Test in Köthen Wie die App "intoMINT" Schülerinnen für technische Berufe begeistern soll

Schülerinnen für die technischen und naturwissenschaftlichen Berufe begeistern – das ist das Ziel eines Entwickler-Teams der Hochschule Anhalt. In Köthen haben sie ihre App "intoMINT" am Dienstag vorgestellt. Schülerinnen und Lehrer konnten sie vor Ort ausprobieren. Wie das Ganze funktioniert und wie die App ankommt: ein Test.

Johanna Daher
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von Johanna Daher, MDR SACHSEN-ANHALT

Schülerin Anna-Luise Wäldchen und Lehrer Karl-Benjamin Suttner testen die "intoMINT"-App.
Lehrer Karl-Benjamin Suttner und Schülerin Anna-Luise Wäldchen testen die "intoMINT"-App. Bildrechte: MDR/Johanna Daher

"Ihr seid willkommen!", sagt Ulrike Struwe eindrücklich. Die Worte der Leiterin der Geschäftsstelle "Komm mach MINT" gelten den jungen Frauen, die am Dienstag ins Schloss Köthen gekommen sind. Denn auch im Jahr 2019, so betont sie, sei es immer noch nicht normal, dass Mädchen sich für die MINT-Berufe entscheiden. MINT, das steht für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik. Deshalb beendet Struwe ihre Begrüßung mit folgenden Worten: "Lasst euch bei eurer Berufswahl nicht einengen. Die Wahl sollte aufgrund eurer Interessen und nicht wegen Klischees getroffen werden."

Das Ziel der "intoMINT"-App, die an diesem Nachmittag in Köthen präsentiert wird: Schülerinnen ab Klasse 8 für MINT-Berufe begeistern, ihr Interesse daran wecken und ausbauen. Vor Ort konnten sie die App zum ersten Mal testen, in den kommenden Wochen soll sie in den App-Stores kostenlos verfügbar sein.

Vorbild-Charakter: Geschichte der Frauen in der Programmierung

Dass Frauen beispielsweise viel stärker mit der Programmierung verbunden sind, als das heute oft wahrgenommen wird, thematisiert Natalie Sontopski. Sie ist die Gründerin der Code Girls in Leipzig und gibt den Impulsvortrag "Programmierte Ungleichheit? Frauen und Code". Darin verweist sie als Motivation und Vorbild für die Anwesenden beispielsweise auf Ada Lovelace, eine Programmierin des 18. Jahrhunderts. Auch wenn es damals noch keine Computer gab, entwickelte Lovelace unter anderem Algorithmen. Sontopski erinnert auch daran, dass früher die Programmier-Erfolge von Frauen nie genannt worden seien und sich deshalb das Themengebiet wie eine Männerdomäne darstelle. Sie macht Mut, dass Frauen schon immer das Talent zum Programmieren hatten und auch heute noch haben.

Lippenstifte und Blumenerde: Experimentieren mit App-Anleitung

Neugierig, wie die App funktioniert, sind auch Anna-Luise Wäldchen, Schülerin der 10. Klasse aus Merseburg, und Karl-Benjamin Suttner, Lehrer für Physik und Mathe in Bitterfeld. "Ich wurde eingeladen, um zu schauen, ob das etwas für unsere Schule sein könnte. Damit wir es unseren Schülerinnen, aber auch Schülern, anbieten können und sie sich mehr mit dem Thema auseinandersetzen", erklärt Suttner.

Blick in die App: Ein Teil der Anleitung für das Experiment "Ist meine Blume durstig?".
Blick in die App: Ein Teil der Anleitung für das Experiment "Ist meine Blume durstig?". Bildrechte: MDR/Johanna Daher

Anna-Luise Wäldchen hingegen war in den Sommerferien bei einer Veranstaltung der Hochschule Anhalt, durch die sie auf die App aufmerksam wurde. "Da haben wir im Labor Lippenpflege und Deo selbst hergestellt. Ich habe gesagt, dass ich mich dafür interessiere und dann die Einladung zur heutigen Veranstaltung bekommen", sagt sie. Auch im Schloss Köthen können die Besucher Lippenstifte produzieren – und das mit Hilfe der "intoMINT"-App. Insgesamt acht Stationen mit dazugehörigen Experimenten sind dort aufgebaut, die sich mit "Schritt für Schritt"-Anleitungen zum Nachmachen in der App wiederfinden.

