Eine Frau in einem Cafe schaut nachdenklich
Juliane Reffert beim Interview in einem Berliner Café. Bildrechte: MDR/Martin Pluntke

30 Jahre Mauerfall 9. November '89 und das Mädchen, das mit seiner Mutter Geschichte schrieb

Nicht in Berlin, sondern in Marieborn überqueren die ersten DDR-Bürger die Grenze am 9. November '89. Zum 30-jährigen Jubiläum blickt die damals 15-Jährige Juliane Reffert auf die Ereignisse zurück.

Olga Patlan im MDR Landesfunkhaus Magdeburg
Bildrechte: Gaby Conrad

von Olga Patlan, MDR SACHSEN-ANHALT

Eine Frau in einem Cafe schaut nachdenklich
Juliane Reffert beim Interview in einem Berliner Café. Bildrechte: MDR/Martin Pluntke

Juliane Reffert ist 15 als die Mauer geöffnet wird. An dem Abend als SED-Funktionär Günter Schabowski die neue Reiseregelung vorliest, zögern ihre Mutter und sie nicht lange und fahren mit ihrem Wartburg von Vogelsang an die Grenze in Marienborn, "um mal zu gucken, ob die Grenze wirklich offen ist". Was sie damals nicht wissen ist, dass sie die ersten DDR-Bürgerinnen sind, die an diesem historischen Abend die innerdeutsche Grenze passieren. 30 Jahre später blickt Juliane Reffert auf die Ereignisse zurück.

Den Mauerfall-Tag von Juliane Reffert miterleben

Den Mauerfall-Tag wie ihn Juliane Reffert damals erlebte, können Sie auf dem Instagram-Kanal von MDR SACHSEN-ANHALT live miterleben. Am 9. November 2019 genau 30 Jahre danach, wird der gesamte Tag aus der Sicht von Juliane erlebbar gemacht, ganz so als hätte sie damals Instagram gehabt.

MDR SACHSEN-ANHALT: Wenn Sie sich heute an diesen Tag erinnern, was ging Ihnen durch den Kopf als Sie und Ihre Mutter die Grenze passierten?

Juliane Reffert: Ich habe es ehrlicherweise mit 15 überhaupt nicht geblickt, was das bedeutete. Ich bin auch recht schnell ins Bett gegangen als wir wieder Zuhause waren. Ich war müde und der Tag war lang gewesen. Was alles in Berlin danach los war, habe ich ehrlicherweise gar nicht mehr mitbekommen.

Eine junge Frau mit Brille in den 80ern
Juliane Reffert im Jahr '89 Bildrechte: Juliane Reffert

Mein Ausruf "Los, lass uns das machen" (zur Grenze fahren), war nicht dem Ziel geschuldet, dass ich in den Westen wollte oder ich will durch den Eisernen Vorhang, sondern weil ich an die Grenze wollte. Ich fand Grenzen toll. Weil Grenze bis dato immer Urlaub, anderes Land, anderes Essen bedeuteten. Jedenfalls war es für mich damals kein historischer Moment.

Wir haben im Auto natürlich schon geschnattert, was das jetzt bedeutet. Ich habe mir gedacht, es ergeben sich ganz neue Möglichkeiten. Bei uns in der Familie war es allerdings sehr auf Reisen fixiert und weniger auf den Konsum.

Und was geht Ihnen mit dem Abstand von 30 Jahren durch den Kopf, wenn Sie an diesen 9. November denken?

Zum einen etwas ganz Praktisches: Ich verstehe heute nicht, warum da nicht schon 20 Leute vor uns waren. Wir waren ja eigentlich recht weit weg und da waren so viele Orte dazwischen, wo die Leute hätten einfach losfahren können.

Und das eher Reflektierte ist, dass ich wirklich wirklich froh bin, die Gnade der rechtzeitigen Geburt erfahren zu haben. Ich will es nicht missen in der DDR aufgewachsen zu sein, weil ich glaube, dass ich ein anderer Mensch geworden wäre. Bin aber auch froh, dass ich nicht erwachsen werden musste in der DDR, weil ich nicht weiß, wo das hin geführt hätte irgendwann.

Können Sie das etwas ausführen?

Weil ich glaube, dass ein Zusammenleben und eine Beziehung, egal welcher Art, nicht ohne Reibung funktionieren, dass sie destruktiv sind, wenn man sich nicht offen aneinander reiben kann, ohne dass man sein grundständiges Existenzrecht in Frage stellt. Und ein Staat, der beim Versuch seiner Bürger sich an ihm zu reiben, mit Restriktionen reagiert, da kann keine Kreativität, keine Innovation und kein Wachsen entstehen. Und deswegen bin ich froh, dass es vorbei ist und glaube nicht, dass das eine Gesellschaftsform ist, in der man dauerhaft zusammenleben kann.

Ihre Mutter hatte damals zu den Reportern gesagt, dass Sie ja sowieso kein Interesse hätte im Westen zu wohnen. Wissen Sie noch, warum Sie das gesagt hat?

