Quicktipp: Versandapotheken Wie gut sind sie wirklich?

Ein Löffel mit verschiedenfarbigen Medikamenten wird über eine Computertastatur gehalten.
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MDR JUMP Mo 06.11.2017 02:10Uhr 01:56 min

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In Deutschland machen immer mehr Apotheken dicht. Im ersten Halbjahr 2017 sank ihre Zahl mit knapp 20.000 auf den tiefsten Stand seit 30 Jahren. Ein Grund könnte der boomende Markt für Online- oder auch Versandapotheken sein. Doch sind sie wirklich eine gute Alternative?

Immer mehr Patienten entdecken das teils riesige Sparpotential, das Versandapotheken besonders bei rezeptfreien Medikamenten bieten. Gerade Schmerz- und Erkältungsmittel bekommst du im Web bis zu 70 Prozent unter dem offiziellen Apothekenverkaufspreis, kurz AVP.  Doch Vorsicht: In Sachen Patientenberatung und Sicherheit im Umgang mit Medikamenten haben die Versandapotheken mitunter große Defizite. Das ergab eine aktuelle Überprüfung der Stiftung Warentest: 

Apotheke gleich Versandapotheke?

Ein geöffnetes Paket mit verschiedenen Medikamenten steht auf einer Computertastatur.
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Von den knapp 20.000 deutschen Apotheken haben rund 3.000 eine Versandhandelserlaubnis. Mit dieser dürfen sie ihre Produkte auch über das Internet vertreiben. Rechtliche Erleichterungen gehen damit nicht einher. Auch Versandapotheken müssen sich an die Apothekenbetriebsordnung halten. Sie regelt die Abgabe von Medikamenten, die Pflicht zur Beratung und Information der Kunden. Das heißt, auch über diesen Weg müssen fachlich geschulte Berater Auskunft geben können zu Wechselwirkungen zwischen den Medikamenten, zu Nebenwirkungen und Risiken bei der Einnahme. Verschreibungspflichtige Medikamente kosten bei deutschen Versandapotheken das Gleiche wie bei Vor-Ort-Apotheken. Nicht verschreibungspflichtige Medikamente können kostengünstiger sein.

Die Unterschiede

Hat eine Versandapotheke ihren Sitz im EU-Ausland, kann sie ihren deutschen Kunden Rabatte auf verordnete Medikamente gewähren. Deutsche Anbieter dürfen das nicht. Deshalb locken vor allem holländische Anbieter, wie etwa DocMorris oder Europa Apotheek mit bis zu 30 Euro Bonus bei einer Bestellung mit Rezept. Das erspart dir als Kunde unter Umständen die Zuzahlung.  

Eine bunte Welt

Bei allen freiverkäuflichen Medikamenten und Nahrungsergänzungsmitteln dürfen die deutschen Anbieter munter in der Rabattschlacht mitkämpfen. Und das tun sie auch. Die Webseiten der meisten Versandapotheken muten deshalb eher wie die Einladung zu einem Schlussverkauf an. Bunt, knallig und meist sehr unübersichtlich werden dir hier die tollsten Rabatte versprochen. Eine Hotline-Beratung und oftmals auch ein Wechselwirkungscheck sowie Informationsflächen zu Medikamenten und Wirkstoffen sollen hingegen Seriosität und Sicherheit vermitteln. Eine gute fachliche Beratung und die verantwortungsvolle Abgabe der Medikamente an die Kunden bleiben dabei jedoch oft auf der Strecke, wie der Test von Stiftung Warentest ergab.

Der Test

Keine gute Apotheke

Von den 18 getesteten Versand-Apotheken-Portale, darunter drei aus dem Ausland, konnte keine ein sehr gut oder gut als Testergebnis erreichen. Am besten schnitt die holländische Europaapotheek.com mit befriedigend ab. Sieben Versandapotheken wurden gar mit mangelhaft bewertet, darunter Apotal.de, Mycare.de und auf dem letzten Platz Delmed.de. Waren der Lieferservice und die Abrechnungsbedingungen bei den meisten Apotheken noch gut bis befriedigend, so mangelte es bei fast allen an der fachlichen Qualität. Das heißt, die Kunden wurden nur unzureichend bis gar nicht darüber aufgeklärt, welche Nebenwirkungen ihre Medikamente haben, wie sie mit anderen Medikamenten zusammen wirken und was bei der Einnahme zu beachten ist.

