Die Spieler des SC Magdeburg nach Abpfiff
Der SC Magdeburg ist aktuell nicht zu stoppen. Bildrechte: IMAGO

Handball-Bundesliga Perfekter Saisonstart: SC Magdeburg lebt seinen Traum

Der SC Magdeburg hat den perfekten Saisonstart hingelegt. In den ersten fünf Bundesligaspielen gab es fünf Siege. Nach dem Erfolg gegen Kiel ist die Euphorie groß – und Träume beginnen zu wachsen.

von Oliver Leiste, MDR SACHSEN-ANHALT

Die Spieler des SC Magdeburg nach Abpfiff
Der SC Magdeburg ist aktuell nicht zu stoppen. Bildrechte: IMAGO

Michael Biegler war außer sich. "Seht zu, dass ihr zurückkommt", schrie der Trainer vom SC DHfK Leipzig seine Spieler in einer Auszeit gegen Magdeburg an. "Sonst kriegt ihr hier richtig den Arsch voll." Zwei Tage später formulierte es Wetzlars Trainer Kay Wandschneider etwas diplomatischer. Der Tenor war aber der gleiche. "Beeilt euch gefälligst zurück." Und auch Daniel Fontaine vom Bergischen HC analysierte nach der Niederlage beim SCM, dass er und seine Mitspieler eben nicht in jeder Situation hinterhergekommen seien.

Dass Kiels Trainer Alfred Gislason nach der Niederlage in Magdeburg am Donnerstagabend zumindest vor dem MDR-Mikrofon zunächst gar nichts sagen wollte, sprach Bände. Phasenweise wurde seine Mannschaft vom SCM in der zweiten Halbzeit vorgeführt und lag zwischendurch mit acht Toren zurück. Am Ende sorgten seine Spieler zumindest für etwas Ergebniskosmetik und hielten die Niederlage mit 30:35 noch einigermaßen im Rahmen.

Mannschaft der Stunde

Der SC Magdeburg hat den perfekten Saisonstart in der Handball-Bundesliga hingelegt. Nach fünf Spielen stehen fünf Siege zu Buche. Wobei auch Meister Flensburg bislang noch keinen Punkt abgegeben hat. Doch der Tempo-Handball des SCM, er sorgt in dieser frühen Phase der Saison für Aufsehen. Möglich wurde das, weil die Mannschaft die Philosophie von Trainer Bennet Wiegert immer besser umsetzt. Torwart, Abwehr, Tempospiel heißen die Zauberworte.

Torleute

Jannick Green und Dario Quenstedt bildeten schon in der Vergangenheit eines der stärksten Torhüter-Duos in der Handball-Bundesliga. In den ersten Saisonspielen kamen sie auf eine Abwehrquote von 35 Prozent – ein starker Wert. Weil Quenstedt angeschlagen in die Saison ging, war dafür vor allem Green verantwortlich. 55 Paraden zeigte der Däne bisher, so viele wie kein anderer in der Bundesliga. Damit avancierte er zum großen Rückhalt. Dabei profitierte er aber auch von der starken Abwehrarbeit seiner Mitspieler, die ihre Gegner oft genug zwingen, aus wenig aussichtsreichen Positionen abzuschließen.

Abwehr

Obwohl sich der SC Magdeburg als Abwehrmannschaft versteht, kassierte er in der vergangenen Saison deutlich mehr Gegentore als die anderen Spitzenteams. Das lag zum Teil an der dynamischen Spielweise, analysierte Kapitän Christian O’Sullivan vor Saisonbeginn. Zum Teil lag es – vor allem in der Hinrunde des Vorjahres – aber auch daran, dass die Abwehr nicht eingespielt war. Das hat sich mittlerweile spürbar gebessert. Weil mit Albin Lagergren nur ein Neuzugang in der Abwehr integriert werden musste, passt die Abstimmung diesmal. Die Defensive ist eingespielt und deshalb nur schwer zu überwinden. Als Beleg dafür dienen die Zeitspiele, die den SCM-Gegnern häufig angezeigt werden. Die Angreifer finden oft lange keine Lücke und müssen dann hektisch abschließen – nicht selten erfolglos.

Zeitspiel Dauert ein Angriffsspielzug zu lange, heben die Schiedsrichter den Arm, um Zeitspiel anzuzeigen. Ab da hat das Offensivteam nur noch sechs Pässe Zeit, bevor es zum Torabschluss kommen muss. Diese Regel wurde erst vor wenigen Jahren eingeführt. Zuvor konnte der Schiedsrichter frei entscheiden, wann er ein Zeitspiel abpfeift.

