Gedenkstätte Point Alpha in Rasdorf
Die ehemalige innerdeutsche Grenze bei Geisa in der Rhön Bildrechte: IMAGO

Jahrestag Mauerbau Mehr als 100 Grenztote in Thüringen

Zwischen 1949 und 1989 starben am thüringischen Abschnitt der Innerdeutschen Grenze bei Fluchtversuchen und Unfällen mehr als 100 Menschen. Auch 14 DDR-Posten kamen an der Grenze in Thüringen ums Leben. Eine Studie hat jetzt alle Fälle untersucht. Doch es bleiben Fragen.

von Jan Schönfelder

Gedenkstätte Point Alpha in Rasdorf
Die ehemalige innerdeutsche Grenze bei Geisa in der Rhön Bildrechte: IMAGO

Jährlich, kurz vor dem 13. August, dem Jahrestag des Mauerbaus, gibt es Presse-Meldungen über die Zahl der Toten an der Innerdeutschen Grenze und der Berliner Mauer. Und jährlich werden von der "Arbeitsgemeinschaft 13. August" und dem privaten Berliner Mauermuseum am Checkpoint Charlie mehr Opfer aufgelistet. Der letzte Stand 2016: Zwischen 1945 und 1989 starben 1.841 Menschen durch die Grenze, elf Opfer mehr als im Vorjahr. Dazu veröffentlicht die Arbeitsgemeinschaft doppelseitige Zeitungsanzeigen unter dem Titel: "Wir trauern um die Todesopfer des Grenzregimes der Sowjetischen Besatzungszone/ DDR/ der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands". Darunter sind alle Opfer mit Name, Geburtsdatum, Todesdatum, Todesumstand und Todesort aufgelistet. Darunter auch zahlreiche anonyme Fälle. Historiker halten die Liste allerdings für nicht seriös und bezweifeln seit langem die Angaben.

Deshalb hatten sich die Länder Hessen, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt 2012 entschieden, gemeinsam eine Studie in Auftrag zu geben, um die Zahl der Grenzopfer verlässlich zu ermitteln. Obwohl Thüringen mit 765 Kilometern das längste Stück der ehemaligen Grenze zu Niedersachsen, Hessen und Bayern hat, beteiligte sich der Freistaat - damals noch CDU-regiert - nicht an der Finanzierung der Studie, die eigentlich ein Totenbuch ist. Dabei beschäftigten sich die Wissenschaftler vom Berliner Forschungsverbund SED-Staat auch mit zahlreichen Thüringer Todesfällen. Insgesamt werden für den Thüringer Grenzabschnitt 106 Todesfälle aufgelistet. Dazu kommen noch ungeklärte Fälle und Suizide innerhalb der Grenztruppen. Unter den Grenz-Opfern sind vor allem Männer, aber auch Kinder, Jugendliche, flüchtende russische Soldaten und 14 DDR-Grenzposten. Das erste Grenzopfer, der Südthüringer Karl Sommer, starb 1949 im Thüringer Abschnitt der Innerdeutschen Grenze. Der 43-Jährige Grenzgänger hatte in Bayern Lauschaer Christbaumschmuck gegen Lebensmittel getauscht. Auf dem Rückweg wurde er bei Effelder (Frankenblick) von einem 17-jährigen Grenzposten angeschossen. Sommer verblutete. Er gilt als eines der ersten Opfer der deutschen Teilung. Und auch das letzte Innerdeutsche-Grenz-Opfer starb in Thüringen: 1988 brachte sich Jens Herfurth bei Wendehausen um. Die meisten Opfer wurden erschossen, einige wurden durch Minen tödlich verletzt, andere starben bei Unfällen. Einige verübten in scheinbar auswegloser Lage auch Selbstmord.

Auf einem Friedhof wird mit einem Bagger ein Grab geöffnet. Mehrere Personen stehen daneben und schauen zu.
Im September 2015 wurde die Leiche von Hans Neuber exhumiert Bildrechte: MDR/Rolf Dieter Lorenz

Ein Beispiel aus dem "Totenbuch" ist Hans Neuber. Der Fall war in den letzten Monaten in die regionalen Schlagzeilen geraten, weil die rot-rot-grüne Thüringer Landesregierung im Zusammenhang mit ihrer DDR-Aufarbeitungs-Initiative die Leiche des DDR-Grenzsoldaten exhumierte, um auf Wunsch der Angehörigen die Todesursache eindeutig zu klären. Hatte sich der junge Mann 1977 in seiner Kaserne das Leben genommen oder war er umgebracht worden? Die Mitarbeiter vom Forschungsverbund SED-Staat stellen sich diese Frage offenbar gar nicht. Auf der Grundlage von Stasi-Unterlagen referieren sie den Tatablauf und ordnen den Fall unter der Rubrik "Suizide in den Grenztruppen" ein. Die Ergebnisse der Obduktion von 2016 - die auch von Suizid ausgeht - floss in die Studie nicht mit ein.