Fehlende Beratung

Tabletten und Packungsbeilage
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Gerade bei den Schlusslichtern des Tests kamen die Fachberater nicht auf die Idee, nach eventuellen Vorerkrankungen oder doppelt eingenommenen Wirkstoffen zu fragen. Nur die Hälfte aller Berater empfahl, bei neuen Beschwerden erstmal einen Arzt aufzusuchen, um eine ordentliche Diagnose zu erstellen. Dabei sind diese Fragen mitunter lebenswichtig: Nicht jeder Patient verträgt jedes freiverkäufliche Medikament. 

Medikationsplan

Seit 2016 soll ein sogenannter Medikationsplan verhindern, dass bei der Einnahme von verschiedenen Medikamenten gefährliche Wechselwirkungen auftreten. Anspruch darauf haben gesetzlich Versicherte, die langfristig drei Medikamente und mehr einnehmen, welche im ganzen Körper wirken. Dieser Plan wird in der Regel vom Hausarzt erstellt und sollte vom Facharzt auf dem Laufenden gehalten werden. Auch Apotheken können den Medikationsplan ergänzen, wenn der Patient es für die Arzneimittel wünscht, die er ohne ärztliches Rezept kauft. Im Test von Stiftung Warentest kamen dem aber nur sechs von 18 Apotheken nach.

Doppelverschreibungen/Selbstmedikation

Manche Patienten bekommen den gleichen Wirkstoff von mehreren Ärzten verschrieben, ohne dass böse Absicht dahinter steckt. Der Hausarzt verschreibt ein Schmerzmittel und überweist an den Orthopäden. Der verschreibt noch eine Salbe mit dem gleichen Wirkstoff. Schon kann es bei fehlender Fachberatung zu einer gefährlichen Überdosierung kommen. Gleiches gilt für freiverkäufliche Erkältungsmittel. Auch hier kannst du dich leicht mit der Einnahme von zu vielen Medikamenten gefährden. Die meisten Versandapotheken bieten zwar noch einen Nebenwirkungs- oder gar Wechselwirkungscheck. Der ist aber datenbankbasiert. Bei der Doppelmedikation oder der verstärkenden Wirkung von ähnlichen Wirkstoffen in unterschiedlichen Medikamenten bedarf es allerdings einer persönlichen individuellen Beratun, und die  fehlte bei fast allen Apotheken im Test. Alles in allem schneiden die Versand-Apotheken schlecht ab und hinterlassen keinen wirklich aufgeklärten und rundum informierten Kunden.

So bestellst du Medikamente richtig

Lass dich von den vielen vermeintlichen Schnäppchenangeboten nicht zum Kaufen und Horten von Medikamenten verführen. Bestell nur, was du unbedingt brauchst. Rezepte müssen als Original per Post eingeschickt werden. Hinterlasse deine Telefonnummer, damit du die Apotheke anrufen kannst. Nutze die Hotline, um deine Fragen zu Medikamenten, Dosierung und eventuellen Nebenwirkungen zu klären. Erwähne dabei alle Medikamente, die du bisher schon einnimmst. Bestehe darauf, dass dein Medikationsplan vervollständigt wird. Nimm keine Nahrungsergänzungsmittel, ohne, dass ein Arzt dir einen Mangel bescheinigt hat. Auch mit diesen scheinbar harmlosen Mitteln kannst du dich ernsthaft schädigen. Wer gerade in der dunklen Jahreszeit Vitamin-D zusätzlich einnimmt und es dabei übertreibt, riskiert ein Nierenversagen.

Auch die Vor-Ort-Apotheken schwächeln

Fast alle Schwächen, die der Stiftung Warentest aufgefallen sind, lassen sich hinsichtlich Beratung, Medikationsplan und Überversorgung mit Nahrungsergänzungsmitteln auch auf die Vor-Ort-Apotheken übertragen. Frag also auch hier genau nach den berühmten Risiken und Nebenwirkungen. Bei freiverkäuflichen Medikamenten frage immer nach einer preiswerten Alternative.

Fazit

Versandapotheken bieten preisliche Vorteile, haben aber in Sachen Beratung und Patientensicherheit mitunter erhebliche Schwächen. Die bunte Aufmachung der Webseiten verführt dazu, Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel zu kaufen, die du nicht brauchst oder die dir sogar gefährlich werden können. Sprich jede geplante Einnahme eines Mittels vorher mit deinem Hausarzt ab.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP am Vormittag | 06. November 0017 | 09:23 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. November 2017, 02:10 Uhr

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