Ein Warnschild Überschreiten der Gleise verboten an einer S-Bahn-Haltestelle im Kölner Norden
Fernzüge machen bis Dezember einen Bogen um Köthen – auch dieser auf der Verbindung mittlerweile selten gewordene InterCity-Typ. Bildrechte: imago/Future Image

Umleitung Baustelle Köthen im Praxistest Sechs Monate Nervenkitzel für Bahn-Pendler

Seit Dienstag ist die wichtige Pendler-Verbindung Magdeburg-Köthen-Halle wegen Bauarbeiten gekappt. Reisende müssen mehr Zeit einplanen, Umleitungen fahren oder auf Busse umsteigen. In jedem Fall aber brauchen sie: gute Nerven. Das ist das Fazit vom ersten Baustellen-Tag. Unser Autor war zwischen Magdeburg und Leipzig unterwegs.

MDR SACHSEN-ANHALT Autor Reporter Radio Online André Plaul
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

von André Plaul, MDR SACHSEN-ANHALT

Ein Warnschild Überschreiten der Gleise verboten an einer S-Bahn-Haltestelle im Kölner Norden
Fernzüge machen bis Dezember einen Bogen um Köthen – auch dieser auf der Verbindung mittlerweile selten gewordene InterCity-Typ. Bildrechte: imago/Future Image

Keine fünf Minuten nach Abfahrt bremst der Zug schon wieder ab. Dabei ist der nächste Bahnhof noch lange nicht erreicht. Mein Blick aus dem Fenster fällt auf die alte Ehlebrücke vor Biederitz. Ihre Gleise sind an den Brückenenden gekappt. Zäune sollen Abenteurer vom seit Jahren vor sich hin rostenden Bauwerk fernhalten. Früher huschten hier die ICE-Züge nach Berlin entlang. Lange vorbei. Etliche Mängel hatten die alte Brücke schon vor Jahren zum Nadelöhr gemacht. Ein Neubau wurde unausweichlich. Doch auch auf der neuen Schwester-Brücke direkt nebenan geht seit Minuten nichts mehr. Unser Zug steht. Und damit beginnt der Nervenkitzel.

Es ist Tag eins für die nächste Bauphase am Bahnknoten in Köthen. Sie bedeutet: Sechs Monate lang wird die Strecke Magdeburg-Köthen-Halle nicht durchgehend befahrbar sein. Tausende Reisende müssen täglich mehr Zeit einplanen, mit zusätzlichen Umstiegen rechnen – und eben Umwegen, so wie ich.

Es klemmt bei Biederitz

Stillgelegte Ehlebrücke bei Biederitz
Seit 2014 führt der Zugverkehr zwischen Magdeburg und Biederitz über eine neue Stahlbetonbrücke. Die alte Ehlebrücke fristet ihr Dasein. Bildrechte: MDR/André Plaul

Es ist kurz nach 17 Uhr am Nachmittag, die Rückreisewelle der Tagespendler beginnt. Ich bin auf dem Weg von Magdeburg zu einem Termin in Leipzig. Noch bis gestern hätte mein InterCity-Zug nicht diesen Weg über Biederitz genommen. Nun ist er die einzige Möglichkeit, die Baustelle Köthen zu umfahren und doch noch auf direktem Weg nach Halle und Leipzig zu kommen.

Doch es klemmt. Mit Ansage. Denn dass es hier eng werden wird, war der Deutschen Bahn schon beim Entwurf des Baustellenfahrplans klar. So sind seit heute fast alle Regionalbahnen zwischen Magdeburg und Burg gestrichen, um das alte, neue Nadelöhr Ehlebrücke nicht zu überlasten.

Was wird in Köthen gebaut?

Die Bahnanlagen im Knoten Köthen stammen aus dem frühen 20. Jahrhundert und müssen umfassend modernisiert werden. Außerdem entspricht die Stellwerkstechnik schon lange nicht mehr dem Stand der Zeit. Laut Bahn müssen im Bereich des Bahnhofs Köthen rund vier Kilometer Gleise, 39 Weichen und 20 Kilometer Oberleitung neu verlegt werden. Außerdem sollen 20 Kilometer Kabeltrasse erneuert sowie fünf Weichenheizungen und 230 Oberleitungsmasten neu gebaut werden. Ein modernes elektronisches Stellwerk soll die bisherigen Stellwerke ersetzen. In den nächsten Jahren sollen noch die Bahnsteige und Brücken im Bahnhof Köthen erneuert werden.

Welche Verbindungen sind betroffen?