Trainer Bennet Wiegert hat die Entwicklung seines Teams wohlwollend registriert: "Wir sollten natürlich auch immer besser werden, sonst würden wir etwas verkehrt machen. Ich möchte immer eine Entwicklung bei dieser Mannschaft sehen." Noch funktioniert es aber nicht immer perfekt. So hatte der SCM gegen Wetzlar und Kiel anfangs durchaus Probleme, den Spielfluss der Gegner zu unterbinden. In diesen Phasen war es auch für Torhüter Green schwierig. Doch bisher hat es die Mannschaft immer geschafft, sich schnell zu sortieren. Davon profitierten dann auch die Schlussleute. Vor allem aber profitierte der Angriff. Denn wenn der SCM den Ball gewinnt, geht die Post ab.

Lukas Nilsson
Der Magdeburger Mittelblock um Piotr Chrapkowski (Nummer 3) und Zeljko Musa (2) ist nur schwer zu knacken. Bildrechte: imago/foto2press

Tempospiel

Das Tempospiel ist das Markenzeichen des SCM in dieser Saison. Und so wie die Grün-Roten aktuell vielleicht die Mannschaft der Stunde in der Bundesliga sind, ist Matthias Musche bisher womöglich der Spieler der Saison. Vor knapp zwei Wochen verlängerte der Linksaußen seinen Vertrag bis 2024. Seitdem trifft er fast, wie er will und führt die Torjägerliste der Bundesliga an. Keiner verkörpert das Magdeburger Spiel so sehr wie Musche.

Nach dem Sieg gegen Kiel analysierte Bennet Wiegert: "In der ersten Halbzeit waren wir noch nicht so richtig da. Dann waren wir besser im Spiel und hatten eine bessere Torhüterleistung, die enorm hilft, in die Tempogegenstöße zu kommen. Da hat man unsere Qualitäten gesehen, was das für eine Waffe sein kann." Eine sehr mächtige Waffe nämlich. Denn bei Ballgewinn schwärmen die Magdeburger Spieler sofort aus. Mit zwei, drei Pässen kommen sie in wenigen Sekunden vor das Tor des Gegners. Selbst wenn die Gegenspieler schnell zurückeilen, schaffen sie es meist nicht, sich zu sortieren, bevor Magdeburg zum Abschluss kommt. Bislang hat in dieser Saison noch keine Mannschaft dauerhaft ein Mittel gegen diese Spielweise gefunden.

Matthias Musche jubelt nach Torerfolg.
Matthias Musche verkörpert das SCM-Spiel derzeit wie kein Zweiter. Bildrechte: IMAGO

Meisterschaft bleibt ein Traum – zunächst  

Weil das so ist, träumt mancher in Magdeburg schon davon, dass in dieser Saison vielleicht mehr möglich ist als zwei Teilnahmen an Finalturnieren. Und vielleicht auch mehr als das erklärte Saisonziel, "nur" einen Titel zu gewinnen. Die Deutsche Meisterschaft ist das Sehnsuchtsziel der Magdeburger Fans. Und natürlich auch der Spieler und von Trainer Bennet Wiegert. Könnte dieser Traum nach 17 Jahren tatsächlich wieder wahr werden? Schließlich ist der SCM noch besser in die Saison gestartet als im Meisterjahr 2001.

Kiels Trainer Alfred Gislason, der mit Magdeburg einst die Meisterschaft und die Champions League gewann, sprach auf der Pressekonferenz dann doch noch. Er traue dem SCM durchaus zu, um diesen Titel mitzuspielen, erklärte er. Sein Gegenüber Bennet Wiegert bekam die Frage schon vorher gestellt. Er grinste nur und wiegelte ab. Sagte aber auch: "Die Frage nach der Meisterschaft ist ein gutes Gefühl und eine Wertschätzung unserer Arbeit. Dagegen möchte ich mich nicht wehren. Träume sind zum Träumen da. Wir leben gerade unseren Traum und wollen weiter Gas geben." Sicher ist: Solange der SCM Gas gibt, werden die Gegner oft hinterher rennen – und vielleicht haben sie dann tatsächlich auch am Saisonende das Nachsehen.

Alfred Gislason präsentiert den Zuschauern 2001 die Meisterschale
2001 gewann Alfred Gislason mit dem SC Magdeburg die Deutsche Meisterschaft. Bildrechte: IMAGO
Oliver Leiste
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Über den Autor Oliver Leiste arbeitet seit Anfang 2015 bei MDR SACHSEN-ANHALT - mit dem Schwerpunkt Sport. Dabei begleitet er den Halleschen FC, den 1. FC Magdeburg und den SC Magdeburg durch alle Höhen und Tiefen. Während seines Anglistikstudiums in Leipzig und auch danach war er für die Mitteldeutsche Zeitung in Halle und Radio Mephisto 97,6 am Ball. Als gebürtiger Bernburger hat er in Sachsen-Anhalt schon vieles gesehen - und noch lange nicht genug davon.

Quelle: MDR/olei

Dieses Thema im Programm MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 14. September 2018 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. September 2018, 14:40 Uhr