Suttner und Wäldchen entscheiden sich dafür, das etwas schwierigere Experiment "Ist meine Blume durstig?" auszuprobieren. Dafür öffnen sie die App und sehen, was zu tun ist. Sie müssen den Minicomputer "micro:bit" programmieren, um messen zu können, ob die Blumenerde zu trocken ist oder nicht. Wie das Programmieren funktioniert und welche Utensilien sie dazu benötigen, erfahren sie über die App. Dort können sie ihr Experiment auch fotografieren und sich Notizen machen. Am Ende bekommen sie Punkte dafür. "Diese Programmieraufgabe war für mich leichter, weil ich das schon mal in der Schule gemacht habe", sagt die Schülerin. Dieser Erfolge bestärke sie auch darin, "dass es das ist, was ich machen will."

So funktioniert die "intoMINT"-App

Projektleiterin Prof. Dr. Korinna Bade von der Hochschule Anhalt präsentiert die "intoMINT"-App.
Projektleiterin Korinna Bade präsentiert die "intoMINT"-App. Bildrechte: Hochschule Anhalt/David Schulz

Genau diese Erfolge will das Entwickler-Team der App erreichen, wie Projektleiterin Korinna Bade erklärt: "Wir wollen die digitale und reale Welt verbinden." Die Experimente sind dabei nur eine Funktion der App. "Wir verknüpfen diese Experimente mit Informationen zu potentiellen Studiengängen und Berufsmöglichkeiten. Das heißt: Wenn mir das Projekt Spaß macht, bekomme ich hinterher noch eine Idee, was ich damit beruflich machen könnte", erklärt Bade weiter. Dabei stünde nicht die Hochschule Anhalt im Vordergrund, sondern es seien deutschlandweite Vorschläge.

Damit die App Spaß macht, werden sogenannte Gamification-Elemente verwendet. Die Nutzerinnen bekommen Punkte für absolvierte Projekte und können diese gegen Gegenstände und Möbel für ihr persönliches, virtuelles Labor eintauschen. Dieses kann über den Start-Bildschirm der App angeschaut werden. Außerdem kann sich jede Spielerin ein eigenes Maskottchen aussuchen, das den gesamten Lernprozess begleitet. Am Ende von jedem Experiment gibt es einen Wissensteil mit zusätzlichen Informationen und einem Quiz. Das befürwortet auch Lehrer Karl-Benjamin Suttner: "Ich denke, durch den ausgelösten Spieltrieb – ich konnte mich ja auch nicht zurückhalten, musste gleich etwas machen – kann die App bei dem ein oder anderen mehr Interesse wecken."

Die Entwicklung der "intoMINT"-App

Projektleiterin Korinna Bade gibt einen Überblick über die App-Entwicklung:

  • Das Projekt ist am 01.01.2018 offiziell gestartet.
  • Insgesamt drei Jahre lang, also noch bis Oktober 2020, wird es vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert. Das Team will sich aber um eine Anschluss-Förderung bewerben.
  • Die "intoMINT"-App wird als Verbund-Projekt von der Hochschule Anhalt und der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg entwickelt. Zum Team gehören sechs wissenschaftliche Mitarbeiter, einige Studierende und Projektleiterin Korinna Bade. Darunter befinden sich neben Informatikern auch Physiker, Biologen und weitere Vertreter der MINT-Bereiche, um möglichst viele Themen abzudecken. Begleitet wird das Projekt auch von Gender-Forschern.
  • Die App wurde mit dem Open-Source-Framework "React Native" für mobile Anwendungen programmiert.
  • Es gab einige Testphasen und Workshops mit Schülerinnen und Schülern, sodass die App stetig verbessert werden konnte.
  • Auch nach der Veröffentlichung der App wird sie weiterentwickelt. Insgesamt 80 Experimente sollen darin am Ende enthalten sein.
  • In den kommenden Wochen soll sie sowohl im Google-Play-Store (Android), als auch im App-Store (iOS) kostenlos verfügbar sein.

"Wir haben in den Testings gemerkt, dass die App gut ankommt. Natürlich ist es aber auch so, dass die Schülerinnen viel in ihrer Freizeit machen wollen. Und da ist die App dann nur eine von vielen Sachen", sagt Bade. Als ehemalige Informatik-Studentin zählt sie selbst zu der Zielgruppe, die das Team mit der MINT-App ansprechen will. Für die Projektleiterin kam aber nie ein anderer Beruf in Frage: "Seit ich denken kann, hat mich das interessiert. Ich war schon immer Mathe- und Computer-Fan. Meine Eltern haben das entsprechend auch gefördert."