  • Seit dem 5. Mai ist die Ein- und Ausfahrt in Richtung Bernburg gesperrt. Zwischen Köthen und Bernburg fahren Busse statt Bahnen.
  • Seit dem 11. Juni sind die Regional- und Fernverkehrsverbindung Magdeburg-Köthen-Halle gekappt. Auf dem Abschnitt Sachsendorf-Köthen-Halle fahren Ersatzbusse. Der Fernverkehr wird über Dessau und Bitterfeld umgeleitet und fährt nur alle zwei Stunden Halle an. Dazwischen verbindet eine Regionalverbindung Magdeburg-Dessau-Bitterfeld-Halle die beiden größten Städte Sachsen-Anhalts.
  • Seit dem 11. Juni ist auch die Regionalbahn-Linie 40 zwischen Magdeburg und Burg nahezu vollständig gestrichen, da sonst die Trasse über die Elbe überlastet wäre. Ersatzweise halten die Züge der Regionalexpress-Linie 1 auf den Bahnhöfen zwischen beiden Städten.


All diese Änderungen gelten laut Bahn bis zum Fahrplanwechsel am 14. Dezember. Die Bahnstrecke Köthen-Dessau bleibt von den Bauarbeiten nahezu unberührt.

Was bedeutet das für Pendler und Reisende?

  • Die Fahrzeiten zwischen Magdeburg und Halle beispielsweise verlängern sich zwischen 30 Minuten bei den Direktverbindungen und gut 50 Minuten bei Umsteigeverbindungen, etwa mit Bussen. Durch die Umleitungen, Ersatzverbindungen und den Schienenersatzverkehr ergeben sich zwischen Magdeburg und Halle jetzt pro Stunde mindestens drei Fahr-Optionen. Reisende mit Fahrrad oder Gepäck sollten sich vorher über Mitnahmemöglichkeiten, Stellplätze, Umstiegszeiten und barrierefreie Zugänge informieren.
  • Zwischen Magdeburg und Burg haben Reisende pro Stunde nur noch eine durchgehende Zugverbindung. Bisher gab es stündlich – am Wochenende zweistündlich – zwei Verbindungen. Somit übernimmt der RE1 Magdeburg-Berlin den kompletten Zugverkehr auf diesem Abschnitt, der bereits jetzt zu Stoßzeiten an seine Kapazitätsgrenzen kommt.

Zug an Zug fährt, während Auto an Auto wartet

Um 17:21 Uhr fährt ein Güterzug auf dem Gegengleis durch. Wir haben in diesem Moment schon gut zehn Minuten Verspätung auf der Uhr. Die gute Nachricht: Es geht weiter.

Menschen stehen an der B1
Der Bahnübergang an der B1 bei Heyrothsberge stellt Autofahrer derzeit besonders häufig auf die Geduldsprobe. (Archivfoto) Bildrechte: MDR/ Marila Zielke

Kurze Zeit später rauscht schon der nächste Güterzug an uns vorbei. Da ist unser IC gerade in Höhe der Bundesstraße 1. Autos und Lkw stauen sich bereits mehrere hundert Meter am Bahnübergang. Jetzt, wo so gut wie alle Züge der Nord-Süd-Verbindungen hier entlang müssen, sind die Wartezeiten noch unerträglicher als sonst. Jeder, der hier einmal 15 oder sogar 20 Minuten vor den geschlossenen Schranken ausharren musste, versteht, wieso entlang der B1 so stark für eine Brücke über die Schienen geworben wird. 17:23 Uhr der nächste Güterzug, wir sind Höhe Königsborn. 17:28 Uhr kommt uns bei Wahlitz ein Regionalzug entgegen, 17:31 Uhr bei Gommern wieder ein Güterzug, 17:34 Uhr bei Prödel der InterCity aus der Gegenrichtung. Der Takt auf dieser zweigleisigen Strecke könnte dichter kaum sein. Da darf nichts dazwischenkommen.

Auf der "Alternative" geht nichts mehr

Kanonenbahn auf Elbebrücke
Die alte Eisenbahn-Elbebrücke bei Barby: Nach der Wende erst wurde hier die Elektrifizierung der Strecke vorbereitet. Doch 2004 folgte die Stilllegung. Bildrechte: MDR/André Plaul

Hätte es keine Alternative für diesen engen und störempfindlichen Takt gegeben? 17:37 Uhr, wir fahren an Güterglück vorbei und an der "Alternative". Sie liegt neben der Strecke – verrostet, verbaut und zugewuchert. Einst führte hier eine Gleiskurve nach Barby und weiter nach Magdeburg.

Diese alternative Elbquerung wäre heute Gold wert, als zusätzliche Umfahrung der Großbaustelle Köthen. Doch das weiterführende Gleis nach Barby ist seit 2017 abgebaut. Von den Nachwende-Plänen, diese Alternativstrecke sogar zu elektrifizieren, sind nur kahle Betonmasten geblieben. Nichts geht mehr.

