Tattoos gegen Gewalt Bilder, die Narben verdecken

Narben bleiben für immer auf unserer Haut. Sie erzählen Geschichten. An manche Geschichten wollen wir aber gar nicht erinnert werden. So geht es auch Jenny. Um ihre Narben zu verdecken, hat sie sich ein Tattoo stechen lassen.

Tattoos gegen Gewalt
Bildrechte: MDR JUMP

MDR JUMP Mo 13.11.2017 09:42Uhr 03:54 min

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Letzte Hoffnung Tattoo

Jenny hat rotblonde lange Haare und ganz viele kleine Sommersprossen. Sie ist aus dem bayrischen Ravensburg nach Leipzig gereist. Eine weite Strecke für ein Tattoo. Aber für Jenny ist es ein ganz besonderes Tattoo: Jenny möchte ihre Narben überdecken lassen. Es sind Narben von Schnittwunden, die sie sich als Jugendliche selbst zugefügt hat. Über den Grund für ihre Verletzungen möchte sie bis heute nicht sprechen.

Selbstverletzendes Verhalten

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Wie Jenny geht es vielen Jugendlichen. Schätzungen zufolge sind in Deutschland zwischen 600.000 und 1,5 Millionen Menschen von selbstverletzendem Verhalten betroffen. Die meisten davon sind zwischen 14 und 18 Jahre alt. Sie fügen sich mit scharfen Gegenständen wie Messern und Rasierklingen Wunden zu. Übrig bleiben viele kleine Narben, die auch Jahre später noch zu sehen sind.

Tattoos gegen Gewalt

Ich möchte darüber reden, ich möchte, dass sich niemand verstecken muss. Und ich möchte vor allem darauf aufmerksam machen, dass es mittlerweile schon ein viel zu großes Problem in unserer Gesellschaft ist.

Tätowiererin Peggy Miksch
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Deshalb hat die Leipziger Tätowiererin Peggy Miksch den Initiative „Tattoos gegen Gewalt“ ins Leben gerufen. Sie tätowiert kostenlos Opfer von Gewalt oder Menschen, die sich selbst verletzt haben. Obwohl die Aktion erst seit dem Sommer läuft, ist Peggy jetzt schon ausgebucht. Bis zu einem halben Jahr kann es dauern, bis man einen Termin bekommt.

Jenny hat über das Internet von Peggy und ihren Tattoos erfahren. Sie war froh, endlich einen Künstler gefunden zu haben, der ihr helfen kann: Anderthalb Jahre lang hatte sie nur Absagen bekommen.

Weil sich das, glaube ich, auch viele Tätowierer gar nicht zutrauen.

Jenny

Bilder statt Narben

Narben mit Bildern zu überdecken ist gar nicht so einfach, erzählt Peggy:

Ich muss einfach an der Stelle, wo die Narben sind, noch mehr die Haut straffen und auch sehr vorsichtig arbeiten. Da muss ich einfach ziemlich aufpassen, dass ich das nicht mehr verletze als unbedingt nötig, weil das führt ja dann wieder zu einer Vernarbung.

Mit dem Tattoo, das Jenny heute bekommt, möchte sie ein Kapitel in ihrem Leben schließen. Sie will nicht mehr an die Verletzungen erinnert werden und nach vorne schauen. Das Motiv: ein Waschbär. Aber das war Jenny gar nicht so wichtig:

Allein, dass es meine Narben überdeckt, finde ich, dass es schon eine große Bedeutung hat. Und deswegen war das jetzt auch nicht so im Vordergrund, dass das Tattoo an sich eine Bedeutung hat.

Bis die Narben verschwunden sind, muss Jenny noch einmal Schmerzen ertragen. Mehr als vier Stunden dauert es, bis das Motiv unter der Haut ist. Aber es hat sich gelohnt:

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Ich freue mich so, dass ich weinen muss. Ich glaube, damit werde ich lange glücklich sein.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP am Nachmittag | 14. November 2017 | 18:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. November 2017, 08:30 Uhr

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