MINT-Angebote für Mädchen in Sachsen-Anhalt

In ihrer Begrüßungsrede hat Ulrike Struwe darauf verwiesen, dass sich die Schülerinnen am besten auch praktisch in der Arbeitswelt ausprobieren sollten. Dafür nannte sie den Girlsday am 26. März 2020, der beispielsweise in Köthen stattfindet. Außerdem haben einige Hochschulen, wie die in Merseburg, in der Ferienzeit Angebote für Schülerinnen. Zusätzlich befindet sich auf der "Komm mach MINT"-Homepage eine Landkarte, auf der viele Projekte eingezeichnet sind – so auch für Sachen-Anhalt.

So kommt die "intoMINT"-App an

Für die Veranstaltung im Schloss Köthen erhoffte sich die Projektleiterin, bereits erste Schülerinnen und Lehrer für die App zu begeistern. Dass sie Lust auf die Experimente bekommen und überlegen, wie sie im Unterricht genutzt werden kann. Ob das geklappt hat? Schülerin Anna-Luise Wäldchen und Lehrer Karl-Benjamin Suttner ziehen ihr Fazit:

Schülerin Anna-Luise Wäldchen und Lehrer Karl-Benjamin Suttner testen die "intoMINT"-App.
Die App intensiv getestet: Anna-Luise Wäldchen und Karl-Benjamin Suttner. Bildrechte: Hochschule Anhalt/David Schulz

  • Wäldchen: "Ich finde die App gut. Sie erklärt recht einfach und ist übersichtlich. Man findet sich schnell zurecht. Ich würde meinen Freunden davon erzählen und es ihnen auch empfehlen. Die App ist ja auch kostenlos. Ich möchte in den IT-Bereich, weiß aber noch nicht so genau, welcher Beruf. Ich sehe nur das Problem, dass meine Freunde vielleicht nicht wirklich Interesse daran hätten. Die sind naturwissenschaftlich nicht so bewandert, das sind nicht ihre Lieblingsfächer. Vielleicht fänden sie es spannender, wenn in der App auch gezeigt werden würde, welche Stoffe in den Produkten wie Lippenstiften sind, was nicht gut für sie ist und was sie selber machen könnten, um das zu verändern, um die Schadstoffe nicht auf die Haut zu bekommen."


  • Suttner: "Ich finde, das sind schöne "Schritt für Schritt"-Anleitungen und recht einfache Experimente, mit denen man sich deshalb gut ausprobieren kann. Ganz so viele waren es noch nicht, aber es wurde ja versprochen, dass es bis zu 80 Stück werden sollen. Ich finde es schön, dass man leicht herangeführt wird. Man hat ein Projekt und erarbeitet nicht nur Theorie. Ich könnte mir vorstellen, die App bei uns in der Schule zu nutzen, es jedem mal zur Verfügung zu stellen. 2020 läuft die Förderung ja aus. Da wäre es schön, mit Lehrern zu kooperieren, damit sie den Schülerinnen weiterhin Feedback auf ihre gemachten Experimente geben können. Vielleicht könnte es zukünftig auch noch die Möglichkeit geben, eigene Projekte hochladen zu können, um sie anderen zur Verfügung zu stellen."

Die "intoMINT"-App soll laut Korinna Bade zeitnah veröffentlicht werden. Die App soll für Android und iOS in den kommenden Wochen in den App-Stores kostenlos bereitstehen.

Johanna Daher
Bildrechte: MDR/Marieke Polnik

Über die Autorin Seit Februar 2018 ist Johanna Daher Teil der Online-Redaktion von MDR SACHSEN-ANHALT. Ihr typischer Satz in den sozialen Medien beschreibt sie ihrer Meinung nach ziemlich gut: "Christin, Journalistin und Optimistin mit einer Liebe zum Multimedialen, Interaktiven und Programmieren." Johanna Daher kommt gebürtig aus Nordhessen, hat in Dortmund Journalistik und in Wernigerode an der Hochschule Harz "Medien- und Spielekonzeption" studiert.

Quelle: MDR/jd

Zuletzt aktualisiert: 12. September 2019, 09:07 Uhr