Züge aus Norden und Osten treffen in Dessau zusammen

Um 17:50 Uhr sind wir kurz vor Roßlau. Die Verspätung beträgt noch immer zwölf Minuten. In der einfädelnden Nordost-Verbindungskurve sehe ich den Regionalexpress aus Berlin vor rotem Signal stehen. Wir belegen sein Gleis und haben Vorrang. Er wird am Ende mit drei Minuten Verspätung Dessau erreichen – eine Kleinigkeit. Der Regionalexpress Magdeburg-Leipzig direkt hinter uns kämpft bereits mit acht Minuten Verspätung wegen "eines vorausfahrenden Zuges", wie die Bahn-App schreibt. Gemeint sind wir.

Erst Hoffnung, dann Enttäuschung

Doch wir haben eigene Sorgen: "Ihre Anschlüsse in Bitterfeld sind bereits vorgemeldet", verkündet die Zugchefin per Lautsprecherdurchsage. Das betrifft auch meine S-Bahn. Sie soll zwölf Minuten nach Ankunft unseres Zuges abfahren. Mit zwölf Minuten Verspätung ergibt dies eine spannende Konstellation.

Im meinem Kopf fangen die Gedanken an zu kreisen. Sollte ich besser nicht in Bitterfeld aussteigen? Denn unser Zug fährt auch nach Leipzig, allerdings mit einem Bogen über Halle – so wie alle zwei Stunden, um Pendlern entgegenzukommen – und somit längerer Fahrzeit. "Die S-Bahn 2 kann leider nicht warten", heißt es kurz vorm Bahnhof Bitterfeld. Das war abzusehen, denn im Leipziger City-Tunnel herrscht ein Fünf-Minuten-Takt, der kaum Spielraum zulässt.

Beeilung in Bitterfeld

18:11 Uhr und zehn Sekunden: Der InterCity kommt am Bahnsteig 3 in Bitterfeld zum Stehen, die Tür öffnet sich. Am Bahnsteig 5 steht in Sichtweite abfahrbereit die S-Bahn nach Leipzig-Stötteritz.

Zug im Bahnhof
Zwischenspurt in Bitterfeld: Der Fahrplan ist gnadenlos. Bildrechte: MDR/André Plaul

Eine kleine Gruppe Reisender beginnt zu rennen, mich eingeschlossen: zur Treppe, die Stufen herunter, ein Stück durch den Tunnel, die Treppen wieder hinauf, Finger auf den Türöffner. Geschafft. Es piept, die Tür schließt. S-Bahn und InterCity verlassen zeitgleich den Bahnhof Bitterfeld.

Am Ende komme ich pünktlich an mein Ziel. Und denke: Mit Fahrrad oder Gepäck wäre dieser knappe Sprint nicht möglich gewesen. Die Alternative: eine halbe Stunde warten bis zur nächsten S-Bahn oder 18 Minuten auf den Regionalexpress, der jedoch nur bis zum Leipziger Hauptbahnhof fährt. Doch wer hat bei Termindruck oder im Feierabend schon Zeit zu verschenken?

Fazit: Holpriger Einstand in Baustellenfahrplan

Übrigens: Auch die Rückfahrt an diesem ersten Großbaustellen-Tag läuft nicht reibungslos. Zwischen Dessau und Magdeburg ertönt gleich drei Mal die Ansage: "Der vor uns liegende Streckenabschnitt ist noch von einem anderen Zug belegt". Bei Blitz, Donner und mit einiger Verspätung erreichen wir Magdeburg – deutlich nach 23 Uhr. Diesmal warten alle anderen Züge auf uns.

Tag eins der Baustelle – und damit der Einstand für den Baustellenfahrplan – wären geschafft, wenn auch holprig. Sechs Monate, genau 185 Tage, mit Nervenkitzel, Hoffnung und Improvisation liegen noch vor allen Bahn-Pendlern zwischen Magdeburg und Halle oder Leipzig. Denn klar ist: Es darf nichts dazwischenkommen, sonst gerät der eng gestrickte Baustellen-Fahrplan aus dem Takt.

MDR SACHSEN-ANHALT Autor Reporter Radio Online André Plaul
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über den Autor Aus der Altmark in die Landeshauptstadt: André Plaul gehört seit 2010 zum Team von MDR SACHSEN-ANHALT. Zuvor konnte sich der gebürtige Stendaler bereits ein Journalistik-Studium und ein multimediales Volontariat beim MDR in Leipzig in den Lebenslauf schreiben. Bei MDR SACHSEN-ANHALT betreut André mit Leidenschaft das Frühprogramm im Radio - und die Nachrichtenseiten im Netz. Seine Freizeit widmet er mit Vorliebe dem Thema Eisenbahn. So ist er auch im Funkhaus in diesen Dingen Ansprechpartner Nummer eins.

Quelle: MDR/ap

Dieses Thema im Programm MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 11. Juni 2019 | 11:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. Juni 2019, 18:08 Uhr