Das Buch Klaus Schroeder and Jochen Staadt (Hrsg.): Die Todesopfer des DDR-Grenzregimes an der innerdeutschen Grenze 1949–1989. Ein biografisches Handbuch. Frankfurt am Main, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2017. 684 S., 167 s/w Abb. 49,95 Euro.

Immer noch Fragen im Fall Rudi Arnstadt

Trauerfeier für Rudi Arnstadt am 16. August 1962 im Kulturhaus Geisa
Trauerfeier für Rudi Arnstadt am 16. August 1962 im Kulturhaus Geisa Bildrechte: MDR/DRA

Auch im Fall des 1962 von einem BGS-Angehörigen erschossenen DDR-Hauptmanns Rudi Arnstadt nutzen die Forscher nicht alle vorhandenen Quellen. Zwar wird der Fall mitsamt seinen propagandistischen Begleiterscheinungen ausführlich geschildert, aber die zentralen Fragen werden nicht gestellt: Gab es tatsächlich eine Grenzverletzung von westdeutscher Seite? Und hat Arnstadt tatsächlich geschossen? Die westdeutschen Ermittler kamen unmittelbar nach der Tat zu dem Ergebnis, dass es keine Grenzverletzung gegeben und der DDR-Hauptmann geschossen hat. Doch an dieser Darstellung gibt es durchaus berechtigte Zweifel. Ein fahnenflüchtiger DDR-Grenzer hat in der Bundesrepublik mehrfach das Gegenteil ausgesagt. Die detaillierten Aussagen sind in den Unterlagen der einstigen Zentrale Beweismittel- und Dokumentationsstelle der Landesjustizverwaltungen in Salzgitter dokumentiert - und wurden von der Fuldaer Staatsanwaltschaft ebenso ignoriert, wie jetzt vom Forschungsverbund. Und selbst ein Beamter der damaligen BGS-Mannschaft will heute nicht mehr ausschließen, dass die Gruppe eine Abkürzung über das DDR-Territorium genommen hat. Der Begleiter Arnstadts wiederum hat nie abgestritten, dass er geschossen hat - aber an einen Schuss von Arnstadt konnte er sich nicht erinnern. Kurzum: Der Forschungsverbund hat es hier versäumt, mehr Klarheit zu schaffen. Der Fall - der noch heute für Geschichtsverdrehungen und Legenden in Ost und West genutzt wird - hätte es nach 55 Jahren verdient.

Mindestens 327 Menschen starben an der Innerdeutschen Grenze

Fast 700 Seiten umfasst die Studie, die aus den chronologisch sortierten Todesfällen besteht. Das Ergebnis nach fünf Jahren Arbeit: Insgesamt kamen an der innerdeutschen Grenze 327 Menschen aus Ost und West ums Leben. Die meisten wurden auf der Flucht erschossen oder durch Minen und bei Unfällen tödlich verletzt. Einige starben später in Krankenhäusern oder Gefängnissen. Auch das Schicksal von 24 Grenzsoldaten, die im Dienst ums Leben kamen, ist dokumentiert. Dazu kommen 44 Suizide von Grenzsoldaten aus dienstlichen Gründen. Mindestens 139 Menschen kamen an der Berliner Mauer ums Leben. Schätzungsweise 200 Menschen starben beim Fluchtversuch über die Ostsee. Zwischen 20 und 300 Menschen starben an den Grenzen zu anderen Ostblockländern. Insgesamt, so der Forschungsverbund, muss davon ausgegangen werden, dass um die 1.000 Menschen dem DDR-Grenzregime zum Opfer fielen. Es herrscht weiter Unklarheit.

Über dieses Thema berichtet MDR THÜRINGEN auch im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Fazit | 13.08.2017 | 18:00 Uhr

Quelle: MDR THÜRINGEN

Zuletzt aktualisiert: 13. August 2017, 00:01 Uhr

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