzelfall? Lehrer haben bei einem Workshop auf Notizzettel geschrieben, was ihnen im Schulalltag begegnet: Hitlergrüße, Runenschrift, Beleidigungen, rassistische Sprüche gegen andere Schüler. Bildrechte: MDR

Nach dem Vorfall hatte MDR SACHSEN Irmela Mensah-Schramm in ihrer Berliner Wohnung besucht. In den vergangenen 17 Jahren habe sie bundesweit etliche Workshops an Schulen geleitet, "überall, außer im Saarland". Ihre Aufgabe an die Schüler: menschenfeindliche Sprüche und Schmierereien abändern, damit etwas "Freundliches" daraus wird, aus Hakenkreuzen werden somit beispielsweise Strichmännchen, die Blumen verschenken.

Mauer des Schweigens

Irmela Mensah-Schramm und MDR SACHSEN hatten sich darauf geeinigt, die Schule nicht konkret zu benennen – wegen des besonderen Schutzes Minderjähriger bei der Berichterstattung und um jene Schüler nicht "in Sippenhaft" zu nehmen, die genauso erschrocken waren wie Irmela Mensah-Schramm über das Gebaren einiger Schüler. Ein weiterer Grund: Ob der Vorfall tatsächlich "einzigartig" war, daran gab es doch erhebliche Zweifel. Nicht zuletzt wegen des offenbar fehlenden Krisenmanagements der betroffenen Schule und ihrer dringenden Bitte an Mensah-Schramm, nicht über den Vorfall zu berichten. Tatsächlich wurde MDR SACHSEN von Dritten über diesen Vorfall informiert und hatte Mensah-Schramm daraufhin kontaktiert.

Seitdem hat die Berlinerin nach eigenen Angaben nie etwas von der Schule, dem zuständigen Regionalschulamt oder dem Kultusministerium Sachsen gehört. "Mich würde interessieren, wie die Schulverwaltung in Sachsen reagiert", sagt Irmela Mensah-Schramm im Gespräch mit MDR SACHSEN. "Aber die Schule wollte ja nicht, dass es öffentlich wird und die Tendenz ist ja, wenn derartige Sachen auftreten, dass man es unter den Teppich kehrt."

Alarmsirenen im Kultusministerium?

Sachsens Kultusminister Christian Piwarz in seinem Büro.
Sachsens Kultusminister Christian Piwarz Bildrechte: MDR

Tatsächlich hatte der zuständige Kultusminister Christan Piwarz (CDU) erst durch die Recherchen von MDR SACHSEN von dem "denkwürdigen" Workshop im Erzgebirge erfahren. Mittlerweile habe er mit der Schulleitung vor Ort darüber gesprochen, nachdem sein Ministerium die entsprechende Schule selbst ausfindig gemacht hatte, möchte sich aber zu dem konkreten Fall nicht äußern.

Piwarz erklärt sich sofort einverstanden, darüber zu sprechen, was Schule überhaupt leisten kann, wenn demokratiefeindliche Einstellungen aus dem Elternhaus im schulischen Bereich wiederholt werden: "Diese jungen Leute kommen ja auch irgendwo her. Sie haben Eltern und Freundeskreise, wo wir sagen – als Schule kann man eine ganze Menge machen. Aber einen fehlenden, demokratischen Diskurs in den Elternhäusern können auch wir nur sehr bedingt ersetzen."

Politische Bildung als "Impfschutz"

Kultusminister Piwarz hatte wiederholt erklärt, die politische Bildung an Schulen in Sachsen stärken zu wollen. Ein Bereich, der in der Vergangenheit eher stiefmütterlich behandelt worden war. Nach einer Untersuchung des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestags von 2016 war Sachsen in der Vergangenheit das Bundesland, in dem für die Politische Bildung besonders relevante Fächer am stärksten vernachlässigt worden waren - offenbar zugunsten der sogenannten "MINT"-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik), die für Bildungsvergleichstests besonders wichtig sind, in denen aber Kompetenzen in Politik oder Geschichte keine Rolle spielen.

AfD fürchtet sich vor Fokus auf politische Bildung

Von solchen Statistiken hält Piwarz nach eigenen Angaben wenig, verwehrt sich aber gegen eine Pressemitteilung der AfD-Fraktion Sachsen. Darin hatte die schulpolitische Sprecherin Karin Wilke ihm genau diesen, künftig stärkeren Fokus auf politische Bildung zum Vorwurf gemacht: "CDU will Staatsbürgerkunde 2.0 einführen", hieß es in der Mitteilung. Im Erläuterungstext schreibt die AfD: "Politische Umerziehung und Agitation gehören nicht in den Lehrplan. Das, was Piwarz aber machen will, ist offenbar nichts weiter als ein weiterer Baustein, um die politische Gehirnwäsche an unseren Kindern voranzutreiben. Zu DDR-Zeiten nannte man die politische Agitation: Staatsbürgerkundeunterricht."

Piwarz: Bilden junge Leute aus, sich in Gesellschaft zurecht zu finden

Dazu sagte Kultusminister Christian Piwarz im Interview mit MDR SACHSEN: "Wer solche Forderungen stellt, der hat Schule, der hat Bildung nicht verstanden. Wir bilden junge Menschen dafür aus, sich Wissen anzueignen und damit umzugehen. Aber natürlich bilden wir auch aus, dass junge Leute später als junge Erwachsene fähig sind, sich in der Gesellschaft zurecht zu finden und ein aktiver Teil dieser Gesellschaft zu sein."
Das Büro von Kultusminister Piwarz empfiehlt für die weitere Recherche zum Thema "Politische Bildung in Sachsens Schulen" explizit ein Forscherteam an der Technischen Universität Dresden.

Projekt "Starke Lehrer - Starke Schüler"

Die Professorin für Didaktik und politische Bildung an der TU Dresden, Prof. Dr. Anja Besand.
Bildrechte: MDR

Als MDR SACHSEN zum Interviewtermin mit Prof. Anja Besand und ihren Mitarbeitern am Institut für Didaktik in der Politischen Bildung an der TU Dresden kommt, sortieren diese gerade bunte DIN-A4-Blätter. Darauf sind mit Filzstift notiert in verschiedenen Handschriften zu lesen: "Schüler meldet sich im Unterricht ständig mit Hitlergruß" oder "Für Deine Hautfarbe gibt es eine sechs!". Besand bildet angehende Lehrer in Sachsen aus, mit dem Projekt "Starke Lehrer - Starke Schüler". Sie betreut mit ihrem Team aber auch jene Lehrkräfte, die lange im Berufsleben stehen. Besand sagt: Rassismus und Demokratiefeindlichkeit sind für beide Zielgruppen eine Aufgabe. In den letzten drei Jahren haben die Wissenschaftler den Eindruck, dass es an den Schulen, in die sie Einblick haben, erhebliche Schwierigkeiten im Umgang mit antidemokratischem Verhalten gibt.

Im ausführlichen Interview erklären die TU-Forscher, welche Herausforderungen das sind, welche Rolle Eltern zu Hause spielen und was Schule tun kann für mehr Demokratie:

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR sACHSENSPIEGEL | 12.06.2019 | 19:00 Uhr

AKTUELLES AUS SACHSEN

Eine Niederlassung von Thomas Cook im Zentrum von London.
Bildrechte: imago images/ZUMA Press