09.11.2019 | 05:00 Uhr Wendeherbst im Grenzgebiet: Gedenken in Plauen und Hof

Der Mauerfall 1989 sorgte im Grenzgebiet zwischen dem sächsischen Plauen und dem bayrischen Hof für große Umwälzungen. Nun planen die Partnerstädte eine Gedenkveranstaltung und hoffen auf mehr Anerkennung für ihre Rolle bei der Friedlichen Revolution. Doch auch an anderen Orten in Sachsen wird an den Fall der Mauer erinnert.

Die Bevölkerung von Plauen im Vogtland mit Transparenten bei Demonstration auf der Straße
Bildrechte: dpa

Mit einer Festveranstaltung will das vogtländische Plauen zusammen mit der bayrischen Partnerstadt Hof an den Fall der Mauer am 9. November 1989 erinnern. Die Ereignisse im Wendeherbst hätten Plauen und Hof hautnah berührt, erklärte Plauens Bürgermeister Ralf Oberdorfer. "Tausende Menschen überquerten bei uns nach der Öffnung die Grenze, die sehr nah zwischen uns lag." Zur Erinnerung finde deshalb am heutigen 30. Jahrestag des Mauerfalls ein Festabend unter der Überschrift "Herbst 1989 - Freiheit durch Bürgermut" in Plauen statt.

"Die Grenze war für die Region von Anfang an unnatürlich"

Erwartet werden Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer und Bundesinnenminister Horst Seehofer. Zudem seien ab 18.30 Uhr Zeitzeugen, Bürger und Politiker aus beiden Städten in das Plauener Vogtlandtheater eingeladen.

Nach Berlin sei der damals geöffnete Bereich zwischen Plauen und Hof der zweitwichtigste Abschnitt der 1.200 Kilometer langen deutsch-deutschen Grenze gewesen, an dem die Menschen in Massen zusammengefunden hätten, sagte Oberdorfer. Die beiden Städte trennen demnach nur 30 Kilometer. "Die Grenze war für die Region von Anfang an unnatürlich. Für viele ältere Einwohner waren Besuche in der jeweils anderen Stadt noch gut in Erinnerung", so Plauens OB. Auch deshalb habe sich im Plauener Raum früh Widerstand gegen das DDR-Regime geregt.

Bis zu 100.000 Menschen aus der DDR seien an manchen Tagen nach der Grenzöffnung ins bayerische Hof gekommen, ergänzte Harald Fichtner, Oberbürgermeister von Hof. "Noch heute steht unsere Stadt in Bayern als Synonym für die Grenzöffnung. Und noch heute kann uns die Energie von damals Kraft geben, um zusammenzuwachsen."

Plauen hofft auf eigenes Dokumentationszentrum

Nach der Festveranstaltung wollen die beiden Partnerstädte weitere Projekte verwirklichen, sagte Fichtner. Um auch die jüngere Generation einzubinden, sollen 100 Schüler aus Hof mit dem Symphonischen Blasorchester Hof und dem Philharmonischen Orchester des Theaters Plauen-Zwickau auf der Bühne stehen.

Noch immer werde die Rolle Plauens und der gesamten Region bei der Friedlichen Revolution gern vergessen, meinte Oberdorfer. Doch in der Stadt gingen noch vor den Massendemonstrationen in Leipzig bereits am 7. Oktober 1989 etwa 20.000 Menschen auf die Straße, woraufhin die Staatsmacht erstmals kapituliert habe. Um der eigenen Vorreiterrolle gerecht zu werden, hofft Plauen laut Oberdorfer auf ein neues, zentral gelegenes Dokumentationszentrum. "Im Moment arbeiten wir konkrete Vorschläge aus. Eine Dauerausstellung könnte auf unsere Sonderrolle aufmerksam machen."

"Bei meinem ersten Besuch im Westen..." - MDR SACHSEN-Hörer erinnern sich

Bildergalerie Bei meinem ersten Besuch im Westen ...

Wir haben die Sachsen gefragt, was sie bei ihrem ersten "West-Besuch" nach dem Mauerfall gemacht haben. Wo sind sie hingefahren? Was haben sie gekauft? Das sind ihre Geschichten.