Weil sie Angst hatte, dass das gesendet wird und ihr zersetzendes Verhalten vorgeworfen wird. Deshalb hatte sie gehofft, dass so ihr Grenzprovokationsverhalten etwas abgemildert wird. Hinterher hätte sie immer noch sagen können: "Ich war doch ein guter Botschafter für die DDR." Es war also eine Schutzbehauptung.

Ich glaube aber, dass meine Mutter auch nicht mit dem Gedanken gespielt hat, in den Westen abzuwandern, denn meine Eltern hatten ein Haus und gute Jobs. Und ich fand es in dem Augenblick auch gut, dass sie diesen Grenzübertritt nicht als Anlass nimmt, unser Leben in Frage zu stellen.

Journalisten und Grenzbeamte umringen am 09.11.1989 in Helmstedt (Niedersachsen) den Wartburg der Ärztin Annemarie Reffert, die als erste DDR Bürgerin die zuvor angekündigte Reisefreiheit testet und ungehindert über den Grenzübergang der A2 in Helmstedt fährt.
Juliane und ihre Mutter Annemarie Reffert nach dem Grenzübergang, als sie von Reportern überrascht wurden. Bildrechte: dpa

Haben sich denn für Sie die Sehnsüchte, die Sie damals hatten, erfüllt?

Ich war 15, daher können meine Eltern mehr dazu sagen. Ich wollte allerdings Schauspielerin werden, zum Interview haben Sie mich aus dem Krankenhaus* abgeholt. Ich bin also keine Schauspielerin geworden. Also haben sich diese Sehnsüchte nicht erfüllt. Ich sag mal so, als ich das erste Mal in Paris war, war ich erstmalig sauer auf diesen Staat, weil den anderen das die ganze Zeit auf dem Tisch lag und ich dann dachte: Das hätte ich nicht sehen dürfen!? Aber ansonsten haben die Sehnsüchte eines 15-jährigen Mädchens wenig mit gesellschaftspolitischen Staatsformen zu tun.

*Juliane Reffert ist Diplom-Psychologin und ist die Personaldirektorin am St. Joseph Krankenhaus in Berlin.

Was war denn sonst für Sie der größte Unterschied als Sie die BRD kennenlernten?

Erstmal eine Konsumüberforderung, weil es auf einmal so viel Angebot war, das Geld war allerdings nicht massig vorhanden. Und das eigentliche, war der Punkt, dass man irgendwann begriffen hat: Oh, ich muss ja gar nicht Krankenschwester werden. Also, dass diese sehr vorgefertigten Berufsbiographien im Osten nicht mehr gelebt werden musste. Mein Bruder und ich sind dann auch ziemlich schnell nach Berlin gegangen, `93 schon.

Und sehen Sie einen Unterschied zwischen Ost und West 30 Jahre später?

Ich glaube, dass es ihn objektiv sachlich nicht gibt. Vergessene Dörfer und abgehängte Regionen gibt es sowohl im Westen als auch im Osten. Ich bin ja von Hause aus Psychologin und ich glaube dass es einfach im Osten Verletzungen gegeben hat. Das ist ähnlich wie in einem Unternehmen, das umstrukturiert wird, und die Leute nicht mitgenommen werden und ihnen nicht gesagt wird, dass sie durch bittere Zeiten gehen müssen. Es hat etwas mit der Seele des Volkes gemacht.

Mein Vater hat in einem 6.000 Menschen-Betrieb gearbeitet, er hat 5.000 Leute nach der Wende kündigen müssen. Und natürlich hat es etwas mit den Menschen gemacht. Es bleiben Verletzungen, die an die Kinder weitergegeben werden. Das ist meines Erachtens ein psychologischer Effekt und empfundene Verletzungen sind manchmal viel prägender.

Und würden Sie als Psychologin eine Prognose wagen, wie lange dieser Unterschied noch bestehen wird?

Ich habe zwei Söhne, einen 18- und einen 10-Jährigen. Während der Ältere noch von Ost und West spricht, weil er zu einer Zeit groß geworden ist, als es bei den Eltern noch präsent war, gibt es das für den Jüngeren gar nicht mehr. Deshalb denke ich, dass es ab der Generation der 2010 Geborenen überhaupt kein Thema mehr sein wird. Also es wird sicherlich noch das Ost-West-Thema geben, genauso wie es auch das Nord-Süd-Thema immer geben wird, aber nicht im Zusammenhang mit der verletzten Seele des Ostvolkes.

Berühmter sind ja die Menschen, die in Berlin an dem Abend an der Grenze waren, wie finden Sie das?

Ich finde es schon doof, dass alle Welt immer nur nach Berlin schaut, dabei war Marienborn als erster dran. Weil ich es an sich viel spannender finde, dass es nicht Berlin war.

Ich find’s aber auch total cool, dass ich das erlebt habe und dass wir die Ersten waren. Natürlich finde ich das super in so einem Moment der Geschichte eine Rolle zu spielen, der jedes Jahr aufs gefeiert wird.

Quelle: MDR/pat

Dieses Thema im Programm MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 04. November 2019 | 08:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. November 2019, 13:06 Uhr