Ein Walkman von Sony an einer Jeans
Ronny Hoffmann ... sind wir an der riesigen Schlange vor der Sparkasse vorbei gelaufen und zu einer Post-Filiale gegangen, wo niemand stand. Das Begrüßungsgeld war unser! Zu Weihnachten gab's davon den ersten Walkman. Bildrechte: dpa
Ein Walkman von Sony an einer Jeans
Ronny Hoffmann ... sind wir an der riesigen Schlange vor der Sparkasse vorbei gelaufen und zu einer Post-Filiale gegangen, wo niemand stand. Das Begrüßungsgeld war unser! Zu Weihnachten gab's davon den ersten Walkman. Bildrechte: dpa
Ein teller mit Apfelsinen, in die Nelken gespickt sind.
Luci Sonntag ... waren wir als Familie bei meinem Onkel zu Nikolaus. Da gab es einen Blechteller mit Weihnachtsmotiv und einer Orange neben anderem Süßkram. Mann war ich (7) glücklich. Bildrechte: colourbox.com
Barbie-Puppen
Jane Fritz ... waren wir bei Düsseldorf beim Cousin meiner Mutter und dessen Familie. Dort habe ich mir meine erste Barbie aussuchen dürfen. Ich bin schon im Kaufhaus nicht mehr aus dem Staunen gekommen ... Rolltreppen ... soooo extrem viel Spielzeug!! Außerdem hab ich dort meine erste Kiwi gegessen sowie Nutella. Bildrechte: IMAGO
Ein Junge in der Spielwarenabteilung eines Kaufhauses
Jana Wunderlich ... habe ich im Kaufhaus Hertie in West-Berlin auf einem Keyboard Weihnachtslieder gespielt. Anschließend konnte ich mich in der Spielzeug-Abteilung nicht entscheiden, was ich möchte, weil alles zu viel und zu bunt war. Bildrechte: imago/HRSchulz
Eine Rolltreppe
... 1991 - ich war 6 Jahre alt, meine Schwester 1 Jahr - bin ich Rolltreppe hoch und runter gefahren und fand alles sehr bunt. Bildrechte: MDR/Denis Trubetskoy
ein Regal, in dem Stiefel stehen
Manja Kraus-Blechschmidt ... habe ich mir halbhohe Cowboystiefel gekauft. Bildrechte: imago/PhotoAlto
Aldi Nord
Katrin Hoch ... habe ich im Aldi eine Milchschnitte bekommen und war in dem Moment das glücklichste Kind (9) der Welt. Bildrechte: dpa
Kassette
Roland Krüger Krügerol ... 1990 war ich 5 Jahre alt und hatte eine Kassette von David Hasselhoff. Zur damaligen Zeit mein ganzer Stolz und heute versinke ich vor Scham im Boden, wenn ich daran denke. Bildrechte: Colourbox.de
Eiskonfekt
Cathleen Tröger ...habe ich mich von Eiskonfekt übergeben. Bildrechte: imago/Birgit Koch
Viele Weihnachtsbäume stehen zum Verkauf.
Annette Haese ... Anfang Dezember in Berlin waren wir verwundert, dass man Weihnachtsbäume in Netze verpacken kann. Bildrechte: MDR/ Daniela Dufft
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Skiflug-Asse treffen sich in Wildenthal - Autogrammstunde geplant

Neben Plauen erinnern auch viele andere sächsische Städte heute an den friedlichen Wendeherbst 1989 und den Fall der Mauer. So treffen sich zum Beispiel in Wildenthal im Erzgebirge Skispringer aus der ehemaligen DDR. Darunter sind zahlreiche Weltmeister und Olympiasieger wie Jens Weißflog, der Olympiasieger von 1976 Hans-Georg Aschenbach oder aber Manfred Deckert, olympischer Silbermedaillengewinner von 1980. Der 9. November als Termin für das Treffen sei bewusst gewählt, so Organisator Kerst Rölz. Denn ohne den Fall der Mauer vor 30 Jahren könnten sich die Sportler heute nicht treffen. Das Treffen der Skispringer war eigentlich als Privatfeier geplant. Weil aber viele Fans davon Wind bekamen, wird es am Nachmittag eine Autogrammstunde geben.

Landesbühnen Sachsen feiern mit Speed-Dating und Wendehits

In der Dresdner Region bieten die Kultureinrichtungen ein breites Programm zum Mauerfall. So spielt die Dresdner Philharmonie ein Extra-Programm und holt Musik aus den Depots, die in der DDR erhebliches Aufsehen erregte. Im Mittelpunkt steht Friedrich Schenkers "Sinfonie in memoriam Martin Luther King". Diese sorgte bei ihrer Uraufführung 1972 für einen handfesten Skandal.

Die Landesbühnen Sachsen fahren gemeinsam mit der Landeszentrale für politische Bildung ein großes Programm auf. Unter dem Titel "Die Mauer muss weg! 30 Jahre Friedliche Revolution" sind ein Gesprächsforum, eine Ausstellung, ein Speed-Dating mit Zeitzeugen, eine interaktive Installation sowie eine Lesung und Live-Musik mit "Wendehits" geplant.

Landesbühnen Sachsen - Wer seid ihr
Szene aus dem Stück "Wer seid ihr" Bildrechte: Landesbühnen Sachsen/Hans Ludwig Böhme

Programm in den Landesbühnen Sachsen 14:30 Uhr - Eröffnung der Ausstellung "Zeitenwende 1989" durch die Landeszentrale für politische Bildung
ab 15:00 Uhr - Schicksalstag der Deutschen - eine interaktive Installation der Polizeiklasse Dresden
ab 15:00 Uhr - Der zentrale Runde Tisch - offene Gesprächsrunden
15:30 und 17:30 Uhr - Zwischen Pitti und Stern Meissen - Kindheit in der DDR, eine Vorschau
16:30 Uhr - Speed Dating - Gespräche mit Zeitzeugen
18:30 Uhr - Wir sehen uns im Westen - Roman von Dorit Linke, Lesung mit Tammy Gierke und Johannes Krobbach
19:30 Uhr - Wer seid ihr - Schauspiel von Oliver Bukowski
19:30 Uhr - Podiumsdiskussion Zeitenwende 1989, Gäste sind die Zeitzeugen Béla János Bács, Thomas Förster, Wolf-Dieter Gööck und Kemal Pervanić
ca. 21:30 Uhr - Wendehits - Live-Musik mit Holger Uwe Thews (Gitarre/Gesang) und Thomas Richter (Gitarre/Gesang)

Quelle: MDR/dk/dpa

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 09.11.2019 | ganztägig im Programm
MDR SACHSENSPIEGEL | 09.11.2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. November 2019, 05:00 Uhr

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